Tucholsky: Da ein Stuhl, da ein Stuhl, er immer dazwischen

Kurt Tucholsky hätte seinen 120. Geburtstag.

Tinte, Rotwein und Odol,/sind drei Flüssigkeiten wohl –/davon kann der Mensch schon leben“, versichert, mit allem Trotz der Trunkenheit, das „Sauflied, ganz allein“. Wahr daran ist, dass man über den Odolverbrauch des Verfassers nichts weiß, beim Wein ist es anders, ihn hat er geschätzt und besungen, auch den Weißen. Aber viel Zeit blieb ihm zum Trinken nicht, die dritte Flüssigkeit floss in solchen Strömen, dass er sich fünfteilen musste: Kurt Tucholsky schrieb nicht nur unter dem eigenen Namen, sondern auch als „Peter Panter“, „Theobald Tiger“, „Ignaz Wrobel“ und „Kaspar Hauser“.

Die „Alliterationstiere“ hatte der heute vor 120 Jahren in Berlin Geborene aus seinem Studium, ein Repetitor brachte damit Leben in Paragrafen, Tucholsky belegte Jus. Anwalt wurde er nicht, zumindest nicht vor Gericht. Dafür in seiner Publizistik um so wortgewaltiger, der Kampf gegen die Missstände der Justiz wurde eines seiner Themen, der gegen den Krieg ein zweites. Begonnen hat er mit dem dritten, „Rheinsberg– ein Bilderbuch für Verliebte“, leichtfüßige Erotik, wie sie in Deutschland nur bei Tucholskys Vorbild Heine zu finden war. Es wurde ein Erfolg, „Generationen“ haben „danach vom Blatt geliebt“. Aber er konnte auch anders, 1913 stieß er zur „Schaubühne“ (später: „Weltbühne“), schrieb über Gott und die Welt – in einem ganz eigenen Plauderton, in dem er sich mit dem Leser ins Gespräch brachte – und gegen den kommenden Krieg, da plauderte er nicht, da schrieb er scharf und hart, auch mit Pathos.

 

„Pazifist schärfster Richtung“

Als der Krieg da war, musste er hinein, er drückte sich in Schreibstuben, um „nicht erschossen zu werden und nicht zu erschießen“. Beides gelang. Und dann schoss er, der „Pazifist schärfster Richtung“, mit allen Kalibern gegen den nach dem Krieg neu erstarkenden deutschen Militarismus und die mit ihm zusammenspielende deutsche Justiz – die Rechte überzog das Land mit politischen Morden, von Luxemburg bis Rathenau, gesühnt wurden sie kaum – und gegen die allem zusehende oder es fördernde deutsche Sozialdemokratie, Ebert, Noske. 1922, beim Kapp-Putsch, sagte Tucholsky die nächste Katastrophe voraus, in neun Jahren sei sie da, er vertat sich nur wenig.

Als sie kam, war er schon lange nicht mehr in Deutschland. 1924 ging er nach Frankreich, nun schoss er von dort („Soldaten sind Mörder!“). Aber er konnte auch anders, zur Beruhigung lagen Berge von Büchern auf dem Nachttisch – Tucholsky war einer der einflussreichsten Rezensenten, er hatte etwa früh Kafka entdeckt –, und wenn er erwachte, rieb er sich schon einmal „den Beischlaf aus den Augen“, in Chansons und Gedichten ging er an die Grenzen des Möglichen. Das alles machte ihn nach Selbstauskunft zu einem der „bestbezahlten Journalisten der Weimarer Republik“, er beherrschte einfach alles, jedes Thema, jeden Ton. Nur einer konnte ihm die Tinte reichen, Alfred Polgar, auch er Autor der „Weltbühne“.

Glücklich wurde er nicht, 1931 übersiedelte er nach Schweden – und verstummte. Er nahm nicht einmal Stellung, als die Nazis 1933 auch seine Schriften verbrannten. Er gab auf, zum Teil wohl, weil der Kampf verloren war, zum anderen, weil er in sich keinen Halt fand. „Hier ein Stuhl, da ein Stuhl, und wir immer dazwischen“, das reichte nicht mehr, geografisch nicht, politisch nicht – er hatte auch das Proletariat bedichtet und zur Revolution aufgerufen, aber eine politische Perspektive hatte er nicht, es ging ihm immer um den „Anstand“, der aus der Anerkennung der Würde des anderen wächst –, privat schon gar nicht. Das „Sauflied“ ist deutlich genug – „So schön kannst du gar nicht sein/wie in meinen Träumerein!“ –, er war bindungsunfähig, Ehen misslangen. Und von den drei Flüssigkeiten allein lebt auf Dauer doch keiner. Am 21.12.1935 nahm Tucholsky zu viele Schlaftabletten, ob absichtlich oder nicht, ist nicht ganz klar.

Seine Asche kam unter eine Eiche, darüber kam nichts, erst nach dem Krieg setzte jemand eine Grabplatte (Faust II: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“). Ihm selbst war nach anderen Worten, und für einen seiner fünf, Ignaz Wrobel, hat er sie früh entworfen: „Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze – gute Nacht!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2010)

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