„24“: Am siebten Tag ruht Bauer nicht

Weltweit gleichzeitig läuft Montag die neue Staffel der Serie an. Diente Protagonist Jack Bauer bisher einem afroamerikanischen Präsidenten, ist es nun: eine Frau.

(c) 20th Century Fox

Die Uhr tickt wieder: Die siebte Staffel von „24“ beginnt. Nach einem Jahr Pause – der Drehbuchstreik in Hollywood und eine Haftstrafe von Hauptdarsteller Kiefer Sutherland (Trunkenheit am Steuer) verzögerten den Countdown – kehrt der härteste Agent der USA auf den Bildschirm zurück: Aber wird der von Sutherland gespielte Jack Bauer, berüchtigt für seine Foltermethoden bei der Terrorbekämpfung, sich in der Obama-Ära noch zurechtfinden? „24“ wurde schließlich zum televisionären Inbegriff des vom Bush-Regime verkündeten „War on Terror“, nachdem in einer nachgerade historischen Fügung die erste Folge zwei Monate nach dem 11.September 2001 in den USA ausgestrahlt wurde.

Die Serie traf einen Zeitgeist, aber ihr phänomenaler Erfolg verdankte sich nicht einfach dem unbedingten Patriotismus, mit dem Bauer und seine Kollegen von der CTU (Counter Terrorist Unit) Amerikas Feinden zu Leibe rückten – und Leib und Leben jederzeit zu opfern bereit waren. Auch wenn Joel Surnow, einer der Schöpfer der Serie, bekannte, ein politischer „Rechtsaußen-spinner“ zu sein, und der rechtspopulistische Sender Fox die Plattform für „24“ war, schwangen zwiespältigere Zwischentöne mit. Während manch korrupter und überforderter Politiker in der Serie an die amtshabenden Republikaner erinnerte, war der charismatischste Staatenlenker der erste afroamerikanische Präsident der USA: David Palmer, integer, jung, ein Mann mit Vision. Manche Kommentatoren wollten in dem TV-Präsidenten gar jenen Faktor sehen, der Barack Obama erst einer breiten Öffentlichkeit attraktiv scheinen ließ. (In der siebten „24“-Staffel darf nun übrigens eine Frau über die Vereinigten Staaten präsidieren.)

 

Selbst Werbepause ins Konzept integriert

Die Debatten zur Serie verliefen einigermaßen kontrovers: „Himmler von Hollywood“ titelte der auf Popkulturphänomene abonnierte Philosoph Slavoj Zizek angesichts der Foltermethoden von Bauer, während sich Offiziere im Irak beschwerten, dass die Torturen zum Imitieren einluden – wo doch jeder wisse, dass Folter unter Zeitdruck nie brauchbare Ergebnisse abwerfe. Da stößt man auch zum entscheidenden Faktor für die Popularität der Serie vor: die Dringlichkeit ihrer Zeitdramaturgie. Eine Staffel ist ein Tag: Je 24 Stunden hat Jack Bauer Zeit, um die Katastrophe zu verhindern. Innovativ und preisgekrönt war der Einsatz von Handkamera und Split-Screen, selbst Werbepausen wurden in den Countdown integriert: Die Uhr läuft weiter, als wäre es eine Liveübertragung – wenn es vor der Unterbrechung 8.15 war, ist es nachher 8.20. Ununterbrochen im Dienst, das Privatleben ist längst eins mit der Arbeit: „24“ ist die Serie zum Turbokapitalismuslebensgefühl.

Dramaturgisch hat der Turbo aber ein Problem: Gab man sich in der ersten Staffel Mühe, das 24-Stunden-Konzept relativ realistisch umzusetzen, so suchte man für die Steigerung des Adrenalinausstoßes extreme Gefahren, die immer unglaubwürdigere Lösungen bedingten. Tödliche Viren, Atomschläge, gar ein Dritter Weltkrieg drohten. Die bewährte Suchtdramaturgie lockte zwar ein Millionenpublikum an, aber mit der sechsten Staffel war der Bogen überspannt: Die Reaktionen der Fans waren niederschmetternd.

Also soll das Comeback am 11.Jänner eine Rundumerneuerung bringen: mit einem anderen, „persönlichen“ Jack Bauer. Es wird auch keine Atomschläge und islamischen Terroristen geben; CTU (Sitz: Los Angeles) ist aufgelöst, Jack Bauer ist in Washington. In einem Vorabfilm, „24 – Redemption“, der als Brücke zwischen sechster und siebter Staffel diente, hatte Bauer gar zwischen afrikanischen Kindersoldaten mit seinem Gewissen gehadert, aber die Seriendramaturgie griff nur in der US-Parallelhandlung, wo als Bösewicht Jon Voight eingeführt wurde. Trotz Echtzeitkonzept blieb es ein austauschbares Abenteuer: Kein gutes Zeichen für einen erwogenen „24“-Kinofilm nach Auslaufen der Serie.

Die wird es jedenfalls bis zur achten Staffel geben, die Verträge sind unterschrieben. Und sie wird trotz des Kurswechsels mit alter Atemlosigkeit angesteuert. Allein in der ersten Viertelstunde der siebten Staffel wird Jack Bauer vom FBI aus einer Anhörung wegen der brutalen Methoden des CTU geholt, um sofort wieder einzuspringen, denn ein entführter Spezialist baut eine Höllenmaschine für einen alten Bekannten: Bauers tot geglaubten übergelaufenen Exkollegen Tony Almeida (Carlos Bernard) – vielleicht wird es da ja „persönlich“. Soviel ist sicher: Auch am siebten Tag darf Jack Bauer nicht ruhen. Denn die Uhr tickt, ununterbrochen.

ZUR STAFFELPREMIERE

Die siebteStaffel „24“ startet weltweit gleichzeitig, um die Aufmerksamkeit zu bündeln. Allerdings: Sonntagabend in den USA bedeutet Montagfrüh für Mitteleuropa: Der Paykanal Premiere zeigt die neue Folge eins Montag, 5.15 Uhr, alle weiteren in Doppelfolgen montags, 20.15. Frühestens ab Herbst zeigt Pro7 „24“ im Free-TV.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2009)

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