Das geschlechtliche I ohne Tüpfelchen

Ein von vielen Prominenten unterzeichneter offener Brief hat die Debatte über „geschlechtersensible“ Schreibweisen angeheizt. Woher kommt das Binnen-I, wer will es und was soll es?

Symbolbild
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Symbolbild – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Ein – gestern auch in der „Presse“ veröffentlichter – offener Brief hat das Thema wieder aufs Tapet gebracht: 800 Sprachkritiker fordern Bildungsministerin Heinisch-Hosek und Wissenschaftsminister Mitterlehner zu einer „Rückkehr zur sprachlichen Normalität“ auf. Sie stoßen sich am „Wildwuchs durch das sprachliche Gendern“, wollen „geschlechtersensible“ Formulierungen mit Binnen-I oder Satzzeichen im Wortinneren abschaffen. Rote und grüne Organisationen, Gewerkschaften und Hochschülerschaft reagierten empört auf diesen Vorstoß. Und wieder steht ein Zeichen im Zentrum der Debatte: das Binnen-I.

1 Wer hat's erfunden?

Die „Geschlechtsreife“ des kleinen i.

Ausgerechnet einem Mann wird die erste Verwendung des Binnen-I zugeschrieben. Der Journalist Christoph Busch schrieb 1981 in seinem Buch über freie Radios erstmals von HörerInnen. Damit verschmähte er die bis dahin üblichen Schreibweisen mit Klammern oder Schrägstrichen. Seine Interpretation: Das „i“ der -innen sei „geschlechtsreif“ geworden und mit dem Schrägstrich zum „I“ verschmolzen. Als erstes Medium übernahm die Schweizer Wochenzeitung „WOZ“ das Binnen-I. Noch heute schreibt dieses linke Blatt konsequent von KünstlerInnen, MigrantInnen und InvestorInnen. Auch die deutsche Tageszeitung „taz“ übernahm das steile I in den 80er-Jahren, verwendet es heute aber nur mehr vereinzelt. In Österreich verwendet es heute keine Tageszeitung.

2 Was spricht für, was gegen das Binnen-I?

Die Argumente der Verfechter und Kritiker.

Eine Errungenschaft jahrelanger Emanzipationsbemühungen, ein kleiner, schmerzloser Akt, um Frauen auch sichtbar zu machen oder eine Verunstaltung der deutschen Sprache, ein hässlicher Strich in der Wortlandschaft? Hinter der Diskussion steht die These, dass Ministerinnen und Mörderinnen nicht von allein mitgedacht werden, wenn in einem Text nur von Ministern und Mördern die Rede ist. Wer Frauen meint, müsse sie auch nennen. Das Binnen-I ist angesichts der vielen Gender-Möglichkeiten wohl die kürzeste und einfachste. Das große I soll – im Gegensatz etwa zum eingeklammerten (in) – die weibliche Form betonen, wenn sie der männlichen schon hintangesetzt wird.

Dagegen spricht, dass Binnenmajuskel in der deutschen Sprache nicht vorgesehen sind. Das Binnen-I „entspricht nicht den Rechtschreibregeln“, dekretierte der Duden 2011 in einem Newsletter. Kritisiert wird außerdem die schlechte Lesbarkeit und faktische Unaussprechlichkeit des Binnen-I: Soll man nun Studentinnen lesen (was in der gesprochenen Sprache wiederum die Männer unsichtbar machen würde) oder Student-Innen (mit einer kurzen Pause)? Auch funktioniert es nicht immer: Das Wort ÄrztInnen würde aus einem Arzt etwa einen Ärzt machen. Das Binnen-I blieb auch unter Feministinnen umstritten: Manche Frauen stießen sich an der „phallischen Form“.

3 Von Klammern und Schrägstrichen:

Alternativen zum Binnen-I.

Möglichkeiten, die weibliche Seite eines Personenbegriffs sichtbar zu machen, gibt es jedenfalls viele. Vom Duden empfohlen wird die Nennung beider Geschlechter (Bürger und Bürgerinnen bzw. umgekehrt) oder, zur Vereinfachung, die Schreibweise mittels Schrägstrich oder Klammer. Als Student/-in oder Student(in) wollen ebensolche aber oft nicht bezeichnet werden, die Form würde die Frau zu einem Anhängsel des Mannes degradieren. Einfacher ist oft, ganz auf geschlechtsneutrale Begriffe umzusteigen und statt von Lehrer/innen schlicht von Lehrpersonen zu schreiben – was sich freilich auch nicht immer umsetzen lässt. Eine radikale, aber unkomplizierte Möglichkeit ist das generische Femininum: Die Universität Leipzig hat etwa alle Professoren und Studenten aus ihren Schriften verbannt und spricht konsequent von Professorinnen und Studentinnen. Der „Gender Gap“, der von Vertretern der Queer-Theorie (die gegen den „Zwang“ zur Zweigeschlechtlichkeit ist) bevorzugt wird, soll durch Freihalten einer Lücke im Schriftbild schließlich nicht nur Frauen, sondern auch sexuell Uneindeutige in einen Personenbegriff mit einschließen: Die Schreibweise Leser_innen (eventuell auch kombiniert mit Binnen-I) soll etwa auch trans- oder intersexuelle Lesende umfassen.

4 Und was ist jetzt richtig?

Gendern im Sprachgebrauch.

„Die Verwendung rein maskuliner Sprachformen sollte der Vergangenheit angehören“, heißt es im Leitfaden „Geschlechtergerechter Sprachgebrauch“ des Frauenministeriums. Darin werden verschiedene Formen des sprachlichen Genderns vorgeschlagen: Vom Binnen-I über die Nennung beider Geschlechter bis hin zu Umformulierungen, um Personenbezeichnungen ganz zu vermeiden. Als nicht akzeptabel gelten im Leitfaden das „in“ in Klammern und die sogenannte Generalklausel, bei der am Anfang eines Textes darauf hingewiesen wird, dass sich alle männlichen Bezeichnungen auch auf Frauen beziehen. Diese Abkürzung entspreche „nicht dem gendergerechten Sprachgebrauch“. In Gesetzestexten kommt sie allerdings zur Anwendung.

5 Deutsche Sprache, sexistische Sprache? Die Genderdiskussion abseits des Deutschen.

Die Genderdebatte wird nicht nur im deutschen Sprachraum geführt. Auch um den englischen „man“, der nicht nur einen Mann, sondern den Menschen im Allgemeinen bezeichnet, wird diskutiert. Im Spanischen gilt die männliche Form stets als Überbegriff für eine gemischte Gruppe: Niños bezeichnet also Buben und Mädchen, selbst wenn ein paar niñas mitgemeint sind. Gendergerecht liest man daher oft von „l@s niñ@s“, was das Binnen-I an Unaussprechlichkeit wohl noch übertrifft. Einfacher haben es zum Beispiel die Japaner: Die japanische Sprache kennt kein grammatisches Geschlecht, Personenbezeichnungen sind, mit wenigen Ausnahmen, geschlechtsneutral.

 

Nachtrag: Ein Leser wies uns via Twitter darauf hin, dass das Japanische in diesem Fall kein gutes Beispiel für eine "einfache" Sprache ist, was Gendersensibilität angeht. Zwar gibt es kein grammatisches Geschlecht, allerdings ist das Japanische stark gender-codiert - was so weit geht, dass Frauen andere Wörter und Formulierungen benutzen als Männer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2014)

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