ORF-Zweiteiler: Schokoschock im Hotel Sacher

Robert Dornhelm hat „Das Sacher“ in einem üppigen Zweiteiler schonungslos verkitscht. Beate Thalbergs Dokumentation über Anna Sacher kommt der Dame viel näher.

Ursula Strauss spielt Anna Sacher als selbstbewusste und einfühlsame Hotelmanagerin.
Ursula Strauss spielt Anna Sacher als selbstbewusste und einfühlsame Hotelmanagerin.
Ursula Strauss spielt Anna Sacher als selbstbewusste und einfühlsame Hotelmanagerin. – (c) ORF (Petro Domenigg)

Die Wiener, so sagt man, neigen traditionell zum Suizid. Ihre häufigste, wirkungsvolle Methode besteht im Verzehr von Mehlspeisen. Ein Stück Sachertorte etwa, großteils aus Fett und Zucker bestehend, das mit Schokoglasur und Marmelade getoppt wird, hat gut 400 Kilokalorien. Betrachtet man Robert Dornhelms opulenten Spielfilm-Zweiteiler, der zur Weihnachtszeit im TV läuft, als Nascherei, dann hat der Regisseur eine Extraportion Schokolade und einen Schöpfer Schlagobers fürs Festtagsmahl hinzugefügt: „Das Sacher. In bester Gesellschaft“ ist eine picksüße Orgie des Kitsches, die sich über mehr als drei Stunden erstreckt. Wer das mag, wird danach richtig satt in seinem Sofa schlummern. Dieses Melodram ist solid gearbeitet, es prunkt mit vielen Stars und vereinzelten Charakterköpfen.

Ursula Strauss spielt Anna Sacher einfühlsam, selbstbewusst: Die Tochter eines Fleischhauers aus dem zweiten Bezirk ehelicht 1880 mit 21 den Hotelier Eduard Sacher. Sie wird früh zur Witwe, kämpft mit der Hilfe mächtiger Gönner darum, das renommierte Haus weiterführen zu dürfen – einer Frau wurde das damals schwerlich zugestanden. Sie macht das Sacher zur Marke, bis zum Untergang der Monarchie 1918 ist es praktisch ein Wohnzimmer für Adel und Großbürger, die sich dort sehen ließen, Geschäfte anbahnten oder diskret in Suiten mit Gspusis kopulierten. Hinter der Oper stand quasi Wiens nobelstes Haus der Freude.

Ein exzessiver Erzherzog unten ohne

Bei Dornhelm ist nicht nur das Sacher Kulisse (von oben sieht man das Hotel und die Innenstadt zuweilen als solche), sondern auch die Geschichte der Nobelwirtin. Frau Sacher, die Hoheiten beinahe auf Augenhöhe umsorgt, die mit der kaiserlichen Liebschaft Katharina Schratt (toll: Nina Proll) auf Du und Du steht, dient hier als Rahmen, so wie ihr treuer Portier Sebastian Mayr (Robert Palfrader), der alles sieht und versiert mit den Gästen umzugehen weiß. Die Hauptgeschichte dreht sich um zwei jungvermählte Paare, bei denen es, wie bei Frau Sacher, um Emanzipation und Anpassung an die modernen Zeiten geht, vor allem aber um Liebe, Leidenschaft und sogar Verbrechen. Georg und Konstanze von Traunstein (Laurence Rupp, Josefine Preuß) lernen im Sacher das Berliner Ehepaar Martha und Maximilian Aderhold kennen (Julia Koschitz, Florian Stetter) – eine Verlegerin und einen Schriftsteller. Auch Konstanze schreibt, unter Pseudonym. Bald wird sie der Star des Aderhold-Verlags.

Ein Minireigen beginnt, von Aufklärern, Reformern, Sozial- und echten Romantikern. Ein Krimi ist zusätzlich eingebaut, der die Traunsteins betrifft: Peter Simonischek spielt glaubhaft einen ruchlosen Vertreter des alten Regimes, Jasna Fritzi Bauer ein elfenhaftes, von einem Opernfaktotum (Simon Schwarz) gerettetes Opfer, das bald enorme Energien entwickelt, Robert Stadlober einen vifen Polizisten. Unter den drei Dutzend Mitwirkenden zählen diese Darsteller zu den einprägsamen – man muss ja nicht gleich wie Philipp Hochmair einen exzessiven Erzherzog Otto spielen, der sich fröhlich beim Schweinsbraten mit einer Professionellen vergnügt, um enthemmt aus dem Separee auf den Gang zu stürmen, unten ohne und mit gezücktem Säbel. Aber auf Portier Mayr ist Verlass – er entschärft die Situation routiniert, während Anna Sachers kalter Blick verrät: Alles schon gesehen!

Besuch des Hauses in der Gegenwart

So leben sie hin, die detailreich modellierten Zuckergussfiguren der mehrstöckigen Dornhelm-Torte. Die ist zwar anschaulich verziert, aber nicht sehr raffiniert. Einige Dialoge (Drehbuch: Rodica Doehnert) klingen papieren, sie wirken wie simple Erklärtexte einer komplexen Zeit. Nahe kommt man so Frau Sacher und den Milieus ihres Etablissements nicht. Das gelingt der Dokumentation von Beate Thalberg in 55 Minuten viel besser. In „Die Königin von Wien – Anna Sacher und ihr Hotel“ besucht sie dieses Haus auch gegenwärtig, beobachtet und befragt seine guten Geister bei der Arbeit. Zugleich wird die Ringstraßenära in kritischer Analyse pointiert vorgeführt, auch anhand vieler Originaldokumente. Das Sacher und seine Chefin werden hier lebendig, im besten Sinne animiert. Ein leicht ironischer Kommentar verhindert Mythenbildung zu dieser Zigarre rauchenden, willensstarken Unternehmerin. „Ich werd ein Haus draus machen, in das alle wollen“, sagt die frühe Netzwerkerin in einem dramatischen Moment des Films. Das nimmt man ihr in jeder Hinsicht ab.

Termine: Der Historien-Zweiteiler von ORF und ZDF ist am 27. und 28. 12. in ORF 2 zu sehen (jeweils 20.15 Uhr), die Dokumentation von ORF und Arte am 27. 12. in ORF 2 (22 Uhr) sowie auf Arte am 25. 12. (17.15 Uhr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2016)

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