Nadia al-Sakkaf: Die Grenze überschreiten

Sie ist Jemens einzige Chefredakteurin: Nadia al-Sakkaf von der "Yemen Times" über ihren Alltag als Journalistin, die Zensur und brisante Tabuthemen.

Nadia alSakkaf Grenze ueberschreiten
Nadia alSakkaf Grenze ueberschreiten
Nadia Abdulaziz Al-Sakkaf – (c) Clemens Fabry

Sie sind die einzige Frau, die im Jemen Chefredakteurin einer Qualitätszeitung ist. Wie haben Sie das geschafft?

Nadia al-Sakkaf: Ich habe mich schon immer für kreatives Schreiben interessiert. Mit 16 gewann ich den Wettbewerb einer arabischen Zeitung aus Ägypten. Damals erklärte ich meinem Vater: Ich will Schriftstellerin werden. Mein Vater sagte: Davon kann man nicht leben. Nach dem Abschluss von zwei Studien – Informatik in Indien, Informationsmanagement in Großbritannien – wollte ich noch immer schreiben. Dann war es aber einfach für meine Familie, diesen Teil von mir zu akzeptieren, denn ich hatte bereits Abschlüsse und erste Berufserfahrungen. Ich begann als Journalistin bei der „Yemen Times“, die mein Vater 1990 gegründet hatte. Nach seinem Tod wurde ich 2005 Chefredakteurin. Dass ich auf dem Posten bin, hat auch damit zu tun, dass es ein Familienbetrieb ist. Es gibt auch andere Journalistinnen im Jemen, aber keine Entscheidungsträgerinnen wie mich – wenn, dann in Frauenzeitschriften.

 

Welche Storys schreiben Sie am liebsten?

Ich mag Geschichten über Entwicklung und Jugend. Ich berichte auch regelmäßig über Frauenrechte, Minderheiten und Menschenrechtsverletzungen.

 

Wie steht es um die Pressefreiheit im Jemen?

Mal kannst du etwas schreiben, mal wieder nicht. Das ist sehr vage und hängt von der Stimmung der Behörden ab. Wenn wir etwas schreiben, dann ist es wie bei einem Glücksspiel. Aber die „Yemen Times“ kann vieles schreiben, was arabische Zeitungen nicht bringen können. Meiner Zeitung gesteht man mehr Freiraum zu. Aber sie wurde auch schon mehrmals geschlossen.

 

Was bedeutet das konkret? Können Sie über Korruption in der Regierung berichten?

Wir können Artikel über Korruption veröffentlichen. Aber wir müssen mit der Kritik konstruktiv sein – das ist unsere Politik in der „Yemen Times“. Wir müssen alles, was wir schreiben, mit Fakten belegen können und objektiv sein. Wenn wir genug Beweise haben, dann veröffentlichen wir auch Namen. Wenn ich etwa eine Geschichte habe, bei der ein Minister in einen Korruptionsfall verwickelt ist, dann rufe ich ihn an, um seine Stellungnahme zu bekommen. Oft bleiben die Betroffenen allerdings eine Antwort schuldig.

 

Können Sie sich als Journalistin bei ihren Recherchen frei bewegen – so wie Ihre männlichen Kollegen?

Wenn man die Grenze von drinnen nach draußen überschreitet und zur öffentlichen Figur wird, dann steht einem alles offen. Ich kann zu „Männerorten“ gehen und zu „Frauenorten“, wo Männer nicht hindürfen. Im Jemen herrscht eine männerdominierte Kultur, aber es ist auch eine galante Kultur. Wenn man im Bus fährt, und es gibt nur einen Sitz, dann müssen zwei Männer aufstehen, um einem Platz zu machen. Bei den Pressekonferenzen stehen die Frauen in einer Gruppe etwas abseits, sie kämpfen nicht mit den Männern um den ersten Platz. Aber wenn eine Journalistin die Hand hebt, bekommt sie die Möglichkeit, die Frage zu stellen. Und wenn man bei einem Minister anruft, hat man als Frau mehr Chancen, eine Frage beantwortet zu bekommen – denn Männer rufen immer an! Bei Frauen denken sie sich: Na gut, rede ich mit ihr! Das ist ein Vorteil für Journalistinnen – und sowieso universell: Wenn du etwas Nettes sagst, kommst du damit durch. Das Problem beginnt, wenn eine Journalistin ihre Story veröffentlichen will. Der Redakteur glaubt nicht, dass sie klug genug ist. Will sie über Wirtschaft schreiben, sagt er: Was willst du damit? Geh und schreib' über Kinder!

 

Wurden Sie schon einmal wegen Ihrer Berichterstattung persönlich bedroht?

Nein. Ich erhalte öfter Hassbriefe. Wir berichten über Tabus wie Aids, Homosexualität, weibliche Genitalbeschneidung oder Zwangsheirat von Mädchen. Für viele Menschen ist das schockierend. Sie wollen nicht glauben, dass es in ihrer angeblich perfekten islamischen Gesellschaft Probleme gibt.


Kinderheirat ist im Jemen sehr verbreitet. Das Parlament diskutiert die Anhebung des Heiratsalters auf 17 Jahre, entschieden ist aber noch nichts. Würde so ein Gesetz überhaupt reale Auswirkungen haben?

Natürlich benötigt man beides – gute Gesetze und Institutionen, die sie implementieren. Und wir brauchen ein neues Bewusstsein, damit die Gesellschaft einsieht, dass die Heirat einer Zehnjährigen keine gute Sache ist. Aber solange man kein Gesetz hat, kann man sich nicht darauf berufen. Sollte diese Änderung durchgehen, dann können wir sagen: Dieser Mann ist ein Krimineller. Und als NGO und Journalisten können wir dieses Gesetz verwenden, um Druck zu machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2010)

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