Aus für Servus TV: Das Ende des Feel-Good-Fernsehens

2009 ging Servus TV auf Sendung – und versprach „niveauvolle Unterhaltung“. Jetzt wird der Sender abgedreht, weil er „wirtschaftlich untragbar“ ist. Und warum? Weil es Privatsender neben dem ORF schwer haben.

Servus TV
Servus TV
(c) imago stock&people (imago stock&people)

Dienstagvormittag verbreitete sich die Meldung wie ein Lauffeuer: Servus TV wird eingestellt. Red-Bull-Boss Didi Mateschitz, zu dessen Imperium der Kanal gehört, begründete das einsilbig: Der Sender sei „wirtschaftlich untragbar geworden“. Man habe Jahr für Jahr einen nahezu dreistelligen Millionenbetrag investiert – trotzdem sei keine positive Entwicklung zu erwarten, heißt es in einer Aussendung. Mateschitz bestätigte auch, dass die geplante Gründung eines Betriebsrates „nicht gerade dienlich“ war. Noch vor zwei Wochen soll er persönlich zu Servus TV gekommen sein, um zu erklären, alles laufe hervorragend. Jetzt verlieren 264 Mitarbeiter ihre Jobs. Die Stimmung schwankte am Dienstag zwischen Wut und Verzweiflung . . .

Ein Bild, das so gar nicht zur öffentlichen Wahrnehmung des Senders passt. Servus TV, das ist Feel-Good-Fernsehen pur. Vielleicht abgesehen von Meinungsverschiedenheiten, die bei Diskussionen im „Hangar 7“ weitgehend gesittet ausgefochten werden und gelegentlichen Grausamkeiten der Natur, über die auch eine liebevoll gestaltete Tierdokumentation nicht hinwegsehen kann. Servus TV, das ist auf Hochglanz poliertes Wirgefühl und in bewusst majestätische Bilder gegossener Nationalstolz. „Faszination Heimat“ umkreist den Großglockner ehrfürchtig als „ein erdgewaltiges Massiv“, das von den Menschen wegen seiner Schönheit „verehrt“ wird. Frei nach dem Motto: Die Welt ist nirgendwo so schön wie zwischen Salzburg und Bad Ischl (und Heiligenblut). Und wenn die eben erst gestartete Sendung „Heimatleuchten“ sich ins Salzkammergut aufmacht, dann ist die international im Rampenlicht stehende Designerin Marina Hoermanseder mit dabei, die dem hiesigen Trachtenhandwerk mit Interesse, ja fast mit Ehrfurcht begegnet.

 

Versuch, sich mit dem ORF zu messen

Servus TV, das ist auch der Sender der freundlichen Menschen, die einem schon um sechs Uhr früh mit einem gut gelaunten „Servus am Morgen“ begegnen. Aber seit sich der öffentlich-rechtliche ORF doch noch dazu entschlossen hat, am kollektiven Frühstückstisch Platz zu nehmen, ist es in der Zeitzone ziemlich eng geworden. Von Anfang an hatte man das Gefühl, Red-Bull-Boss Didi Mateschitz wolle sich mit seinem Sender mit dem öffentlich-rechtlichen ORF messen und zeigen, dass ein Privatsender das Zeug hat, hochwertiges Programm zu produzieren. Die Diskussionen im „Hangar 7“ unterscheiden sich nicht wesentlich von dem, was im ORF geboten wird – müssen sich dahinter aber auch nicht verstecken. Der salbungsvolle Ton bei Natur- und Bergdokumentationen unterstreicht da wie dort die Seriosität des Gesagten und die Urgewalt des Gezeigten – und „Terra Mater“ erinnert nicht von ungefähr an das ORF-„Universum“: Walter Köhler war zuvor für die ORF-Reihe verantwortlich, bevor er mit seinem Team bei Servus TV anheuerte. Und während der ORF immer wieder um die Rechte für internationale Sportevents mitbieten muss, macht man sich im Hause Red Bull die Action am liebsten selbst. Servus TV profitiert davon, dass das Mateschitz-Imperium geradezu ein Inkubator für die verrücktesten Aktionen ist – vom Air Race bis zum wahrlich atemberaubenden Sprung aus der Stratosphäre.

Der Sender schmückt sich auch mit bekannten Namen, leistet sich das Luxusgut Kultur. Ex-Staatsoperndirektor Ioan Holender hat seine eigene Sendung, der frühere Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann war eine Zeit lang für das Programm verantwortlich. Servus TV versprach seinen Zuschauern von Anfang an „niveauvolle Unterhaltung“ – und löste das Versprechen ein.

Dass die Quoten nie in Schwung kamen, kann nicht an den Sympathiewerten liegen, denn die sind laut einer Umfrage von „TV-Media“ bestens: 23 Prozent beurteilten das Programm von Servus TV mit „sehr gut“. Nur: Geschaut haben nicht viele. Im April gingen sich gerade einmal 1,5 Prozent Marktanteil aus. Zu wenig, um davon zu leben. Man kann argumentieren, Servus TV könne sich eben nicht entscheiden, welche Zielgruppe angesprochen werden soll – irgendwie findet sich für jeden etwas: ein bisschen adelige Society für die Hausfrau („Wo Grafen schlafen“), Eskapismus für Manager (Kletterakrobatik in „Bergwelten“) und Traktor-Nostalgie für Großstädter („Hoagascht“), dazu „Die Welt der Tierbabys“ oder die Krimiserie „Anna Phil“. Bei so viel Vielfalt kann man schon einmal den Überblick verlieren.

 

„Schwächung des dualen Rundfunks“

Viel mehr aber wiegt das Ungleichgewicht auf dem österreichischen Fernsehmarkt. Zuletzt hat der ORF wieder eindrucksvoll bewiesen, was sich ein öffentlich-rechtlich finanzierter Sender und seine Marketingmaschinerie leisten kann: „Guten Morgen Österreich“ landete aus dem Stand auf Platz eins. Medienminister Josef Ostermayer (SPÖ) zeigte sich am Dienstag von der Schließung von Servus TV „betroffen“ und ortet eine „Schwächung des dualen Rundfunksystems“. Die Grünen fordern eine Diskussion über die Förderung von öffentlich-rechtlichen Inhalten bei Privatsendern. Für Servus TV, das hier einiges zu bieten hat, kommt dieser Ruf zu spät. Vermutlich mit Ende Juni wird der Sender abgedreht. Schade drum.

ZUR PERSON

Dietrich Mateschitz erwarb 2007 den Regionalsender Salzburg TV und machte daraus im Herbst 2009 Servus TV. Der Sender setzt auf Dokus, Information, Sport und Kultur – erzielt aber nur schwache Quoten (im April: 1,5 Prozent Marktanteil). Vermutlich Ende Juni wird er eingestellt. [ APA ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2016)

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