Oscar Bronner: „Wir sind eine Art gallisches Dorf“

Der „Standard“ wird im Oktober 20 Jahre alt. Gründer und Herausgeber Oscar Bronner im Gespräch über WAZ-Angebote, Leseranrufe und seine Blattlinie.

(c) Die Presse (Teresa Zötl)

Die Presse: Sie haben vor 20 Jahren den Standard gegründet. Würden Sie es wieder tun?

Oscar Bronner: Ich hoffe ja... ja! Es ist vielleicht nicht höflich, das gegenüber einer Kollegin von der „Presse“ zu sagen: Ich habe in New York gelebt und wollte wieder nach Hause kommen. Die Aussicht, mit den damals vorhandenen Tageszeitungen leben und die „New York Times“ (NYT), die ich immer gelesen habe, gegen diese eintauschen zu müssen, hat mich zögern lassen.

 

Da haben Sie einfach eine Zeitung gegründet?

Bronner: Ich wollte ja nur, dass es eine Zeitung wie den „Standard“ gibt. Ich wollte ihn ja gar nicht selber machen, sondern weiter malen. Armin Thurnher war bereit, am Anfang mitzuhelfen. Es gab großes Interesse, halbe Zusagen – aber zum Schluss war ich mit dem Projekt allein. Dann habe ich festgestellt: Wenn ich so eine Zeitung lesen will, dann muss ich sie wohl selber machen.

 

Warum wollten Sie nach New York – und warum kamen Sie wieder zurück?

Bronner: Ich habe immer zwei Interessen gehabt: das Schreiben und das Malen. Als ich „Trend“ und „Profil“ verkauft hatte, hatte ich zum ersten Mal Geld und fand es reizvoll, die andere Seite auszuleben. Ich bin für ein halbes Jahr nach New York gegangen. Ich habe mich in eine Frau verliebt – wie das halt so läuft. Nach 13 Jahren bin ich draufgekommen, dass das halbe Jahr vorbei ist.


Ist Ihr Plan, eine NYT für Österreich zu machen, Ihrer Meinung nach aufgegangen?

Bronner: Die NYT ist unabhängig, kommuniziert mit dem Leser auf Augenhöhe und hat keine „versteckte Agenda“. In dem Aspekt haben wir unser Ziel erreicht. Andererseits hat die NYT derzeit 1200 Journalisten. Wir haben weniger. Aber die NYT hat sich diese Marktposition in über 150 Jahren erarbeitet. Der „Standard“ ist jetzt zarte 20 Jahre alt. Ich würde sagen: Reden wir in 130 Jahren weiter. Dann wird die NYT einige Journalisten weniger haben und wir einige mehr.

 

Es gab Widerstand gegen Ihre Zeitungsgründung. Was ist passiert?

Bronner: Am Anfang war meine Hoffnung, dass ich das Projekt nur aus Österreich finanzieren kann. Ich hatte eine Vereinbarung mit einem Banken-Konsortium. Dann sind einige Herrschaften zu „Zeitungsverhinderungssitzungen“ zusammengetreten – und die Banken verloren ihr Interesse.

Welche war die schlimmste Krise?

Bronner: Ich hatte den Springer-Verlag als Partner, und dort gab es Machtkämpfe. Um Kurs zu halten, musste ich mich bei meinem Partner unbeliebt machen. Dann gab es Angebote der WAZ, den „Standard“ in den „Kurier“ zu fusionieren. Das musste ich abwehren. In jeder dieser Krisen habe ich Springer angeboten, die Anteile zurückzukaufen, irgendwann ist man darauf eingegangen. Das Geld dafür bekam ich von einer Bank, die eigentlich die Zeitung übernehmen wollte. Da waren also schon heftige Dinge dabei.

 

Wie fühlen Sie sich als Einzelkämpfer?

Bronner: Wir waren im österreichischen Markt immer allein, hatten hier nie andere Medienkonzerne als Partner. Jetzt haben wir die „Süddeutsche“ ausgekauft und stehen überhaupt allein. Das ist mir sehr sympathisch. Wir sind in einem so stark konzentrierten Markt eine Art gallisches Dorf, das auf niemanden Rücksicht nehmen muss.

 

Sie wollten ja von Anfang an niemandem verpflichtet sein. Kann man sich so eine Unabhängigkeit bewahren?

Bronner: Das müssen die Leser beurteilen. Wir haben auf niemanden Rücksicht genommen. Es gibt mit uns keine Deals. Auch in der Zeit, als wir den Kredit von der Bank Austria hatten, gab es keinerlei Rücksichtnahmen.

 

Der „Standard“ gilt als links-liberal. Sehen Sie das auch so?

Bronner: In der Blattlinie steht im ersten Satz: Der „Standard“ ist eine liberale Zeitung. Wir betrachten uns weder als links- noch rechts-liberal. Liberal wird in Österreich gerne mit links-liberal gleichgesetzt, daher das Etikett.


Sie sind den Österreichern stimmlich vertraut: „Mein Name ist Oscar Bronner“, so die Radiowerbung. Sind die Leser Ihnen auch so vertraut?

Bronner: Ich glaube nicht, dass ich den Lesern vertraut bin – außer der Stimme. Wir haben ein paar hunderttausend. Zum Glück. Daher können sie mir nicht vertraut sein. Aber: Ich lasse mir Leser durchstellen und höre mir Beschwerden und Komplimente an. Öfter Beschwerden. Ich bin kein Networker, gehöre keiner Partei, keiner Organisation à la Rotary an. Ich bin ein zurückhaltender, eher privater Mensch – wahrscheinlich mache ich es mir damit schwerer. Aber so bin ich nun mal.

 

Der „Standard“ war als erste österreichische Zeitung im Internet. Sind Sie ein technikaffiner Mensch?

Bronner: Ich bin ein Gadget-Freak (Gadget = technische Spielerei, Anm.). Von Internet habe ich wenig Ahnung gehabt. Das verdanke ich Gerlinde Hinterleitner: Die war damals eine kleine Archiv-Mitarbeiterin und hat bei einer Messe im Rathaus solche Dinge gesehen. Wir haben dann mit einem Mini-Budget die Zeitung online gestellt. Ich habe sofort gesehen, dass das eine Revolution war.


Wie viel trägt Online zum Erfolg des Unternehmens bei?

Bronner: Das kann man heute schwer auseinanderhalten. Die Zeitung war damals schon erfolgreich. Online macht an die 20 Prozent des Print-Umsatzes. Viele haben befürchtet, dass Online die Zeitung kannibalisiert – bei uns nicht. Im Gegenteil.

ZUR PERSON

Oscar Bronner wurde als Sohn des späteren Kabarettisten Gerhard Bronner 1943 in Haifa geboren. Noch keine 30, gründete er Mitte der Siebzigerjahre die Magazine „Trend“ und „Profil“. Nach Jahren in New York kehrte er nach Wien zurück und gründete 1988 die Tageszeitung „Standard“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2008)

Kommentar zu Artikel:

Oscar Bronner: „Wir sind eine Art gallisches Dorf“

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen