Harald Schmidt: "Zu Wien gehört für mich das Falsche"

Er gefällt sich in der Rolle als Leitwolf des deutschen Humors. Showmaster Harald Schmidt im Gespräch über attraktive alte Männer, die unterschätzte Angela Merkel und die Kritik der Kapitalismuskritik.

Harald Schmidt Wien gehoert
Harald Schmidt Wien gehoert
Harald Schmidt – (c) AP (FRANK AUGSTEIN)

Beginnen wir mit unserer aktuellen Lieblingsfrage: Camus oder Sartre?

Harald Schmidt: Camus.


Das sagen offenbar alle. Warum?

Weil Camus der größere Künstler war. Sartre lebte nur davon, dass ihm Beauvoir die Weiber herangeschleppt hat.

 

Kommt das mit dem Alter, dass man Camus besser findet? Eine typische 19-Jährige entscheidet sich für Sartre.

Camus ist auch rechtzeitig gestorben. Und stilvoll.

 

Und Schiller oder Goethe?

Goethe.

 

Weil?

Für den Gesamtlebensentwurf, er ist doch der größte Deutsche aller Zeiten.

 

Das wird anstrengend, bleiben wir klassisch: „Die Weltwoche“ hat Sie den bösen, grauen Leitwolf des deutschen Humors genannt. Ist das eine gute Rolle, der böse Wolf?

Mir gefällt dieser böse, graue Leitwolf.

 

Der in der Nacht einsam herumzieht.

Ja, ich sehe mich da mit funkelnden Augen auf einer verschneiten Anhöhe stehen und die Hühner sondieren.

 

Aber einsam sind Sie nicht?

Eigentlich nicht. Was die Leistung angeht natürlich schon. Aber privat bin ich gebettet.

 

Sie haben auf der Bühne zwar Partner gehabt, waren aber immer das Alphatier.

Ich habe meine Begeisterung fürs Ensemblespielen entdeckt, nachdem ich jahrelang als Solokabarettist unterwegs war. Das gefällt mir am Theater am besten: im Ensemble zu spielen.

 

Würde Sie die Burg interessieren?

Als Schauspieler? Nein.

 

Weil?

Zu viele Schauspieler.

 

In dem „Weltwoche“-Text hieß es auch, dass Deutschland mit Ihnen leidet. Leiden Sie?

Ich leide nicht. Ich wüsste nicht, wo Deutschland mitleiden soll. Ich bin ein ungebrochen optimistischer Mensch.

 

Und das wienerische Raunzen als Äquivalent zum Leiden, das können Sie gut.

Das Raunzen ist anders – ich kenne den Ausdruck von meiner Mutter, die aus Brünn stammt. Raunzen ist Vor-mich-hin-nörgeln. Ich sehe es als Kunstform.

 

Die Sie mögen. Sie machen in Ihren Shows das Wienerische nach. Gefällt Ihnen das?

Ja, mir gefällt's. Ich habe vermutlich eine absolute Klischeevorstellung von Wien. Für mich ist Wien eine Mischung aus Hans Moser, aus Qualtinger, aus Thomas Bernhard und Schneetreiben auf dem Zentralfriedhof.

 

Waltz oder Haneke ist nicht Wien?

Christoph Waltz ist für mich international, Haneke komischerweise orte ich eher nach Frankreich zu.

 

Ich glaube, er sich auch.

Ich war ganz überrascht, dass er in Wien lebt. Ich dachte, er lebt in Paris.

 

Und er spricht auch relativ Wienerisch.

Er erinnert mich an André Heller.

 

Das Wienerische mögen Sie aber offenbar gerne?

Ja, vom Tonfall oder vom Gesamten her. Zu Wien gehört für mich das Falsche. Das strahlt der Haneke nicht aus.

Heller schon?

(Lacht) Heller ist für mich eher Joseph Roth. Das sage ich aber nur, weil ich weiß, dass er das gerne liest.

 

Sie sind wie einer dieser Supersportler. Die sind in einer gewissen Zeit State of the Art, werden bejubelt, nur dann müssen Sie irgendwann aufhören. Aber Sie machen immer weiter – ist das nicht riskant?

