Der Mediator

#MeToo erfasst Magazine in den Nischen

Woran soll man sich bei einem Thema orientieren, das von Belästigung bis Vergewaltigung reicht? Die Lektüre von „Emma“ kann hilfreich sein, aber auch Filmstar Joan Collins gibt Männern wie Frauen im „Spectator“ gute Ratschläge.

Scharfzüngig: Joan Collins mischt sich in die heikle Debatte über #MeToo ein.
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Scharfzüngig: Joan Collins mischt sich in die heikle Debatte über #MeToo ein.
Scharfzüngig: Joan Collins mischt sich in die heikle Debatte über #MeToo ein. – (c) REUTERS (Danny Moloshok)

Das Phänomen #MeToo ist längst nicht mehr auf Anklagen böser Produzenten, Regisseure oder Filmstars beschränkt. Es hat inzwischen Theaterdirektoren und andere Leuteschinder wie etwa Skitrainer erfasst. Neuerdings besetzt dieses Thema sogar Magazine jenseits billiger Moden. „The Times Literary Supplement“, Englands Fachblatt für Büchernarren, geht dabei weit zurück: „Mothers of #MeToo“ verspricht der Aufmacher diese Woche. Im Editorial wird das 21. Jahrhundert zum bisher stärksten Säkulum des Genderns, zumindest im Westen, ausgerufen. Es folgen Rezensionen von Neuerscheinungen über frühe Suffragetten: „Rise up, Women!“ lautet der Titel eines imposanten Buches von Diane Atkinson – das war der Kampfruf Emmeline Pankhursts, die in der Frauenbewegung an vorderster Front stand.

Rat zur Causa prima kann man sich aber auch in der aktuellen Ausgabe des eigenwilligen Londoner Wochenblatts „The Spectator“ holen, das prinzipiell Meinungen gegen den Strich bürstet – bei einer erfahrenen Society Lady, die in dieser Zeitschrift gelegentlich ein Tagebuch führt: Die Schauspielerin Joan Collins, bewundert oder gehasst von Fans leichter Soaps, seit sie in den Achtzigerjahren das Biest Alexis Colby in der amerikanischen TV-Serie „Dynasty“ verkörpert hat, mahnt in der #MeToo-Debatte zur Vorsicht. Die von der Krone mit dem Dame Commander des Empire ausgezeichnete Britin schreibt, dass Hollywood sich im Aufruhr befinde: „Einige Schauspielerinnen haben entdeckt, dass einige Schauspieler und Produzenten widerliche sexuelle Raubtiere sind. Tatsächlich? Dazu eine Meinung zu äußern ist mit Gefahren verbunden. Deshalb werde ich mich zurückhalten, bevor es heißt ,schlagt ihr den Kopf ab‘ . . .“ Allerdings lässt sich die Dame trotzdem zur Bemerkung hinreißen, dass sie Bedenken habe, wenn die Hatz gegen Männer noch viel länger andauere: „Ich befürchte demnächst einen erheblichen Rückgang der Geburtenrate.“ Die Angst vor #MeToo greife bei jüngeren Männern ihres Bekanntenkreises um sich. Die scheuten sich inzwischen sogar davor, ein Mädchen als hübsch zu bezeichnen. „In meiner Zeit nannten wir das Flirten“, erinnert sich die Autorin des „Spectator“.

Wie rasch man in Verruf gerät, hat der Kolumnist Harald Martenstein erfahren. Im Magazin des deutschen Wochenblattes „Die Zeit“ hat er unlängst über die Aktion einer Frau geschrieben „die als eine Art politische Demonstration beschlossen hatte, 496 Mal zu masturbieren“. Vielleicht, mutmaßt er nun, habe er in seinen Bemerkungen darüber mangelnden Respekt „für diese Heldentat“ gezeigt. Denn in einem Radiosender, der sonst immer eine Aufnahme der Kolumne ausstrahlt, wurde sie „diesmal aus dem Programm gestrichen“. Die simple Rechtfertigung der Radiomacher: Der Text passe nicht zu dem, „was sonst anlässlich der #MeToo-Debatte gesendet wird“.


Die Scham. Was also passt sonst noch dazu? Und wer sind jene, die über die Passform befinden? Am besten orientiert mann sich an einer deutschen Instanz, die seit 41 Jahren in Frauenfragen den Takt vorgibt. In der Zeitschrift „Emma“ meldet sich aktuell deren Gründerin und Herausgeberin Alice Schwarzer zu Wort: Die Aufkündigung der Scham der Frauen sei der erste Schritt zu ihrer Befreiung gewesen, schreibt sie: „Kehren wir also zurück zu den Wurzeln!“ Schwarzer zählt detailliert auf, wie wesentlich diese Liberalisierung für den Feminismus seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts war: „Seither ist viel passiert. Frauen sind stärker geworden. Männer einsichtiger. Nicht alle, aber viele. Doch es gibt sie immer noch: die Scham. Die Scham der Frauen.“ Sie rät dazu, dass frau für weitere Fortschritte männliche Verbündete brauche: „Also, Männer: #HowIWillChange!“ Der Appell von „Emma“ klingt doch vernünftig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2018)

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