Lügendetektor-Shows: Wo selbst die Wahrheit lügt

Weltweit grassiert eine neue Fernseh-Mode – sie ist beklemmender als „Big Brother“.

(c) AP (Joe Viles)

Spätestens seit „Big Brother“ ist offensichtlich, dass technologische Fortschritte, die sowohl unsere Lebensbedingungen als auch unser Selbstverständnis erschüttern, heute weniger über öffentliche Debatten in unsere Hirne sickern als über Fernsehshows. Kein Gesetz der letzten Jahre, das die Erosion von Datenschutz und Privatsphäre zum Normalzustand machte, wurde, zumindest in Europa, auch nur annähernd so energisch debattiert wie das täg- und nächtlich sichtbare Leben im gläsernen Container. Das ist mehr traurig als verwunderlich, die Lust am gewinnbringend Skandalösen macht eben oft wacher für das, was der Zeitgeist bringt, als die langweilige Sorge um alte Grundwerte – wie etwa eine durch immer stärkere Überwachung gefährdete Freiheit.

Freiheit, das ist auch die Lüge: das Paviankind, das die Mutter mit gespielten Hilfeschreien auf einen anderen Affen hetzt, nur um an dessen appetitliche Früchte zu kommen; Münchhausen, wenn er vor seinen Zuhörern auf einer türkischen Kanonenkugel dahergeflogen kommt; ja, sogar noch der Häftling auf Guantánamo, der trotz Folter nicht gesteht. Dass man lügen kann, ohne entdeckt zu werden, ist nicht nur sozial notwendig – Sätze wie „Ich will Deine langweiligen Urlaubsbilder wirklich nicht sehen!“ oder „Stimmt, Schatz, du hast über die Feiertage wirklich ordentlich zugelegt!“ sind dem Zusammenleben meist nicht sehr förderlich. Es bedeutet auch, dass es einen letzten inneren Rückzugsraum gibt, der von den anderen nicht betreten werden kann.


Toupet und sexuelle Fantasien

So gesehen ist das neuerdings von Kolumbien bis Deutschland grassierende Format der Lügendetektor-Show vielleicht noch beklemmender als „Big Brother“. Vergangenen Mittwoch hatte auf dem amerikanischen Sender Fox die Show „The Moment of Truth“ Premiere. Die Kandidaten müssen darin 21 für sie (und ihre Familie) peinliche bis peinigende Fragen beantworten. Ob sie die Wahrheit gesagt haben, entscheidet „the polygraph“ – der Lügendetektor. Eine Blutdruckmanschette, ein Atemgurt und Elektroden an den Fingern registrieren jede Veränderung der Atemfrequenz, des Pulses, des Blutdrucks, die Leitfähigkeit der Haut. Die potenziell pikantesten Stellen in diesem Seelenstriptease werden zuvor durch Gespräche mit den Angehörigen ermittelt.

Schnitzlers „Anatol“, vor die Aussicht gestellt, seiner hypnotisierten Geliebten die Wahrheit über ihr Liebesleben zu entlocken, entschied sich noch für das Nichtwissen. Aber Anatol wurden auch keine halbe Million Dollar angeboten. So viel winkt dem Kandidaten in „The Moment of Truth“, wenn der Detektor ihn bei keiner einzigen Lüge ertappt. In Deutschland sind es „nur“ 25.000 Euro. „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ heißt der kleine Klon zur US-Show, den RTL2 ab heute, Montag, in insgesamt sechs Folgen ausstrahlt.

Sie dürften kaum mehr Überraschungen bringen als vor fünf Tagen die erste Folge von „The Moment of Truth“. Da gestand Marketingchef George, dass er ein Toupet trägt, dass er schon einmal beim Kirchenbesuch sexuellen Fantasien frönte, und dass er einen heimlichen Hang zum Glücksspielen habe. Ein Personal-Trainer gab zu, dass er deswegen noch keine Kinder wolle, weil er nicht sicher sei, ob seine (anwesende) Frau Catia die Frau seines Lebens sei. Gefragt, ob er jemals eine weibliche Kundin mehr als nötig berührt habe, verneinte er – der Lügendetektor widersprach.


Technische Fehler – ausgeschlossen!

Sowohl die US- als auch die deutsche Show verbinden frühere, inhaltlich harmlosere Lügendetektor-Sendungen mit der Intim-Talkshow, wo jeder – Moderator, Kandidat, Angehörige – gegen jeden kämpft. Da ist es nicht mehr egal, wenn das Gerät einen Fehler macht. Selbst den voyeuristischsten Zuschauern wäre vermutlich unbehaglich beim Gedanken zumute, dass die Ehekrise, die auf den Kandidaten wartet, wenn er nach Hause kommt, auf technischem Versagen beruht; dass der Polygraf sich schlicht geirrt hat. Diese Sendung kann daher nur unter einer Voraussetzung funktionieren: das Vertrauen des Kandidaten, der Angehörigen und des Publikums in die absolute Verlässlichkeit des technischen Geräts.

