Faktencheck Asyl: Stimmt es, was die Steirer-"Krone" sagt?

Ein Journalist warf Flüchtlingen pauschal Fehlverhalten vor. Er trat zurück. Ist das, was er schreibt, wahr?

Schließen
Flüchtlinge/ Railjet – (c) Clemens Fabry (Clemens Fabry)

Wien/Graz. Am Sonntag schrieb Christoph Biró, Chefredakteur der steirischen „Kronen Zeitung“, über „junge, testosterongesteuerte Syrer“, über Flüchtlinge, die Supermärkte plündern und öffentliche Verkehrsmittel verwüsten. Zu Wochenbeginn mobilisierten seine Kritiker, es folgten eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft, Beschwerden beim Presserat sowie eine Welle der Empörung (aber auch Zustimmung) in den sozialen Netzwerken des Internets. Die Folge der Debatte war, dass Biró Dienstagabend bekannt gab, sich „aus eigenen Stücken für einige Zeit aus der Redaktion zurückzuziehen“.

Was abseits der Debatte über die Wortwahl Birós – er spricht inzwischen von einem Fehler – nicht stattfand, war eine Auseinandersetzung mit den (behaupteten) Tatsachen. „Die Presse“ ging den Details nach, sprach auch mit Biró persönlich. Er bat um Verständnis, dass er zum Inhalt seiner Kolumne keine Stellungnahme abgeben möchte. Daher war es bei den Nachforschungen unmöglich festzustellen, welche Passage Biró in seinem Text welchem Ereignis – so es überhaupt stattgefunden hatte – zuordnete.

• Sexuelle Übergriffe. Laut „Krone“ waren konkret Syrer zuletzt für „äußerst aggressive sexuelle Übergriffe“ verantwortlich. Das Dementi der steirischen Polizei ist deutlich. Auch der „Presse“ sind entsprechende Zwischenfälle nicht bekannt. Das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt. Im ersten Halbjahr 2015 erfuhren die Behörden von 1476 strafbaren Handlungen wegen Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Dazu zählt auch Vergewaltigung. 430 davon wurden von Ausländern begangen, 57 von Asylwerbern und konkret neun von syrischen Staatsbürgern. Das sind um fünf mehr als im ersten Halbjahr 2014. Die Aussagekraft ist jedoch begrenzt. Zum einen, da die Zahlen zu gering sind, um Muster ableiten zu können. Zum anderen deshalb, weil die Behörden mangels lückenloser Registrierung gar nicht wissen, wie viele Syrer (und andere Flüchtlinge) sich überhaupt im Land befinden.


• Sachbeschädigungen.
Biró schrieb wörtlich von Afghanen, die Sitze in ÖBB-Waggons aufschneiden, dort ihre Notdurft verrichten und das damit begründen, dass die Sessel bereits von Christen benutzt worden sind.

Exakt diese Szene ließ sich durch Recherchen bei Bahn, Polizei und Bundesheer nicht rekonstruieren. Im Rahmen der massiven Flüchtlingsbewegung kommt es jedoch natürlich auch zu Sachbeschädigungen und unappetitlichen Episoden. „Genauso, wie das auch im Planbetrieb geschieht“, sagt ein ÖBB-Sprecher. Vergangene Woche entfernten die Passagiere eines Sonderzugs für Flüchtlinge nach Deutschland die Gummidichtungen der Fenster, sodass der Notausstieg aufging. Angeblich deshalb, weil es in ihren Herkunftsländern nicht üblich sei, dass sich Fenster wegen der Klimatisierung nicht öffnen ließen. Auch mit menschlichen Ausscheidungen verunreinigte Züge gab es. Bei der Bahn führt man das nicht auf schlechtes Benehmen zurück. Dort ist man der Ansicht, dass viele Flüchtlinge nur die bei uns unüblichen Flachtoiletten zum Hinhocken kennen. Die ÖBB verteilen inzwischen Informationszettel, auf denen die Benutzung von mitteleuropäischen WCs beschrieben ist. Der Reinigungsaufwand insgesamt hat sich bei der Bahn durch den Flüchtlingsstrom erhöht. Die Teams verwenden Geruchs- und Desinfektionssprays.


• Verachtung von Frauen. Biró beschrieb eine Szene, in der männliche Flüchtlinge ihre Notdurft bewusst neben Sanitäreinrichtungen verrichten und Helferinnen auffordern: „Mach's weg, dazu bist du ja da.“ Diese Episode war exakt so nicht zu rekonstruieren. Aber: Rund um die Notzelte an den Grenzen stellte „Die Presse“ bei Besuchen Verunreinigungen durch menschlichen Kot fest. In anderem Zusammenhang ließen sich bei Recherchen auch verbale Respektlosigkeiten von Männern gegenüber Helferinnen – konkret aus zwei Flüchtlingsunterkünften in Salzburg und Oberösterreich – bestätigen. Beide Male ging es darum, dass die Bewohner die Betroffenen dazu aufforderten, Reinigungsdienste zu verrichten. Eine andere Frau, die zwei Wochen in Nickelsdorf Flüchtlinge betreute, erzählte, dass sie während ihrer Tätigkeit keine einzige Respektlosigkeit erfuhr.


• Plünderungen. Die „Krone“ berichtete von „Horden“, die Supermärkte stürmen, Packungen aufreißen und mitnehmen, was sie wollen. Äußerungen, die sich bei den großen Ketten des Landes, also Spar, Rewe (mit Billa, Merkur, Penny und Adeg) und Hofer nicht bestätigen ließen. Alle waren mit Gerüchten konfrontiert. Alle wurden widerlegt.

IN KÜRZE

Die steirische „Kronen Zeitung“ veröffentlichte am Sonntag eine Kolumne von Chefredakteur Christoph Biró. Darin warf dieser Flüchtlingen pauschal verschiedene Fehlverhalten vor. Als Beleg dafür beschrieb er verschiedene Episoden. Der Beitrag löste Anfang der Woche eine heftige Debatte aus. Es gab Kritik von Meinungsmachern und NGOs, genauso wie Zustimmung in sozialen Netzwerken. „Die Presse“ versuchte, Birós Vorwürfe abseits der Wortwahl inhaltlich zu prüfen. Manche Vorwürfe ließen sich nicht verifizieren, andere – wie etwa Sachbeschädigungen – sehr wohl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2015)

Meistgelesen