Ein „Tatort“-Idyll voll Hysterie

Am Sonntag gibt Regisseurin Barbara Eder ihr Österreich-„Tatort“-Debüt: Sie pflanzt das Ebola-Drama „Virus“ in ein hübsches Dorf, über dem Militärhubschrauber kreisen . . .

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) versucht, einen wichtigen Zeugen zu befragen: Leider ist der Hund, der das Mordopfer gefunden hat, wenig gesprächsbereit.
Bibi Fellner (Adele Neuhauser) versucht, einen wichtigen Zeugen zu befragen: Leider ist der Hund, der das Mordopfer gefunden hat, wenig gesprächsbereit.
Bibi Fellner (Adele Neuhauser) versucht, einen wichtigen Zeugen zu befragen: Leider ist der Hund, der das Mordopfer gefunden hat, wenig gesprächsbereit. – (c) ORF (Hubert Mican)

Schön ist's in der Steiermark. In Pöllau, um genau zu sein. Zu schön. Und der Bauernhof, auf dem ein Arzt ein gutes Dutzend afrikanische Flüchtlinge beherbergt, wirkt auf den ersten Blick wie die Kulisse für einen „Heidi“-Film – mit hopsenden Kindern, bunt bestückten Wäscheleinen und etwas reservierten Erwachsenen. „Das ist ein spannender Kontrast: Dieses Idyll versus eine tödliche Krankheit“, sagt Regisseurin Barbara Eder. Denn in ihrem „Tatort“-Debüt „Virus“, das am Sonntag die Sommerpause der Krimireihe beendet, geht es um den Mord an einem Afrikaner, der ohnehin nicht mehr lang gelebt hätte. Diagnose: Ebola. Was dann über den kleinen Ort und seine Bewohner hereinbricht, erinnert an US-Katastrophenfilme: Polizei und Militär riegeln alles ab. Menschen in Schutzanzügen entseuchen den Seziersaal, suchen im Ort nach Infizierten. Am Stammtisch macht sich Panik breit. „Ich habe mir viele US-Filme angesehen: Da sind die Farbwelten betont grau, grün unterlegt, oder es ist alles Wüste. Ich fand es interessant, das umzudrehen: Hier blühen die Pelargonien, und wir haben auf einem netten Dorfplatz die ABC-Einheiten in ihren Gummianzügen in Szene gesetzt.“

Dass die Wiener Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) diesmal aufs Land ausrücken, sei für den Österreich-„Tatort“ nicht ungewöhnlich, meint Eder. Die Entlegenheit sei wichtig für die Geschichte: „Man hat ein Dorf, das man abriegeln kann.“ Mit Ebola hat sich die Regisseurin bisher nicht befasst. „Aber mit dem Flüchtlingsthema habe ich viel anfangen können – auch mit der Angst, die Rupert Henning in seinem Drehbuch beschreibt, dass Leute aus einem fernen Land Bioterrorismus betreiben könnten. Das hat mich beschäftigt.“ Und die Moral: „Solang wir eine Tragödie wie Ebola nicht riechen, schmecken, spüren können, so lang beschäftigen wir uns nicht damit. Und wenn es keinen wirtschaftlichen Nutzen für die Pharmaindustrie gibt, wird nicht geforscht und nichts dagegen gemacht.“

Um realitätsnah zu bleiben, erbat Eder Amtshilfe bei Experten und Militär, traf Sicherheitsbeauftragte und schaute sich Videos von Seuchenübungen an. „Ich musste herausfinden: Welche Bilder kommen bei mir auf.“ Der TV-Einsatz samt Hubschrauber und Seuchenkommando wirkt ein wenig zu hysterisch. „Einige Sachen sind überspitzt, das ist der Dramaturgie geschuldet – aber vieles gibt es wirklich.“ Den „Schneewittchensack“ zum Beispiel, in dem Personen mit Seuchenverdacht transportiert werden . . .

 

„Ich bin ein Serienjunkie“

Mittlerweile hat Eder auch einen zweiten „Tatort“ abgedreht – „eine dramatische, urwienerische Strizzigeschichte“, die 2018 ins Fernsehen kommt. Sie selbst schaut gern TV-Serien: „Ich bin ein Serienjunkie und schaue noch aus Vergnügen – das habe ich mir bewahrt.“ Bekannt wurde Eder aber mit ihren Kinofilmen: „Inside America“ und „Thank You for Bombing“. Trotzdem bleibt die Regisseurin vorerst dem Fernsehen treu: „Ich mache eine deutsch-schwedische Serie: ,West of Liberty‘ ist ein Politthriller um Whistleblower, die wir in Marrakesch, Kopenhagen und Berlin drehen werden.“ 2018 könnte ein Thriller dazukommen. Dass es noch immer nicht selbstverständlich ist, Frauen solch actionreichen Stoff anzuvertrauen, ärgert Eder. „Ich glaube nicht, dass das bewusste Vorgänge sind, aber man vertraut die Liebesgeschichte noch immer eher der Regisseurin an, den Actionthriller einem Mann. Dabei sind Frauen genauso hart und Männer genauso emotional.“ Daher sei sie auch für eine Quote. „Und das bedeutet nicht, dass man Frauen nimmt, ohne dass sie es können: Frauen bringen ihre Leistung!“

ZUR PERSON

Barbara Eder (*1976 in Eisenstadt) studierte Regie an der Filmakademie Wien. Ihr erster Langfilm, „Inside America“, wurde mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, „Thank You for Bombing“ mit dem Österreichischen Filmpreis. „Virus“ ist Eders erster „Tatort“, 2018 folgt mit „Irgendwann“ ihr zweiter. [ ORF ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2017)

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