Fernsehen: Hetzkampagne gegen einen „lustigen Abend“

Drohungen, Sabotage, Interventionen: Stermann & Grissemann sagen Klagenfurt-Auftritt ab.

(c) APA (Barbara Gindl)

„Man kann Österreich niemandem erklären“, sagt Kabarettist Dirk Stermann in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“. Für Kärnten gilt das seit dem Tod Jörg Haiders besonders. Seit Stermann und Bühnenpartner Christoph Grissemann in ihrer ORF-Sendung „Willkommen Österreich“, am 23.Oktober, den Haider-Hype thematisierten, sehen sich die beiden mit einer Kritikwelle konfrontiert, die sich langsam zur Hetzkampagne auswächst. Erst kündigte Haiders Nachfolger als Kärntner Landeshauptmann, Gerhard Dörfler (BZÖ), eine Popularbeschwerde gegen den ORF an und intervenierte beim Rektor der Uni Klagenfurt, einen dort für 12.Dezember geplanten Auftritt der beiden mit dem Programm „Die deutsche Kochschau“ zu untersagen.

 

Morddrohungen und Sabotage

Das wird nun nicht mehr nötig sein: Am Dienstagnachmittag gab das Management von Stermann und Grissemann die Absage des Termins bekannt: „Angesichts der aktuellen Umstände halten wir zum jetzigen Zeitpunkt eine Durchführung der Veranstaltung für nicht verantwortungsvoll.“ Zuvor war bekannt geworden, dass es gegen die Kabarettisten auch schwere Drohungen gab. Udo Leitner von der Agentur Hoanzl, die die beiden betreut, bestätigt dies der „Presse“. Ihm liege unter anderem ein Mail vor, in dem es heißt: „Die zwei werden Kärnten im Heck eines Kombis, verlassen, denn der letzte Wagen ist immer ein Kombi...“

Auch von einem vermuteten Sabotageakt wurde berichtet: Jemand habe am Wagen von Ingo Krassnitzer, dem Eventmanager, der den Auftritt in Klagenfurt organisiert hatte, die Radmuttern gelockert. Krassnitzer meint zwar, es gebe „keinen endgültigen Beweis dafür, dass die Aktion in Zusammenhang mit dem Auftritt steht“ – er habe aber auch keine andere Erklärung.

Spätestens da waren sich Stermann und Grissemann nicht mehr sicher, ob sie den Termin einhalten sollen. „Wenn man im Internet Postings von Leuten liest, die busweise dort hinfahren möchten, damit wir in Särgen zurückgeschickt werden, dann sind das keine guten Voraussetzungen für einen lustigen Abend“, sagt Stermann in einem Interview für den heute erscheinenden „Falter“. Er verstehe die Aufregung nicht: „Das war keine bösartige Berichterstattung. Wir haben uns angesehen, wie diese Trauer – und zwar die verordnete Trauer – zelebriert wurde.“ Und die wurde dann aufs Korn genommen. Stermann: „Die Kärntner müssen es aushalten, wenn ein Deutscher ihre Tracht trägt. Deswegen ist nicht das ganze Land entweiht.“ Über 64.000-mal wurde das entsprechende Video bereits auf YouTube (www.youtube.com) abgerufen.

Landeshauptmann Dörfler sprach sich laut Austria Presse Agentur am Dienstag gegen jede Form der Eskalation aus: „Ich lehne jede Aktion jenseits des schriftlichen Protestes ab.“ Zum Sabotageakt gegen Eventmanager Krassnitzer meint er: „Vielleicht hat er gerade Winterreifen aufgesteckt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2008)

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