Die Stimme des guten Amerika

Nach mehr als vier Jahrzehnten übergibt Garrison Keillor die Leitung seiner blitzgescheiten Revue "A Prairie Home Companion" an den Bluegrass-Virtuosen Chris Thile.

Chris Thile kann auf der Mandoline alles. Ab Oktober führt er durch „A Prairie Home Companion“.
Chris Thile kann auf der Mandoline alles. Ab Oktober führt er durch „A Prairie Home Companion“.
Chris Thile kann auf der Mandoline alles. Ab Oktober führt er durch „A Prairie Home Companion“. – (c) Ann Heisenfelt / picturedesk

Gut 5000 Menschen auf einer sommerlich warmen Wiese in Virginia, die zum Sonnenuntergang gemeinsam Klassiker der amerikanischen Liedkunst wie „Amazing Grace“ oder „Good Night, Irene“ singen, während ein hünenhafter alter Mann im Leinenanzug mit Hängeschultern und roten Turnschuhen durch die Menge schlurft wie ein verirrter Wanderprediger: die letzten Auftritte von Garrison Keillor als Conférencier seiner phänomenalen Live-Radiorevue „A Prairie Home Companion“ sind von Wehmut und Ungewissheit durchzogen. Vor 42 Jahren war er mit dieser Sendung erstmals im Minnesota Public Radio zu hören, nun zieht Keillor diesen Juli einen Schlussstrich. Er habe zu viele Showleute gekannt, die den richtigen Zeitpunkt für den Rückzug verpasst hätten, sagte der 73-Jährige unlängst zum „Guardian“. „Ich will keiner von denen sein. Ich komme aus dem Mittleren Westen, und wir haben dort den sehr starken Wunsch, kein Problem zu sein.“

Wie beschreibt man den Reiz von „A Prairie Home Companion“, einer Radiorevue vor Publikum mit Musik und Sketches, wie es sie eigentlich seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gibt, die aber trotzdem wöchentlich rund vier Millionen Zuhörer findet? Ein guter Einstieg ist Robert Altmans letzter, gleichnamiger Spielfilm, der 2005 ein Staraufgebot mit Meryl Streep, Lily Tomlin, Tommy Lee Jones, Kevin Kline, Woody Harrelson und Lindsay Lohan um Keillor und seine Gefährten scharte, um die fiktive letzte Show über die Bühne zu bringen. Wöchentlich am Samstag im Fitzgerald Theatre in St. Paul, Minnesota, oder aus ehrwürdigen Konzertsälen und Arenen anderswo in den USA stellt Keillor ein Potpourri aus Vertretern klassischer Folkmusik und neuen Interpreten der traditionellen Formen amerikanischer Tonkunst. Ein klassisches Jazzorchester wie Vince Giordano and the Nighthawks wechselt sich da mit der jungen Singer-Songwriterin Sarah Jarosz oder den an Simon & Garfunkel erinnernden Folkmusikern The Milk Carton Kids ab. Neulich war es Paul Simon selbst, der Songs seines neuen Albums bei „A Prairie Home Companion“ vorstellte (nachzusehen auf prairiehome.org).

 

Prickelnde Fadesse in Lake Wobegon

Man kann durchaus behaupten, dass Keillor, ein früherer Redakteur des „New Yorker“ und Autor sowie Lektor von knapp drei Dutzend Gedicht- und Prosabänden, das heute sehr erfolgreiche Musikgenre „Americana“ mitbegründet hat. Die Hinwendung zur reichhaltigen, sich aus europäischen und afrikanischen Wurzeln speisenden Musikkultur dieses großen Landes, die liebevolle Entstaubung alter Folk- und Bluegrasslieder war Anfang der 1970er-Jahre keineswegs so schick wie heute.

Doch der wahre Reiz von Keillors Radiokunst ist der fiktive Mikrokosmos an schrulligen Charakteren und komischen Situationen, den er in Sketches über „Guy Noir, Private Eye“ (ein patscherter Privatdetektiv im Stil der Romane von Dashiell Hammett), die sensiblen Rinderhirten Rusty & Lefty („Lives of the Cowboys“) und vor allem in „The News from Lake Wobegon“ kreiert hat. Das ist eine inexistente Kleinstadt in Minnesota, „am Rande der Prärie“, wo das Land so flach ist, dass man über den Horizont hinausblicken könne, wenn man sich auf eine Sardinenbüchse stelle. Dort, wo „die Frauen stark sind, die Männer gut aussehend und die Kinder über dem Durchschnitt“, wo es genau eine Parkuhr gibt („ein Experiment der Stadtverwaltung“) und man auf die „Statue des unbekannten Norwegers“ stolz ist (auf einer Auktion erstanden, dann vergessen, um wen es sich da handelt), befindet sich sozusagen Amerikas Nullpunkt. Nichts Dramatisches passiert hier, man sehnt sich stets nach anderswo, fern von den strengen Wintern in Minnesota (Wobegon ist ein Wortspiel, das altmodische Adjektiv „woebegone“ heißt „von großer Trauer befallen zu sein“), aber wie Keillor diese lutheranischen Kaffeekränzchen, die Brautschau alleinstehender norwegischer Bauern und das Treiben der Familien Bunsen und Krebsbach beschreibt, das ist zum Schreien komisch und hochintelligent gezeichnet.

 

Radiohead als Gäste, das wäre etwas

Chris Thile, der 35-jährige mehrfache Grammygewinner und Mandolinenvirtuose, wird ab Oktober die Show leiten. Sein musikalisches Genie ist umwerfend, man führe sich nur einmal seine Version der Bach-Sonate Nr. 1 in G-Moll auf YouTube zu Gemüte, und seine Leidenschaft gilt dem Sprengen von Genregrenzen. Er verehrt Radiohead und den Hiphopper Kendrick Lamar und hat bereits anklingen lassen, dass er sie gern bei „A Prairie Home Companion“ auf der Bühne begrüßen würde. „Das wären meine Traumgäste“, sagte er zum „Guardian“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2016)

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