Lass dich nicht täuschen!

Auch in der Bilderflut, die wir täglich erleben, verliert das Bildhafte nicht an Macht. Umso wichtiger ist es, Fotos lesen zu können. Ein Symposium in Graz geht diesen Fragen nach.

Neue Technologien verändern uns. Das Foto zeigt syrische Flüchtlinge im August 2015, die nach der Ankunft auf der griechischen Insel Kos ein Selfie machen.
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Neue Technologien verändern uns. Das Foto zeigt syrische Flüchtlinge im August 2015, die nach der Ankunft auf der griechischen Insel Kos ein Selfie machen.
Neue Technologien verändern uns. Das Foto zeigt syrische Flüchtlinge im August 2015, die nach der Ankunft auf der griechischen Insel Kos ein Selfie machen. – (c) REUTERS (YANNIS BEHRAKIS)

Eduardo Martins ist 32 Jahre alt, lebt in São Paulo und ist Kriegsfotograf. Das zumindest haben Medien wie das „Wall Street Journal“ und „Vice“ bis vor gut drei Wochen geglaubt. Sie haben seine Bilder aus dem Irak oder Syrien gern und mehrfach veröffentlicht. Doch nun hat sich herausgestellt, dass Eduardo Martins, der auf Instagram 120.000 Follower hatte, was manchen Existenzbeweis genug zu sein scheint, vielleicht gar nicht existiert, mit Sicherheit aber nicht Urheber jener Fotografien ist, die in diversen Medien veröffentlicht wurden. Stattdessen hat er Bilder auf Google gesucht, sie gespiegelt und wieder bei Google hochgeladen. Interessanterweise hat Martins für den Abdruck seiner Bilder in diversen Medien kein Geld bekommen. Was noch mehr die Frage aufwirft, wer oder was hinter diesem Fake-Fotografen steckt.

Die Geschichte von Eduardo Martin ist für den deutschen Medienethiker Alexander Filipović ein gutes Beispiel dafür, dass die Bildmanipulation „heute nach wie vor stark betrieben“ wird. „Es steigen die Möglichkeiten der Fälschungen, aber eigentlich auch die Werkzeuge zur Überprüfung von Fälschungen“. Die Redaktionen hätten also die Möglichkeit, nicht in solche Fallen zu tappen. „Aber die Verführbakeit ist groß, man neigt dazu, einen Mann für ehrlich und authentisch zu halten, weil er viele Social-Media-Freunde hat“, sagt Filipović, der am kommenden Mittwoch in Graz im Rahmen des Symposiums „Die neue Macht der Bilder“ die Keynote halten wird.


Bilder, die sich einprägen

Auch in der Flut der Bilder, die uns sowohl technische Geräte wie das Smartphone als auch die leichtere Verbreitungsmöglichkeit dank Internet und sozialer Netzwerke, verliere das Bildhafte seine Macht nicht, sagt der Experte. „Es haben nur einzelne Bilder schwerer, zu Ikonen zu werden. Aber es passiert eben ab und an immer noch.“ Wir erinnern uns an den dreijährigen syrischen Flüchtlingsbuben Aylan Kurdi, der tot an einem türkischen Strand lag. An den Kapuzenmann von den Folterungen in Abu Ghraib. Die brennenden Zwillingstürme in New York.

Bilder hatten immer schon eine Macht. Sie wurden von Mächtigen benutzt, um ihre Macht auszubauen. Notfalls eben auch mit Fälschungen. Heute hat es die Politik nicht mehr so einfach, Kontrolle über das von ihr veröffentlichte Bild zu behalten. „Politiker tun sich schwer, sich mit Bildern positiv zu inszenieren“, sagt Filipović und ergänzt: „Sie haben große Angst, schlecht getroffen zu werden.“ Weil sie wissen, dass Medien natürlich darauf warten, ein Bild zu bekommen, mit dem man eine Aussage verbinden kann. Da werden Politiker von unten belichtet gezeigt, oder just in dem Moment, in dem sich hinter ihnen ein Plakat löst. Wenn sie die Augen schließen, gähnen oder grinsen. Auch wenn die Presseabteilungen ein starkes Auge auf die publizierten Bilder der Kandidaten haben, können sie nicht komplett die Kontrolle darüber haben.


Inszenierung auf Instagram

Dafür ermöglichen auch ihnen die sozialen Netzwerke, sich heldenhaft und makellos zu inszenieren. Vor allem Bundeskanzler Christian Kern und Sebastian Kurz von der ÖVP sind mit ihrem Team geübt darin, sich während des Wahlkampfs auf Instagram und Facebook von den besten Seiten zu zeigen. Und zwar nicht nur auf Fotos, sondern auch auf bewegten Bildern. „Die Tendenz geht ganz stark zum Bewegtbild“, sagt Filipović und ergänzt: „Wenn wir ein bewegtes Bild sehen, neigen wir dazu, ihm dank Ton, Tiefe, Bewegung der Menschen noch mehr zu vertrauen als einem fotografischen Bild.“

Dabei setzen sich Videos nicht nur im Medienalltag, sondern auch im privaten Gebrauch immer mehr durch. Es ist heute fast schon selbstverständlich, Videos von sich selbst zu machen und anzusehen. Die neuen Technologien würden auch „das Gefüge des Selbst- und Weltverhältnisses verändern“. Also wie wir uns selbst und die anderen sehen. „Wenn sich Medien verändern, verändern sich auch die Praktiken der Menschen. Wenn auch nicht fundamental.“ Aber die meisten von uns reagieren heute sehr viel weniger erstaunt oder gar geschickt, wenn sie sich selbst auf Fotos oder Videos sehen. „Die Menschen wissen, wie sie aussehen. Das versetzt sie in die Lage, anders, selbstbewusster aufzutreten. Das sind ganz interessante Entwicklungen, aber deswegen werden wir nicht alle zu komplett anderen Wesen.“

Fälschungen kann man übrigens da wie dort, bei der Fotografie wie beim Bewegtbild, durchführen, erinnert der Experte. Es ist unter anderem der Journalismus, der die Aufgabe hat, zu zeigen, woher Bilder kommen, wie sie entstehen. Dennoch plädiert Alexander Filipović dafür, dass Kinder und Jugendliche im Rahmen ihrer Ausbildung lernen, wie man Bilder ansieht, interpretiert und – ganz wichtig – hinterfragt.

Sehr viel Aufklärungsarbeit ist außerdem bei jungen Menschen genauso wie bei Erwachsenen bei der Nutzung eigener Bilder zu tun. Viele vergessen gern, dass Fotos, die einmal im Netz oder per WhatsApp und Messenger an Freunde verschickt sind, nur schwer zu löschen sind.

Steckbrief

Alexander Filipović
(* 8. Januar 1975 in Bremen) ist ein Sozialethiker, Medienethiker und Theologe, seit 2013 Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München.
Termin: Er hält am Mittwoch die Keynote beim Symposium „Die neue Macht der Bilder“, das Styria Media Group und FH Joanneum gemeinsam veranstalten.
Wann und Wo: 4. 10. 2017, 17 Uhr, im Foyer des Styria Media Centers, Graz. Nach der Keynote diskutieren „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak, Frido Hütter („Kleine Zeitung“), Fotografin Susanne Hassler, der Journalismus-Student und Blogger Patrick Schlauer und Heinz Fischer, Leiter des Medieninstituts an der FH Joanneum.
Das Event wird auf diepresse.com und kleinezeitung.at live gestreamt.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2017)

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