Die CD ist in Österreich noch nicht ausgestorben

Sony-Music-Chef Philip Ginthör sieht Streamingdienste als ökonomisches Zugpferd, hält nichts von einer Ö3-Quote und findet Conchita Wurst motivierend.

Sony-Music-Chef Philip Ginthör
Sony-Music-Chef Philip Ginthör
Sony-Music-Chef Philip Ginthör – Clemens Fabry

Haben Sie ein Spotify-Abo?

Philip Ginthör: Ja.

 

Zur Konkurrenzanalyse oder wozu?

Als Nutzer und Musikfan schätze ich den unlimitierten Zugang zu neuer Musik. Durch Streamingdienste ist der Musikkonsum sozial, mobil und ubiquitär geworden.

 

Wie viel verdient ein Künstler an einem Album oder einem Song bei Spotify, Simfy oder anderen Streaming-Plattformen?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort, weil Musik bei Streamingdiensten generell nach Nutzung abgerechnet wird und nicht nach verkauften Einheiten, wie bei CDs oder MP3s. Wenn zu Beginn nominal weniger abgerechnet wird, sind die Umsätze längerfristiger, denn jedes Mal, wenn jemand einen Song oder das Album des Künstlers hört, fallen wieder Umsätze für ihn an. Streaming ist ein ökonomisches Zugpferd für die Creative Industry geworden – die Streaming-Umsätze verdoppeln sich im deutschsprachigen Markt Jahr für Jahr. Ein durchschnittlicher Musiknutzer gibt in etwa 60 Euro pro Jahr für Musik aus. Nutzer von Streamingdiensten geben durchschnittlich 120 Euro aus. Manches wird digital gekauft, besonders gute Alben auf Vinyl oder CD. So etablieren sich verschiedene Nutzungsformen parallel zueinander.

 

Der deutsche Musikmarkt wuchs 2013 das erste Mal seit 15 Jahren wieder um 1,2 Prozent. Es heißt, an der Musikbranche sehe man, wie sie durch die Digitalisierung zerstört wurde und sich dann wieder selbst aufgebaut hat. Stimmt dieses Märchen für Sie?

Es geht nicht um die Überwindung einer Krise, sondern um das Schaffen neuer Angebote. Durch die Digitalisierung konnte der Konsument zum ersten Mal zeigen, dass er sich eine andere Darreichungsform von Medien wünscht. Anfangs passierte das leider nur durch illegale Angebote. Aber mittlerweile hat es die Musikindustrie geschafft, die Menschen auf legalem Weg zu erreichen. Heute sind über 30 Millionen Songs legal verfügbar. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Anzahl der Musikshops im Netz verdoppelt. Man sieht, ein Markt ist neu entstanden.

 

Auch die Printmedien befinden sich im Umbruch. Glauben Sie, dass Zeitungen online so etwas wie Spotify helfen würde?

Definitiv. Wobei es nicht darum geht, ob der Wechsel von einem Model zu einem anderen funktioniert. Wir Medienmacher sind angehalten, ein relevantes Angebot an spannenden und inspirierenden Inhalten zu machen. Das funktioniert auf verschiedenen Vertriebswegen – dazu gehört für mich aber nach wie vor die Papierausgabe.

 

Der Unterschied ist nur: Im Musikmarkt wurden Inhalte online gestohlen, im Nachrichtenmarkt werden sie verschenkt.

Das könnte ein Problem der Verfügbarkeit, nicht der Relevanz sein... aber ernsthaft: Auch im Printbereich gibt es noch Erfolgsgeheimnisse. „Die Zeit“ ist ein sehr schönes Beispiel dafür. Sie besinnt sich auf die Kernkompetenz ihrer Marke und entwickelt daraus ein Portfolio an verschiedenen Angeboten.

 

Sie glauben also, wenn das Produkt relevant ist, wird es auch digital gekauft? Oder ist Musik lebensbestimmender für die Menschen als Zeitungsinhalte?

Sie ist heute nicht lebensbestimmender als früher. Aber Musik ist ein sehr emotionales Produkt und die Bedeutung für den einzelnen Musikfan wächst, wie Studien zeigen. Es ist schwieriger, darauf zu verzichten.

 

Die Privatsender wollen YouTube auf Urheberrechtsverletzung verklagen. Sie halten das für keine schlechte Idee. Warum?

YouTube wird weltweit von über einer Milliarde Menschen genutzt. Wenn man kreative Inhalte herstellt und vertreibt, ist es erstrebenswert, auf möglichst vielen Plattformen präsent zu sein. Aber Inhalte, an denen ein Urheberrecht entsteht, müssen entlohnt werden. Es kann nicht sein, dass illegal oder auch nur unbeabsichtigt nicht legal Inhalte verbreitet werden und man de facto die Kreativen ausbeutet.

 

Was bewirkt der Songcontest-Sieg von Conchita Wurst für den Austro-Musikmarkt?

Eine Folge hat es: Man sieht, dass Österreich im Entertainment-Bereich in der Lage ist, hoch emotionale und relevante Stars hervorzubringen. Das ist eine wichtige Nachricht für alle Menschen, die sich damit beschäftigen. Mit einem originellen, authentischen Star kann man letztlich auch den Weltmarkt erobern. Conchita Wurst ist für jeden motivierend.

 

Nach dem Eklat um Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger forderten manche eine Österreich-Quote für Ö3: Sinnvoll oder nicht?

Die Debatte wurde sehr emotional geführt. Ich finde es wichtig, dass große Medien auch für sie nicht relevante Künstler mit Respekt behandeln, aber ich glaube nicht, dass eine Quote etwas zum Besseren regelt. Ö3 ist nicht dafür verantwortlich, die Vielfalt des österreichischen Marktes abzubilden. Mit gleichem Recht könnten auch die Philharmoniker sagen: Ich habe ein gut verkauftes Arien-Album, warum spielt das der Kratky nicht in der Früh?

 

Sie sind für die Märkte Schweiz, Österreich, Deutschland zuständig. Worin unterscheiden sich die drei?

In Deutschland werden immer noch 75 Prozent der Musikverkäufe über CDs generiert. Das ist ähnlich in Österreich. Der digitale Musikkonsum kommt vor allem über „Download to own“, nur fünf bis sieben Prozent werden über Streaming eingenommen. Die Schweiz ist hingegen schon sehr weit bei der Digitalisierung. Wir rechnen damit, dass Ende dieses Jahres die Hälfte aller Musikumsätze digital gemacht wird. Und in allen drei Märkten ist lokales Repertoire wieder relevant geworden, es macht über 50 Prozent des Marktes aus.

 

Apropos lokales Repertoire. Wer sind die drei wichtigsten Künstler in jedem Land?

Wichtig ist ein schwieriger Terminus – wir nehmen alle unsere Künstler ernst. Wenn wir von den Abverkäufen ausgehen, sind es in allen Ländern deutschsprachige Künstler. In Deutschland Andrea Berg, Peter Maffay und Tim Bendzko. In Österreich die Seer.

Zur Person

Philip Ginthör, gebürtiger Österreicher, nach dem Jusstudium erste Karriereschritte im Condé Nast Verlag und bei der Bertelsmann AG. 2005 wechselt er zu Sony BMG Music, wird 2009 General Manager Sony Music Austria und 2011 Geschäftsführer für Sony Music Entertainment in Deutschland, Schweiz und Österreich. Er war auch Jurymitglied der ORF-Sendung „Helden von morgen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2014)

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