ORF: Digitales Gedächtnis aus dem Dörrgerät

Die Mediathek des Technischen Museums stellt die Ö1-Journale von 1967–'89 gratis ins Internet.

Für den Nutzer ist alles ganz einfach: Auf www.journale.at stehen ab sofort die Ö1-Journale aus der Zeit von 1967 bis 1989 in voller Länge zum Nachhören zur Verfügung. Zeitgeschichte, digitalisiert, nach Themen und Personen katalogisiert, beschlagwortet und mit wenigen Mausklicks abrufbar: Die erste Sendung – zu Mittag des 2.Oktober 1967 – zum Beispiel, die Berichterstattung über die Mondlandung im Juli 1969 oder über die Abstimmung zum AKW Zwentendorf, die Rückkehr Khomeinis in den Iran. 5000 Stunden Material sind über die Österreichische Mediathek des Technischen Museums abrufbar. Umgelegt auf einen Mitarbeiter hat es sieben Arbeitsjahre gedauert, die Bänder zu erfassen und zu bearbeiten. ORF-Hörfunkdirektor Willy Mitsche nennt es einen „Meilenstein“, Ö1 liefere nicht nur mit den Journalen einen „messbaren und hörbaren qualitativen Unterschied“ zum Privatfunk.


„Regale Leopoldi weggeschmissen“

„Damals war es keineswegs selbstverständlich, solche Tondokumente aufzuheben“, sagt der Leiter der Mediathek, Rainer Hubert. Auch Ö1-Chef Alfred Treiber hat diesbezüglich eine Anekdote auf Lager: „Da gab's einen Hörfunkdirektor, dessen Namen Sie nicht erfahren werden, der hat ganze Regale Hermann Leopoldi weggeschmissen.“ Die Bänder waren teuer, man löschte sie und konnte sie neu bespielen. „Es hat eine eigene Löschkommission gegeben, die hat entschieden, was weggeworfen und was aufgehoben wird – aber die hatten nicht die Kompetenz“, erinnert sich Treiber wehmütig.

Die Journale blieben erhalten. Einmal im Monat kam ein Vertreter der Phonothek und holte die Bänder ab. Durch die Lagerung wurden viele beschädigt, die Oberfläche begann sich aufzulösen, wurde klebrig, die Akustik litt, das Material hielt der Belastung des Überspielens nicht stand. Nach längeren Recherchen fand man eine ebenso innovative wie kostengünstige Lösung: Verklebte Bänder wurden in Automaten zum Trocknen von Dörrobst „behandelt“ – und konnten dann einwandfrei abgespielt werden.

Trotzdem seien die Kosten hoch gewesen, sagt die Direktorin des Technischen Museums Gabriele Zuna-Kratky, die jedoch keine genaue Summe nennt. Man sei vorerst in der Erfassung auch nur bis 1989 gekommen, denn: „Aus den normalen Budgets kann man das nicht finanzieren.“ Das Ministerium für Unterricht und Kunst hat ausgeholfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2009)

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