Brave Mädchen fragen erst, bevor sie revoltieren

Die neue Amazon-Serie „Good Girls Revolt“dramatisiert eine wahre Begebenheit: 1970 verklagten Mitarbeiterinnen „Newsweek“ wegen Diskriminierung. Eine charmante Feminismus-Story mit coolen Sounds und tollen Charakteren.

„Good Girls“: Patti (G. Angelson, vorn), Jane (A. Camp in Rosa) und Cindy (E. Drake auf dem Sessel) mit Anwältin (J. Bryant, 2. v. re.)
„Good Girls“: Patti (G. Angelson, vorn), Jane (A. Camp in Rosa) und Cindy (E. Drake auf dem Sessel) mit Anwältin (J. Bryant, 2. v. re.)
„Good Girls“: Patti (G. Angelson, vorn), Jane (A. Camp in Rosa) und Cindy (E. Drake auf dem Sessel) mit Anwältin (J. Bryant, 2. v. re.) – (c) Amazon

Am 23. März 1970 erschien das US-Magazin „Newsweek“ mit einer Cover-Story über die Frauenrechtsbewegung: Das Titelbild zeigte eine nackte Frau, die das Venussymbol durchbricht. Die Schlagzeile: „Women in Revolt“. Wie recht sie doch hatten, die Männer, die diesen Titel gestaltet und geschrieben hatten. Denn am selben Morgen brach eine andere Revolte aus, mit der keiner von ihnen gerechnet hatte: 46 Mitarbeiterinnen von „Newsweek“ hielten am Erscheinungstag dieser Ausgabe eine bis zuletzt geheim gehaltene Pressekonferenz ab. Dort verkündeten sie, dass sie das Magazin mit Unterstützung der Equal Employment Opportunity Commission wegen Diskriminierung verklagen würden. Da blieb den Männern der Mund offen – so wie den Frauen Monate zuvor, als sie herausfanden, dass die Männer nicht nur als Autoren vorgezogen wurden, sondern dass sie selbst bei geringerer Ausbildung das Dreifache verdienten . . .

Die Frauen durften zwar recherchieren und Texte vorfertigen – aber ihre Namen wurden nicht gedruckt, die Männer waren nach außen die Redakteure, nur sie schienen als Autoren auf. Die neue zehnteilige Amazon-Serie, die den Vorfall dramatisiert, erzählt vom Erwachen des weiblichen Selbstbewusstseins, von Solidarität und Loyalitätskonflikten – und sie verschleißt sich nicht im kleingeistigen Grabenkampf der Geschlechter. Im Gegenteil: Hier sind (fast) alle auf ihre Weise sympathisch, auch die meisten männlichen Kollegen und Vorgesetzten.

Archetypen ihrer Zeit. „Good Girls Revolt“ (im englischen Original bereits auf Amazon, ab 2. Dezember auch auf Deutsch) schildert die langsame innere Wandlung der Frauen, die sich nach Jahren der Demütigung zu einem mutigen Schritt durchringen. Jede von ihnen ist, wie der Titel schon sagt, ein „gutes Mädchen“ – und ein Archetyp in diesem Zeitbiotop, das den beginnenden Übergang vom traditionellen Frauen- und Familienbild hin zu mehr Gleichberechtigung und Selbstbestimmung markiert. Die streitbare Patti (Genevieve Angelson) trägt Schlapphut und Minirock, raucht Joints und versucht, als eine Art Rolemodel der unabhängigen Frau zu leben. Jane (Anna Camp) trippelt mit Hochfrisur und Bleistiftrock ins Büro und hat für den Ernstfall einer Laufmasche stets eine Ersatzstrumpfhose in der Lade. Sie wartet nach zwei Jahren Beziehung auf den überfälligen Antrag (und würde dann sofort den Job kündigen, wie man es von ihr erwartet). Cindy hingegen ist schon im Hafen der Ehe. Aber sicher ist dieser nicht. Sie spült ihre Probleme mit Hochprozentigem hinunter (Erin Darkes verunsichertes Mienenspiel ist Schauspiel vom Feinsten) – und mutiert vom Duckmäuschen zur leisen Revoluzzerin, die sich traut, mit dem Spiegel einen keuschen Blick auf ihren Schambereich zu werfen (und erschrickt).


Lust auf eine Retroparty. Serienschöpferin Dana Calvo erzählt diese Story (sie basiert auf dem gleichnamigen Buch der ehemaligen „Newsweek“-Mitarbeiterin und -Klägerin Lynn Povich) als kurzweiliges Redaktions-Drama, das den Zuschauer in das Lebensgefühl der Zeit eintauchen lässt: Hippiepartys, Damen im Audrey-Hepburn-Look, ratternde Telexmaschinen und kettenrauchende Journalisten – dazu gibt es eine Musikuntermalung, die einfach Lust auf eine Retroparty weckt. „Good Girls Revolt“ serviert – durchaus auch mit Humor – Themen, die noch heute aktuell sind: neben dem nach wie vor existierenden Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen wäre das z. B. die Frage, wie das Magazin (in der Serie heißt es „News of the Week“) positioniert werden soll, um gegen Newcomer wie den „Rolling Stone“ zu reüssieren.

Jim Belushi gibt als Wick McFadden die konservative Linie vor, während Finn Woodhouse (Chris Diamantopoulos) mit mutigen Stories junge Leser gewinnen will. Doch auch er kann oder will den Frauen in der Redaktion nicht weiterhelfen. Weil sie alle „good girls“ sind, versuchen sie es erst mit Überzeugungskraft und guten Leistungen, sie fragen sogar artig, ob sie nicht vielleicht auch mal eine Story schreiben dürfen (samt Namenszeile) – die Antwort ist immer die gleiche: Nein.

Am Morgen des 23. März 1970 steht Finn verdutzt in der Redaktionsküche und starrt in den leeren Kaffeetopf. „What the hell?“, fragt er den Kollegen. Und: „Wo ist Patti? Die kann das machen.“ Will sie aber nicht mehr, denn sie ist mit den anderen dabei, eine Pressekonferenz zu geben...

Die Story

1970. „Newsweek“ erscheint mit diesem Cover – und wird am selben Tag vor der Gleichbehandlungskommission verklagt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2016)

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