„Tagespresse“: Satire auf Bestellung

Native Advertising: Das Satireportal „Die Tagespresse“ verkauft Werbekunden maßgeschneiderte Artikel im redaktionellen Look.

Kabarettpreis 2015 Wien Urania 02 09 2015 Martin PUNTIGAM Florian SCHEUBA Fritz JERGITSCH Di
Kabarettpreis 2015 Wien Urania 02 09 2015 Martin PUNTIGAM Florian SCHEUBA Fritz JERGITSCH Di
Kabarettpreis 2015 Wien Urania 02 09 2015 Martin PUNTIGAM Florian SCHEUBA Fritz JERGITSCH Di – (c) imago/SKATA (imago stock&people)

Humor ist ein sehr wirksames Mittel, um in Erinnerung zu bleiben“, sagt Fritz Jergitsch. Er muss es wissen: Der 24-jährige studierte Volkswirt betreibt das Satireportal „Die Tagespresse“, das über 1,2 Millionen Visits pro Monat zählt. Seit etwa einem Jahr kann er davon leben, dafür sorgen Bannerwerbungen auf der Seite und seit Neuestem Native Advertising: Das sind bezahlte Artikel, die als solche gekennzeichnet, aber wie redaktionelle Artikel aufbereitet und platziert sind.

Die Werbeform, die auch in herkömmlichen Medien gebräuchlich ist, auf seiner Satireseite anzubieten, lag für Jergitsch auf der Hand – immerhin seien seine Artikel für die darin verunglimpften Unternehmen auch gute PR. So titelte die „Tagespresse“ einmal: „,50 Shades of Grey‘-Hype: Ikea präsentiert Folterkammer ,Christian‘“ – und das Social-Media-Team des schwedischen Möbelbauers teilte den Artikel und verbreitete ihn weiter. Auch die Wiener Linien, beliebte Protagonisten auf der Satireseite, reagierten schon auf Artikel: Auf die Schlagzeile „Längere Fahrzeiten durch Wintereinbruch: Wiener Linien rüsten U6 mit Schlafwagen aus“ hin vermeldete man prompt, dass sich Interessierte lieber beeilen sollten, die Schlafwagentickets würden schon knapp. „Wenn ein Unternehmen mit Humor reagiert, ist das eine geniale Chance, um Sympathiepunkte zu sammeln“, sagt Jergitsch.

Mit dem Native-Advertising-Format bietet er Werbekunden nun maßgeschneiderte Satire-Artikel an. Die Themen lässt er sich von seinen Kunden vorgeben, die Texte schreibt er mit seinem Team aus freien Textern. Kunden können dann aus mehreren Versionen wählen und den finalen Text vor der Veröffentlichung autorisieren. Drei bezahlte Artikel kamen auf diese Weise bisher zustande. Ein Beispiel: „Forscher finden Wundermittel gegen Affären bei Betriebsfeiern“ lautete der Titel eines Artikels über ein alkoholfreies Bier.


Mehr oder weniger bissig. Die Biermarke wird darin klar beworben, in einem bezahlten Artikel über einen Techblog kommt dieser weniger gut weg. Als „bezahlte Anzeige“ würden die Texte jedenfalls immer gekennzeichnet. „Ich will nichts beschönigen“, sagt Jergitsch. „Man muss vorsichtig sein, dass man seine Glaubwürdigkeit nicht verspielt.“ Über Unternehmen, die bei ihm eine Kampagne buchen, schreibt er in seinen redaktionellen Artikeln nicht mehr. Er würde auch nicht jeden Kunden annehmen. „Das entscheide ich von Fall zu Fall.“ Die Preise für einen Artikel will Jergitsch nicht bekannt geben, das sei Verhandlungssache, eine Vermarktungsagentur kümmere sich darum.

Die meisten Zugriffe, die die „Tagespresse“ verzeichnet, werden von Facebook generiert – bezahlte Artikel teilt Jergitsch dort aber nicht. Er will seine Leser künftig weniger über Facebook anziehen und arbeitet daher gerade an einer „Tagespresse“-App, die Ende September erscheinen soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2015)

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