Überhaupt nicht. Der falscheste Satz ist dieser Satz: Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist. Man weiß überhaupt nicht, wann es am schönsten ist. Vielleicht wird alles noch viel schöner. Ich bin eher der Meinung: Man muss machen, bis man umfällt.

 

Dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist, ist nur die ängstliche Variante.

Ja, man sitzt dann in einem Straßencafé beim zwölften Latte macchiato am Tag und sagt: Ich bin der, der aufgehört hat, als es am schönsten war. Das ist uninteressant. Wenn man so einen Beruf hat, muss man immer weitermachen. Alle haben weitergemacht.

 

David Letterman musste mal aufhören.

Letterman war nicht weg, sondern hat fünf Bypass-Herzoperationen gekriegt.

 

Halten Sie es für ein Gerücht, dass die Männer im Alter interessanter werden?

Das reden sich die Männer ein. Sie reden es vor allem den Frauen ein.

 

Wird Angela Merkel im Alter interessanter?

Ich glaube, dass Angela Merkel altersunabhängig ist.

 

Zeitlos oder wie?

In gewisser Weise schon, sie wurde unglaublich unterschätzt in Deutschland. Das hat sich geändert.

Jetzt wird sie überschätzt?

Nein. Mein Eindruck ist, dass sie immer besser und immer geschickter wird in der Handhabung des Berufs. Also ich bin Fan von Angela Merkel.


Politisch auch?

Politisch ist es für mich kein Thema. Aber von ihr als Bundeskanzlerin.

 

Sie sind der einzige Teilzeitliebling des Feuilletons, von dem keine Kapitalismuskritik zu hören ist. Oder irre ich mich da?

Es müsste eine Kritik der Kapitalismuskritik geben. Kapitalismus ist gut, aber er wird zu wenig praktiziert. Weil zu wenig Geld vorhanden ist. Die Leute müssten mehr Geld in der Hand haben, damit sie mehr ausgeben können, dann würde es auch besser funktionieren.


Es wird doch gerade versucht, mehr Geld auszugeben.

Es ist aber in Wahrheit kein Geld da, das man ausgeben könnte. Mit Kapitalismuskritik habe ich echt nichts am Hut. Ich habe immer versucht, in diesem System an die Spitze zu kommen.

 

Also darwinistisch?

Nein, auch nicht. Weil, Darwin, das habe ich jetzt gelernt, Darwin ist ganz anders. Der Satz „Survival of the fittest“ ist überhaupt nicht von Darwin.

 

Kein Ellbogen?

Nein, anpassen und Kooperation. Das ist eigentlich ein grandioses Motto.


Klingt wie aus einem Managementbuch der späten Achtziger.

Das muss ja nicht falsch sein. Anpassen und Kooperation ist eigentlich das Schlaueste. Weil Sie merken, dass Sie mit dem längeren Schnabel besser an Futter rankommen, kriegen Sie einfach mit der Zeit einen längeren Schnabel.

 

Schön.

Kooperation heißt im Grunde, dass man sich mit anderen zusammentut und daraus in gewisser Weise die neue Art entstehen lässt. Aber mit Ellbogen hat das nicht so viel zu tun, wenn ich das richtig verstanden habe.

 

Fürchten Sie sich vor dem Tod?

Nein.

 

Weil?

Weil ich katholisch bin.


Sie hoffen also auf das Paradies.

Das nicht unbedingt, aber an die Auferstehung.

 

Ganz ernsthaft?

Selbstverständlich, sonst wäre ich nicht katholisch.

 

Es gibt viele Menschen, die katholisch sind, und sich leichter fassbare Abschnitte zum Glauben herauszupicken.

Ja. Das ist bei mir nicht so.

 

Erdbestattung oder Feuerbestattung?

Ich schwanke. Ich dachte auch schon mal an See.

 

Seebestattung?

Ja. Das wäre aber zu prätentiös. Ich dachte, es geht wie im Piratenfilm. Man kommt mit dem Tuch aufs Brett und wird runtergelassen, aber das ist echt kompliziert. Sie müssen dann irgendwie an die Nordsee fahren und so. Und wenn Sie auf dem Schiff selber sterben, kommen Sie im Containerflugzeug zurück, also Sie kommen auf dem Containerteil des Flughafens an. Ganz banal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2010)

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