Kein Wunder, dass die Sendungsmacher schon im Voraus alles tun, um etwaige Bedenken zu zerstreuen. „Eine streng wissenschaftliche Versuchsanordnung“, verkündete RTL2, gehe der Sendung voraus: Der Kandidat wird dabei an den Detektor angeschlossen und mit 50 bis 71 Fragen konfrontiert. Aus denen werden dann die 21 in der Sendung gestellten ausgewählt. Und für die „Wissenschaftlichkeit“ bürgt ein „US-Experte“: Nicholas T. Savastano.

Eine fragwürdige Autorität, wenn man weiß, womit er sein Geld verdient. Savastano, ein ehemaliger Polizeibeamter, arbeitet für Unternehmen, die bei Bewerbungsgesprächen Lügendetektoren einsetzen – eine in den USA mittlerweile gängige Praxis – oder damit betriebsinterne Betrügereien aufdecken wollen. Er betreute auch schon 2002 die kurzlebige Dating-Show „Meet my Folks“ auf NBC. Darin nahmen Eltern den Verehrer ihrer Tochter ins Kreuzverhör – unter Einsatz eines Polygrafen.

Savastano verspricht eine Trefferquote von 95 bis 97 Prozent, ganz im Einklang mit der American Polygraph Association, der rührigen Lobby-Organisation der Lügendetektorindustrie. Wissenschaftler dagegen schätzen, dass der Lügendetektor nur in 80 bis 90 Prozent der Fälle richtig liegt, oder noch seltener. Denn er misst keine Lügen, sondern Stress – und der kann auch durch die bloße Tatsache der Befragung ausgelöst werden. Berühmt ist der Fall Melvin Fosters, der 1982 als Verdächtiger in einem Serienmordfall einem Polygrafentest unterzogen wurde – und „durchfiel“. Zwei Jahrzehnte später fand man durch DNA-Analyse den wirklichen Täter – er hatte seinerzeit beim Verhör zwei Lügentests bestanden. Auch der für die Sowjets spionierende CIA-Mann Aldrich Ames schaffte es, sich so zu entspannen, dass er zwei Lügendetektortests des CIA bestand.


Frau gesteht Plan des Gattenmords

Schlimmer noch, als dass die in den TV-Shows präsentierte Lügendetektion fehlbar ist, ist die Aussicht, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte.

Etwa mit „No Lie MRI“ – einer Methode, die dem Polygrafen seit einigen Jahren zunehmend Konkurrenz macht und allgemein als vielversprechender gilt. So vielversprechend, dass angeblich schon Angeklagte und Verurteilte bei der Firma Schlange stehen, um ihre Unschuld zu beweisen. „No Lie MRI“ misst mit Magnetresonanz-Bildgebung die Aktivitäten im Vorderhirn – die sind, heißt es, beim Lügen verstärkt. Auch dieses Verfahren hat schon ins Fernsehen gefunden: Der 2007 gezeigte britische Doku-Dreiteiler „Lie Lab“ wandte es auf zwei der drei „Tipton Three“ an. Die durch den Film „The Road to Guantánamo“ bekannten, angeblich unschuldig inhaftierten britischen Muslime wollten vor der Kamera beweisen, dass sie keine Terroristen seien. Tatsächlich gestand schließlich einer der zwei, in einem islamistischen Trainingslager gewesen zu sein.

In der kolumbianischen Version der RTL2-Show wiederum bekannte vergangenen Herbst eine Frau, einen Auftragskiller auf ihren (noch lebenden) Mann angesetzt zu haben. Weil sie nicht log, bekam sie die 25.000 Dollar Preisgeld trotzdem. Die Sendung wurde verboten.

Das deutschsprachige Publikum wird sich wohl mit Enthüllungen à la „Meine Frau gefällt mir nicht mehr“ begnügen müssen. Aber, selbst wenn der Polygraf dabei nicht „lügt“ – ist eine solche „Wahrheit“ wahrer als das trotzdem gesagte „Mit dem Kleid schaust du aber hübsch aus!“? „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ verspricht die neue RTL2-Show. Zutreffender wäre der Titel eines Films von Atom Egoyan, Where The Truth Lies – in seiner hintersinnigen Bedeutung: „Wo die Wahrheit lügt“.

POLYGRAF IM FERNSEHEN: Von Kolumbien bis Deutschland

„Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ ist ab heute, Montag, auf RTL2 zu sehen.Das US-Pendant, „The Moment of Truth“, startete am 24. 1. Eine kolumbianische Version wurde verboten, nachdem eine Frau einen geplanten Auftragsmord gestanden hatte.

Frühere Shows: z.B. „Meet My Folks“ (2002, Befragung von Heiratsanwärtern durch die Eltern des gewünschten Partners) oder „Lie Lab“ (England, Gäste waren u.a. eine des Kindsmordes beschuldigte Frau, zwei der des Terrorismus beschuldigten „Tipton Three“).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2008)

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