Showdown um die „Spiegel“-Spitze

Chef gegen Mitarbeiter, Print gegen Online, jeder gegen jeden: Der Machtkampf beim Hamburger Nachrichtenmagazin hätte eine Coverstory in eigener Sache verdient.

Wolfgang Büchner
Wolfgang Büchner
(c) EPA

Eilig hatten es die Redakteure vom „Spiegel“ an diesem Freitag. Das Magazin, das am Sonntag erscheint, musste bis zum Abend fertig produziert sein, weil auf das Cover der aktuellen Ausgabe noch eine DVD zu kleben war. Dennoch fanden die Journalisten etwas Zeit, so nebenbei auf einer Unterschriftenliste die Absetzung ihres Chefs zu fordern. Über 80 Prozent der 250 schlossen sich der Petition an – ein überwältigendes Misstrauensvotum gegen Wolfgang Büchner. Wieder einmal sorgt das Hamburger Heft für alarmierende Schlagzeilen in eigener Sache.

Die Gesellschafter der Mitarbeiter KG, die sich mit den Minderheitseigentümern Gruner+Jahr und Rudolf Augsteins Erben am Nachmittag zu einer Krisensitzung trafen, sind nicht zu beneiden. Sie müssen in dem beispiellos chaotischen Machtkampf Stellung beziehen: für oder gegen ihren eigenen Chefredakteur, der erst seit einem Jahr im Amt ist. Für oder gegen sein Konzept „Eisberg“, für das man ihn geholt hatte, das den Print- und den Onlinebereich verzahnen und damit in eine lukrative digitale Zukunft führen soll. Aber auch: für oder gegen den Frieden im Haus und den Schaden, den ein eskalierender Konflikt für das Medium mit sich bringt. Bis zum Redaktionsschluss dieser „Presse“-Ausgabe war noch nichts entschieden. Die Zeichen deuteten auf einen Burgfrieden hin.

Wie konnte es aber überhaupt so weit kommen? Angetreten ist Büchner, der zuvor die Nachrichtenagentur DPA auf Vordermann gebracht hatte, mit dem Auftrag, die Wogen zu glätten. Schon sein Vorgängerduo, Georg Mascolo (für die Printredaktion) und Mathias Müller von Blumencron (für die Onlineredaktion) hatten sich heillos über die künftige Digitalstrategie zerstritten. Die beiden standen für Apartheid: zwei Redaktionen, zwei Ausgaben, zwei Klassen von Mitarbeitern. Die Redakteure des gedruckten „Spiegels“ werden weit besser bezahlt; nur sie profitieren über Anteile am Verlag an den (schrumpfenden) Gewinnen.

 

Aufstand der stolzen Ressortleiter

Nun sollte einer für alle stehen, Gräben zuschütten und Welten zusammenführen. Das Gegenteil geschah. Sogleich brachte Büchner die mächtigen Print-Ressortleiter gegen sich auf, weil er einen „Bild“-Mann in führender Position an Bord holen wollte. Nur mühsam fand sich für Nikolaus Blome ein Kompromiss, da provozierte Büchner die Granden des Gedruckten bereits mit einer zweiten Personalie: Er degradierte „Vize“ Martin Doerry, den großen Intellektuellen der Redaktion, zum einfachen Autor.

Immer lauter murrten die Ressortleiter, bewusst indiskret auch nach außen: Büchner sei kein Schreiber, kein Blattmacher, es fehle ihm die Leidenschaft für Themen und Debatten, er binde die Redaktion nicht ein und entscheide einsam. Anfang Juli brach der offene Machtkampf aus: Eine Delegation marschierte zum Geschäftsführer und forderte Büchners Kopf. Ove Saffe wehrte ab, der Angegriffene selbst konterte hart: Alle Ressortleiter, so wurde kolportiert, wolle er austauschen und sich so seiner Gegner entledigen.

Kern und Faktum: Büchners Konzept sieht vor, dass künftig jeder Ressortleiter für Print- und Online-Inhalte zuständig ist. Zu diesem Zweck sollen alle Posten neu ausgeschrieben werden – was eine Neubesetzung bedeuten kann, aber nicht muss. Der erste Schritt zu einer Fusion, die bislang ausgeschlossen wurde? Fest steht das Ziel, die Nutzer von Spiegel Online künftig zum Zahlen mancher Inhalte zu bewegen. Das kann viel leichter gelingen, wenn diese in Bezug zu den investigativen Themen und fundierten Analysen des gedruckten Blatts stehen. Beide müssen also zusammenrücken, um in Zeiten sinkender Auflage und Anzeigenerlöse im Printbereich die finanzielle Zukunft zu sichern.

Als Büchner sein Konzept präsentierte, erst vor der Mitarbeiter KG, dann vor den Redakteuren, eskalierte der Konflikt. Aber auch die Rebellen haben ein Problem: Sie stehen als Blockierer und Besitzstandswahrer da, die sich aus Macht- und Geldgier den neuen Zeiten verweigern. Deshalb betonten sie, dass sie nichts gegen die Reform an sich hätten, aber viel gegen den, der sie umsetzen soll und dem sie nicht mehr vertrauen. Streiks und Klagen stehen im Raum. Der zermürbende Kampf bindet Kapazität. So lässt sich kaum vermeiden, dass die Qualität darunter leidet. Das publizistische Flaggschiff Deutschlands wird am „Eisberg“ nicht scheitern. Aber ein Leck ist bereits geschlagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2014)

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