Medien: Türkische Zeitung will deutschsprachige Leser

Mediale Integration: „Dolmeç“ erscheint auf Deutsch und bietet Themen auch für Nichtmigranten. Blattlinie ist „politisch unabhängig, kritisch, offen und islamisch orientiert“.

(c) Ania Haar

WIEN. Das türkische Monatsblatt „Yeni Hareket“ ist mit einer Auflage von 15.000 in der türkischen Community Österreichs relativ stark vertreten. Doch neuerdings versucht das Magazin, auch deutschsprachige Leser zu erreichen. Seit Kurzem erscheint „Dolmeç“ als Beilage zu „Yeni Hareket“, einer kostenlosen Monatszeitschrift. Neu sind vor allem der Umfang und die Zielsetzung, denn einige türkische Zeitungen bringen immer wieder deutsche Artikel oder Sonderausgaben heraus.

 

„Islamisch orientiert“

Allerdings: „Dolmeç“ wendet sich ohne Einschränkung an alle Communitys, die an austrotürkischen Themen interessiert sind. Die Blattlinie ist „politisch unabhängig, kritisch, offen und islamisch orientiert“. Zudem setzte es sich gegen Diskriminierung jeglicher Art ein und wirbt für Respekt im Umgang miteinander. Soweit das Impressum.

Die Idee, „Dolmeç“ zu machen, ist aus der alltäglichen Erfahrung entstanden, dass es Unterschiede zwischen der ersten, der zweiten und der dritten Generation von in Österreich lebenden Türken gibt. „Deshalb haben wir eine Studie in Auftrag gegeben, um auf Nummer sicher zu gehen“, sagt Herausgeber Yetkin Bülbül.

Aus dieser Studie geht hervor, dass Jugendliche Deutsch lesen wollen. Dem trägt auch der Name der Beilage Rechnung. „Dolmeç“ – der Übersetzer, denn sehr häufig seien die Angehörigen der zweiten und dritten Generation Übersetzer für ihre Eltern, Onkel und Tanten.

Markus Köhbach, Turkologe am Institut für Orientalistik der Universität Wien, zeigt sich allerdings in Bezug auf die Linie des Herausgebers skeptisch: „,Yeni Hareket‘ vertritt grundsätzlich eine Blattlinie, die weltanschaulich nach der Religion des Islams und politisch nach der derzeit in der Türkei regierenden AKP ausgerichtet ist.“

 

„Verrottung“ steht am Pranger

Im Gegensatz zu den Grundsätzen einer säkularen Gesellschaft, zu denen Offenheit, Toleranz und damit auch die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe zählen, würden „wiederholt die Dekadenz und moralische Verrottung Europas gegeißelt und offen oder unterschwellig die Moral der Muslime als Gegenentwurf propagiert“, so der Turkologe. Generell stelle sich die Frage, ob ein Presseerzeugnis aus einem Hause, das eine solche Linie vertrete, nicht eher integrationsunfreundlich ist.

„Wir müssen uns noch entwickeln, aber auch uns gegenüber kritisch sein“, meint Chefredakteur Baruch Wolski. „Über Integration muss man aber reden“, denn es könne nicht sein, dass muslimische Schüler gezwungen würden, Schweinefleisch zu essen. Eben dies ist Thema des Leitartikels der zweiten Ausgabe der deutschsprachigen Beilage.

Die türkische Medienlandschaft in Österreich ist vielfältig, berichtet wird praktisch über alle Themen, die Migranten berühren (könnten). Unter den Zeitungsmachern herrscht ein starker Wettbewerb um Leser. So gut wie alle Produkte finanzieren sich über Inserate und erscheinen kostenlos.

„Dolmeç“ gibt es in Moscheen, türkischen Supermärkten oder per Post zu bestellen: dolmec@yenihareket.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2009)

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