Fernsehen: ATV verkauft seine „Teenager-Mütter“ an RTL2

Der österreichische Privatsender ist erfolgreich mit schlauem Reality-Kommerz-TV, dessen Lizenzen nun nach Deutschland gehen. Die dritte Staffel von „Teenager werden Mütter“ auf ATV läuft ab Dienstag.

(c) ATV

Eigentlich wurde die „Seifenoper“ ja für die Hausfrau erfunden – weil die über das Haushaltsbudget wacht: Im Nachmittagsprogramm des frühen US-Rundfunks sponserten Waschmittelhersteller „Soaps“, um ihre Kundinnen zu binden. Umso erstaunlicher, dass der Privatsender ATV mit seinen Realitysoaps vor allem junge Männer anspricht. Bei 41Prozent der Zwölf- bis 29-Jährigen, die vergangenen Dienstagabend fernsahen, lief ATVs „Saturday Night Fever“: Teenager beim Fortgehen, Flirten, Saufen. „Wir haben mitten ins Zuschauerherz getroffen“, sagt ATV-Programmchef Martin Gastinger zur „Presse“.

4000 Fans im Online-Netzwerk Facebook hat die Sendung, Fantreffen werden organisiert, Protagonisten zu „Big Brother“ eingeladen: „Das hat sich verselbstständigt“, meint Gastinger. „Wenn man das hätte planen wollen! Die Interaktion mit dem Publikum gab's in dem Ausmaß in Österreich noch nie.“ Social-Networks wie Facebook – in denen man sich auch mit Barack Obama oder Heidi Klum „anfreunden“ kann – bringen die „Stars“ aus dem Reality-TV ins eigene Leben. Die heißen dann auch, wie bei „Saturday Night Fever“, ganz authentisch „Molti“, „Pichler“, „Spåtzl“: „Sie bekommen jetzt Autogrammkarten“, sagt Gastinger. „Für den ORF wird es in dem Bereich sehr schwierig sein, an uns ranzukommen.“ Eine zweite Staffel „Saturday Night“ zeigt ATV ab 4.Mai.

 

Ab Montag: Bergrettung, Bundesheer

Die frühen Soaps sollten die Damen derart bannen, damit die auch die Werbepausen hinnehmen. Dieses „werbefreundliche“ Umfeld bieten auch die ATV-Soaps: Die Werbewirtschaft spitzt auf junge Zielgruppen, die sie aufgrund deren Mediennutzung (zerstreut im Internet) nicht mehr gebündelt erreicht.

ATVs Erfolg bleibt nicht unbemerkt: RTL2 kaufte die Lizenz für das von den Wienern entwickelte „Teenager werden Mütter“, die dritte Staffel auf ATV läuft ab Dienstag. Am Montag (20.15h) starten neue Formate: „Die Bergrettung“, um westliche Bundesländer einzubinden, „Mission Bundesheer“ über Berufssoldaten und „Die Erfolgsstory“ von Auslandsösterreichern wie Hollywood-Koch Wolfgang Puck. Diese Sendungen sind Wirtschafts-, kaum Kulturgüter – was man kommerziellen Sendern prinzipiell nicht vorwerfen kann. Gastinger hält dennoch dagegen: „Wir haben das ja nicht erfunden, das alles findet so statt. Wir inszenieren auch nichts.“

Jeden Tag bewerben sich 15 bis 20 Teenie-Gruppen, „die auch gefilmt werden wollen. Es ist heute normal für die Leute, dass ihr Leben auch im TV stattfindet.“ Gastinger ist der Österreich-Bezug seiner Sendungen wichtig. „Für ,Das Geschäft mit der Liebe‘ (Realitysoap über Österreicher auf der Suche nach Frauen aus Osteuropa) wurden wir kritisiert. Erst dachten viele, die Sendung sei frauenfeindlich. Dabei sind die Männer die Loser!“

Ideen holt sich ATV auch selbst im TV. Gastinger: „Wir schauen uns an, was in der Fiktion gut läuft, z.B. Schönheitschirurgen. Das funktioniert dann auch als Reality“ – und ist dazu günstiger. Was ATV die Sendeminute kostet, verrät er nicht. Welche Berufe sind derzeit interessant? „Detektive, Profiler, Ärzte“ – und Operndirektoren: „Termin bei Holender“ startet am 29. März, 23.20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2010)

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