„Tote Mädchen lügen nicht“: Chronik eines geplanten Suizids

„Tote Mädchen lügen nicht“ rollt die Selbsttötung einer Teenagerin auf. Diese nahm sieben Kassetten mit Nachrichten an jene auf, die sie für ihr Unglück verantwortlich macht.

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Katherine Langford spielt Hauptfigur Hannah Baker. Wie ihr Mitschüler Clay (Dylan Minnette) erfahren wir im Rückblick, wieso sie sich umgebracht hat. – (c) Beth Dubber/ Netflix

Auf dem Highschool-Campus geht das Leben eine Woche nach dem Tod von Hannah Baker seinen gewohnten Gang. Nur die Fotos, Zeichnungen und Abschiedsbriefe, die an ihrem Spind kleben, erinnern an den Vorfall. Wenn Schülerinnen sich vor dem Spind ablichten, posten sie ihr Selfie danach auf Instagram mit dem Hashtag #Neverforget. Hannah hat sich umgebracht, und niemand weiß, warum. Doch dann bekommt Clay, einer ihrer Mitschüler, ein Paket mit sieben Kassetten, auf der die eindringliche, ruhige Stimme von Hannah (Katherine Langford) zu hören ist: „Hol dir einen Snack, mach's dir gemütlich“, sagt sie dem Zuhörer zu Beginn: „Ich werde dir jetzt die Geschichte meines Lebens erzählen.“ Dabei ist es eigentlich die Chronik eines geplanten Suizids.

Auf den sieben Kassetten sind 13 Seiten besprochen – jede richtet sich an eine andere Person, die Hannah mitverantwortlich für ihr Unglück macht. Clay (Dylan Minnette) soll die Kassetten wie bei einem Kettenbrief an die nächste Person weitergeben, diese dann an die nächste usw. Jede Folge der Serie widmet sich einer anderen Person. Dabei treten kleine und große Probleme eines modernen Teenageralltags zutage. Ein Mitschüler machte unbemerkt Fotos von Hannah, was ihr Unbehagen bereitete. Ein anderer setzte sie auf eine Liste von Schülerinnen, die er „nicht heiß“ fand. Ein Dritter küsst sie und behauptete anschließend, es sei mehr zwischen ihnen passiert. Hannah sorgte sich um ihren Ruf. Von einem Schulkollegen wurde sie sexuell belästigt. Sie saß im Kleiderschrank, als ihre Freundin Jessica von einem Schulkollegen vergewaltigt wurde, weil sie aber nicht eingriff, machte sie sich später Vorwürfe. All diese Vorfälle verstärkten ihre Suizidgedanken.

Vorlage zur Serie war ein Jugendbuch

Die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ ist ab heute, Freitag, auf Netflix abrufbar (Produzenten: Selena Gomez und „Spotlight“-Drehbuchautor Tom McCarthy). Vorlage für die Young-Adult-Serie war der Erfolgsroman „13 Reasons Why“ von Jay Asher. Das Buch war bei seinem Erscheinen 2007 viel beachtet, weil es die Probleme von Jugendlichen rund um Cybermobbing und Co sehr authentisch aufzeigte. Damals war Facebook gerade erst zwei Jahre auf dem Markt, Instagram oder Snapchat noch nicht erfunden, der Begriff „Selfie“ noch nicht geprägt. Die Serie schafft es gut, den Romanstoff mit den Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts zu verweben, wie man schon an der erwähnten Selfie-Szene vor dem Highschool-Spind erkennt.

Trotzdem kann die Serie die dramaturgischen Schwächen des Buches nicht ausmerzen. Die Teenagersorgen wirken wie Schablonen, die Geschlechterrollen eingefahren: Die jungen Männer sind sexuell übergriffig oder Spanner, die jungen Frauen petzen oder sind eifersüchtig. Da bleibt kein Platz für Zwischentöne. Auch der Kassetten-Schmäh ist schon ziemlich abgedroschen, und schon wieder ein Klischee. Aha, Jugendliche von heute wissen nicht mehr, wie man Kassetten abspielt, und suchen im Keller nach verstaubten Kassettenrekordern ihrer Eltern, die natürlich klemmen.

Der Serie kann man aber zugute halten, dass sie ein Tabu, nämlich den Suizid von Jugendlichen, thematisiert. Die naheliegende Botschaft – Weiterleben lohnt sich trotz aller Probleme. Immer! – wird subtil und nicht belehrend vermittelt. Letztlich wird die Zielgruppe, die angesprochenen Jugendlichen, entscheiden, ob sie sich hier gut getroffen und ernst genommen fühlt.

„Tote Mädchen lügen nicht“ (Original: „13 Reasons Why“): Ab heute, 31. März, 13 Folgen. Netflix

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2017)

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