Meme: Mit Karl Kraus & Co. im Irrgarten der Zitate

Facebook und Twitter lassen flotte Sprüche berühmter Menschen rasend schnell zum Allgemeingut werden – selbst wenn sie nie gesagt wurden. Auch Voltaire und Perikles wird frei Erfundenes in den Mund gelegt.

Karl Kraus
Karl Kraus
(c) Wikipedia

So mancher Zeitgenosse, der sich über die burgenländische Koalition von SPÖ und FPÖ grämt, dürfte dieser Tage auf Facebook oder Twitter ein wenig Trost gefunden haben. Dort tauchten plötzlich Worte von Karl Kraus auf, die den Gegnern einer Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen wie aus dem Herzen gesprochen anmuten. „Österreich ist das einzige Land, das durch Erfahrung dümmer wird“, soll der scharfzüngige Kritiker laut dem digitalen Bildchen gesagt haben, das auf den sozialen Netzwerken eifrig weitergereicht und seither kichernd bis resigniert seufzend kommentiert wird.

Bloß: Kraus hat das nie gesagt. Oder zumindest nicht so, wie es ihm hier von unbekannter Seite in den Mund gelegt worden ist. Dem Philosophen und Kraus-Fachmann Gerald Krieghofer ist es zu verdanken, dass dieses falsche Zitat als solches erkannt wurde. Tatsächlich nämlich hat Kraus im Juli 1934 in der „Fackel“ in seinen Betrachtungen zu den Februarkämpfen Folgendes geschrieben: „Es scheint der Menschennatur verhängt zu sein, durch Erfahrung dümmer und erst durch deren Wiederholung klüger zu werden, und besonders die Intelligenz muss viel mitmachen, bevor sie zu der Einsicht gelangt, dass eine Freiheit, die ihre Vernichtung herbeiführen würde, nur durch Hemmung zu retten ist.“

 

Dawkin erfand den Begriff Mem

Das wäre natürlich sowohl sprachlich als auch gedanklich viel zu sperrig für die Erzeuger solcher Internet Memes, jener Wort-Bild-Kombinationen, mit denen man das Zeitgeschehen per Tweet oder Statusmeldung lässig-ironisch kommentieren kann. Das englische Wort Meme (deutsch: Mem) ist ein Kunstbegriff. Der britische Evolutionsforscher Richard Dawkins hat ihn vor vier Jahrzehnten in seinem Bestseller „The Selfish Gene“ zur Beschreibung von Ideen geprägt, die sich wie Gene reproduzieren. Die Digitalisierung des öffentlichen Diskurses vor allem über Twitter und Facebook bringt es mit sich, dass sich Meme rasant verbreiten und flugs kollektive Gewissheiten schaffen – selbst, wenn sie erfunden sind oder auf einem falschen Textverständnis basieren.

Das vermutlich bekannteste Beispiel für ein so entlaufenes Internet-Mem ist jenes dem französischen Denker Voltaire zugeschriebene Zitat, das zumeist so wiedergegeben wird: „Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht darauf verteidigen, es zu sagen.“ In Wahrheit hat Voltaire das nie gesagt, zumindest gibt es davon keine schriftliche Überlieferung. Vielmehr stammen diese Worte aus dem 1906 unter dem Pseudonym S.G. Tallentyre erschienenen Buch „The Friends of Voltaire“ der englischen Schriftstellerin Beatrice Evelyn Hall. Sie beschrieb mit diesen Worten die Einstellung Voltaires gegenüber dem Philosophen Claude-Adrien Helvétius, dessen Werk „De l'Esprit“ 1758 vom Papst als ketzerisch verboten und in Paris öffentlich verbrannt worden war. Irgendwann dürfte ein schlampiger Leser Halls Zusatz „...war jetzt seine Haltung“ übersehen und die fiktiven Worte Voltaire selbst in den Mund gelegt haben.

 

Perikles und Mel Gibson

Immerhin trifft man mit diesem historisch falschen Zitat den Geist des großen Denkers, wenn man es als digitalen Stammbuchspruch im Internet herumschickt. Eines der liebsten Internet-Meme von Heinz-Christian Strache hingegen lässt den Leser sprachlos rätseln. „Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“, teilt der FPÖ-Chef der Welt auf seiner Facebook-Seite mit, und er schreibt diesen Spruch dem Athener Staatsmann Perikles zu. Ob Perikles das wirklich so gesagt hat, ist fragwürdig. Der Geschichtsschreiber Thukydides legt ihm, ziemlich sicher frei erfunden, in seiner berühmten Rede auf die ersten Gefallenen des Peloponnesischen Krieges dies in den Mund: „Geht, indem ihr das Glück in der Freiheit und die Freiheit im Mut sucht, den Gefahren des Krieges nicht aus dem Weg.“ Das Zitat wird besonders gern von Befürwortern einer liberalen oder libertären Gesellschaftsordnung verbreitet, wenn auch stets ohne die Aufforderung, die Freiheit kriegerisch zu verteidigen. Allerdings luden auch die Grünen mit Thukydides' Worten vor zwei Jahren zu ihrer Sommerakademie nach Schlaining.

Wieso Strache jedoch dem apokryphen Perikles-Spruch das blau geschminkte Antlitz des Schauspielers Mel Gibson in der Rolle des schottischen Freiheitskämpfers William Wallace alias Braveheart beistellt, wird wohl ewig sein Geheimnis bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2015)

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