Ari Rath im Alter von 92 Jahren gestorben

Der von den Nazis aus Wien vertriebene und in Israel arbeitende Journalist starb am Freitag im Wiener AKH.

Ari Rath
Ari Rath
Ari Rath – Reuters

Der frühere Chefredakteur der "Jerusalem Post", Ari Rath, ist Freitag früh im Alter von 92 Jahren in Wien gestorben. 2012 veröffentlichte Rath im Zsolnay Verlag unter dem Titel "Ari heißt Löwe" seine Lebenserinnerungen, die zwei Jahre später auch als Taschenbuch und eBook aufgelegt wurden. Ende Oktober 2012 verfasste APA-Kulturchef Wolfgang Huber-Lang anlässlich der Erstauflage folgende Rezension:

"Ich habe vieles erlebt, was ich zuvor für unmöglich hielt. Mein sehnlicher Wunsch ist es, den Aufbruch zum Frieden in meiner Heimat noch zu sehen." So beschließt der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der englischsprachigen israelischen Tageszeitung "Jerusalem Post", Ari Rath, seine Erinnerungen. Das unter dem Titel "Ari heißt Löwe" im Zsolnay Verlag erschienene Buch beginnt in seiner Heimatstadt Wien, aus der er 1938 mit 13 Jahren vertrieben wurde, und endet hier, wo er seit einigen Jahren wieder einen Wohnsitz hatte.

Mit seiner Überzeugung, den Frieden der Region dauerhaft nur mit einer garantierten Koexistenz von Israelis und Palästinensern sichern zu können, prägte Rath auch die "Jerusalem Post", zu deren 50. Geburtstag er 1982 in einer Sonderausgabe programmatisch formulierte: "Um Frieden zu erreichen, muss Israel bereit sein, einen Teil der Territorien aufzugeben, die es seit 1967 besetzt hat. (...) In dieser wichtigen nationalen Frage, die jeden Israeli als wichtigstes Thema beschäftigt, kann die 'Jerusalem Post' nicht neutral bleiben."

"Alles, was mir lieb war, wurde mir 1938 genommen"

"Alles, was mir lieb und wichtig war, wurde mir nach dem 11. März 1938 genommen, weil ich Jude bin", schreibt Rath im Prolog zu seinen von Stefanie Oswalt aufgezeichneten Erinnerungen. "Über Nacht waren wir vogelfrei." Mit einem Kindertransport gelang ihm die Flucht nach Palästina, wo er in der Kibbuz-Bewegung aktiv wurde. Genau zehn Jahre nach seiner Flucht kehrte er zum ersten Mal in seine zerstörte Heimatstadt zurück. "Wien war für mich zur Geisterstadt geworden. Keines der jüdischen Geschäfte existierte mehr, ich las neue, fremde Namen und fühlte mich, als würde ich über einen Friedhof gehen."

Begegnungen mit Bruno Kreisky, später mit Franz Vranitzky und anderen beförderten seine Aussöhnung mit Österreich. Doch auch über skurrile Treffen mit dem damaligen, umstrittenen Bundespräsidenten Kurt Waldheim berichtete Rath. "Während des Gesprächs fühlte ich mich merkwürdig. Ich, der Judenbub, der 48 Jahre zuvor aus Wien vertrieben worden war, saß mit dem Präsidenten der Republik Österreich in der Hofburg am Ballhausplatz und nahm die Rolle des Mahners und Ratgebers ein." Überflüssig zu sagen, dass sich Waldheim nicht an die Ratschläge hielt.

"Ari heißt Löwe" ist eine umfassende, manchmal ausufernde Bestandsaufnahme wichtiger Lebensetappen und Begegnungen, die aus zweierlei Hinsicht besonders interessant sind: Zum einen, weil Ari Rath als Journalist immer wieder extrem nahe am politischen Geschehen war und über teilweise sehr persönliche Begegnungen mit vielen großen Politikern berichtete, zum anderen, weil man eine sehr detaillierte Darstellung der wechselvollen Geschichte des Staates Israel und des israelisch-palästinensischen Konflikts erhält.

Zu der überaus komplizierten Situation gehört auch, dass es der durchaus kritische Berichterstatter stets als selbstverständliche Pflicht ansah, selbst als Soldat an der Front zu kämpfen. Gleichzeitig zeigte er sich froh, dass etwa die im Sechstagekrieg von seiner Einheit in Richtung jordanischer Soldaten abgefeuerten Granaten alle ihr Ziel verfehlen: "Ich fühlte mich darüber sehr erleichtert, denn für mich beinhaltet jeder Mensch immer eine ganze Welt, unabhängig von Nationalität, Herkunft oder Religion."

2007 nahm der am Freitag 92-jährig Verstorbene die österreichische Staatsbürgerschaft wieder an, 2011 wurde er mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich geehrt. In Österreich fühlte er sich wieder willkommen, auch wenn er sich mit seiner liberalen Haltung auch hierzulande nicht nur Freunde machte. Die politischen Entwicklungen in Israel bereiteten ihm jedoch große Sorge: "Leider scheint mir der Frieden heute so fern wie nie."

(APA)

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