Tränen hinter dem Lenkrad

Der Schöpfer von „Ally McBeal“ und „Goliath“ inszeniert die Miniserie „Big Little Lies“. Ein beeindruckender Frauencast – von Reese Whiterspoon bis Nicole Kidman – spielt verzweifelte Helikopter-Mums im goldenen Käfig.

Big Little Lies
Big Little Lies
(c) HBO

Man hat angesichts der Flut an Serienproduktionen den Eindruck, Serien müssen heute ganz schön viele Kriterien auf einmal erfüllen. Romantisch sollen sie sein, ein bisschen sozialkritisch und spannend natürlich. Ein Mord gehört deshalb fast immer dazu. Das war bei dem Familiendrama „Bloodline“ so, bei der komplizierten Liebesgeschichte „The Affair“ – und ist nun auch wieder bei „Big Little Lies“ zu beobachten. Wobei man zur Verteidigung der neuen HBO-Serie aus der Hand von „Ally McBeal“-Schöpfer David E. Kelley sagen muss: Das Drehbuch konnte da schwer aus, es folgt der Vorlage des gleichnamigen Romans von Liane Moriarty.

Hat man sich also erst einmal damit abgefunden, dass in dem kleinen kalifornischen Küstennobelort Monterey jemand zu Tode gekommen ist, kann man sich darauf einlassen, die Protagonistinnen dieses kleinen Fernsehdramas kennenzulernen. Eine Reihe von sehr engagierten und sehr wohlhabenden Müttern tritt auf, deren Kinder dieselbe Volksschule besuchen. Da ist Madeline (gespielt von Reese Whiterspoon), eine Stay at home mum, deren Lebensinhalt neben der Perfektionierung ihrer beiden Töchter die Leitung einer Provinztheatergruppe ist. Da ist Renata (Laura Dern), die trotz Kindes nicht ihren Vorstandsposten in einem Silicon-Valley-Unternehmen aufgegeben hat. Und da ist die geheimnisvolle, introvertierte Celeste (Nicole Kidman), die seit der Geburt ihrer Zwillinge nicht mehr als Anwältin arbeitet. Neu in der Stadt ist die junge Alleinerzieherin Jane (Shailene Woodley), Mutter von Ziggy, die so jung ist, dass Renata sie beim Kennenlernen vor der Schule fragt: „Sind Sie die neue Nanny?“ Woraufhin Madeline schnippisch entgegnet: „Sie ist keine Nanny, sie ist jung. Das, was du auch einmal warst.“ Madeline führt Jane später in die Gepflogenheiten des Orts ein und erklärt überschwänglich: „We pound people with nice.“ Celeste ergänzt: „To death.“

Dass sich hinter den Fassaden der Edelvillen und den Windschutzscheiben der schicken Karossen Abgründe auftun würden, war absehbar. Deren Tiefe überrascht dann doch. Celestes Ehemann, Perry (Alexander Skarsgård), ist krankhaft eifersüchtig und schlägt immer öfter zu, wenn er sich nicht anders zu helfen weiß. Madeline leidet zwar nicht mehr an der Trennung von ihrem ersten Mann, Nathan, eifersüchtig auf dessen neue Frau Bonnie (gespielt von Zoe Kravitz) ist sie aber immer noch. Sie selbst ist gelangweilt von Ehemann Nummer zwei und verliebt in den Dramaturgen ihrer Theatergruppe. Die unkonventionelle Jane wiederum leidet immer noch unter Angstattacken und Verfolgungswahn, eine Folge der brutalen Vergewaltigung vor vielen Jahren, bei der ihr Sohn, Ziggy, gezeugt wurde. Nicht einmal ihren engsten Freundinnen erzählen all diese Frauen ihre Sorgen und Ängste. Gelogen wird um jeden Preis.

„Big Little Lies“ ist das ernstere, realistischere Pendant zu „Desperate Housewives“. In Rückblenden werden das Geschehen und der Mordfall in dem Örtchen nacherzählt, ergänzt durch die Zeugenaussagen diverser Bewohner Montereys. Die wussten natürlich immer schon, dass etwas nicht stimmen konnte bei den Alphafrauen des Ortes. Diese sitzen, egal, ob berufstätig oder nicht, ständig hinter den Lenkrädern ihrer Geländewagen und kutschieren ihre Kinder von A nach B. Im Auto wird gestritten, telefoniert und wenn die Kinder einmal abgeliefert sind, gar nicht so selten geweint.

Diese Sozialstudie im Reichenmilieu ist eine (vor allem bei Kidmans Therapeutenbesuchen) hervorragend gespielte Unterhaltung mit Tiefgang. Und mit Sicherheit eines der Serien-Highlights dieses Jahres.

„Big Little Lies“: Miniserie, sieben Folgen, seit 19. Februar auf Sky Ticket, ab 6. 4. auf Sky Atlantic HD.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2017)

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