"Vorstadtweiber": Desperat in Wien-Grinzing

Die ORF-Serie „Vorstadtweiber“ besticht mit toller Besetzung, u.a. Nina Proll und Simon Schwarz. Die Dialoge sind giftiger als beim US-Vorbild „Desperate Housewives“.

Vorstadtweiber
Vorstadtweiber
(c) ORF (Petro Domenigg)

Botox?“, fragt die eine. „Schlangengift – wozu? Eine Schlange bin ich selber“, antwortet die andere, bevor sich die beiden ins Einkaufs-Vergnügen stürzen und locker ein Monatsgehalt für ein Kleidchen auf den Tisch blättern. Die Damen gehören zur Riege der „Vorstadtweiber“, die der ORF ab Montag (20.15 Uhr, ORFeins) in Serie schickt: drei frustrierte Frauen, die nicht arbeiten gehen, weil sie von ihren Männern (noch) ausgehalten werden; eine Boutiquebesitzerin, die für textilen Nachschub sorgt und eine bereits Verlassene, die beim Arbeitsamt feststellt, dass sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hat. „Was haben's denn die letzten sieben Jahre lang gemacht?“ – „Ich war shoppen.“ Und weil sie sonst keinen Job hat, taucht die Unglückliche als Präsentatorin bei der Dildo-Party auf.

Im Villenviertel geht der Frust um, denn hinter den teuren Fassaden wird keinem etwas geschenkt. Es herrschen Missgunst, Neid und Rachegefühle. Was tut die (untreue) Ehefrau, wenn ihr (untreuer) Mann sie straft, indem er ihr Pferd zum Schlachter bringt? Sie serviert es ihm als Gulasch. Hässlich ist das. Und grässliche Rolemodels sind hier alle („Ich hätt' schon längst die Weltherrschaft übernommen, aber da muss man so früh aufstehen.“)

Autor Uli Brée hat den Bleistift für diese bitterböse Satire auf die Reichen, die Frauen, die Männer, den Jugendwahn, die Ehe und eine verlogene Bussi-Bussi-Gesellschaft heftig überspitzt. Manche Witze tun weh: „Was machen die eigentlich mit dem ganzen Fett, das die bei den g'stopften Weibern absaugen?“ – „Spenden!“ Das trifft bei allem Sarkasmus nicht immer, aber manchmal den Punkt. Feiner geschliffen sind die Charakterisierungen der Paare: Einmal bittet Maria, die bravste und leidensfähigste der Ladies (mit – zunächst – grandioser Naivität dargestellt von Gerti Drassl), ihren Mann um eine Paartherapie: „Das ist eine gute Idee“, sagt der, bevor er sich wieder einmal angeblich für eine Woche nach Dubai zur Arbeit absetzt. „Aber ich geh' nicht mit, weil ich hab' keine Zeit.“ Touché.

 

Schnell ist klar: Jede(r) betrügt jeden

Das genaue Gegenteil ist Waltraud: Maria Köstlinger schlüpft in die Rolle dieses rücksichtslosen Vamps, der Marias Sohn in mehr als nur Latein unterrichtet. Nina Proll gibt als Boutiquenbesitzerin Nicoletta die ewige Geliebte (von Waltrauds Ehemann) – und hat eine herrliche Szene: Sie will endlich geheiratet werden, bevor die Krähenfüße wachsen. Martina Ebm stattet die Figur der Caroline mit durchtriebener Jugendlichkeit aus – sie ist als jüngste der Runde mit dem ältesten Mann verheiratet, den sie zwar betrügt, aber tatsächlich liebt. Von Anfang an in der Misere sitzt Sabine (aufmüpfig: Adina Vetter), weil ihr Mann sie auf die Straße gesetzt hat. Eine Besetzung, die nicht nur den Regisseuren Sabine Derflinger und Harald Sicheritz Freude bereitet. Und auch die Männer haben's drauf: Juergen Maurer grantelt sich durch eine erkaltete Ehe, Simon Schwarz spielt als ausgefuchster Ungustl mit Frau und Freundin ein Doppelspiel, und Bernhard Schir ist der ideale Macho-Banker. Doch während die Herren noch meinen, sie hätten die Zügel in der Hand, ist hier längst alles entglitten, und es bahnt sich ein fieses Geplänkel an.

Schnell wurde da der Vergleich zur US-Erfolgsserie „Desperate Housewives“ gezogen. Den brauchen die fünf Ladies im ORF aber nicht zu scheuen. Sie sind nicht nur mindestens so durchtrieben, sie sind vor allem witziger als die Bewohnerinnen der Wisteria Lane – und sogar noch zu Mimik fähig. Schlangengift? Wär' doch gelacht!

Contra - TV-Kritik von Maciej Palucki: "Vorstadtweiber": Eine Serie zum Verzweifeln"

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2015)

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