"Guardian"-Chef: "Wir müssen Information teilen"

Das Bezahlinternet, die "Pay Wall", ist der falsche Weg in die Medienzukunft, so "Guardian"-Chefredakteur Rusbridger. Er kommt diese Woche nach Wien, "Die Presse" sprach vorab mit ihm.

GuardianChef muessen Information teilen
GuardianChef muessen Information teilen
(c) Guardian

In Aufruhr versetzt Medienzar Rupert Murdoch die Medienbranche seit knapp einem Jahr: Er will die Inhalte seiner Zeitungen (u.a. „The Sun“, „The Times“) im Internet nur mehr gegen Bezahlung freigeben. Geschwächt durch die Wirtschaftskrise fragen sich viele Herausgeber, ob die Zeitung im Zeitalter von Internet und iPhone überleben kann. Der Chefredakteur des 1821 gegründeten britischen „Guardian“, Alan Rusbridger, sprach mit der „Presse“ über seine Vision der neuen Medienwelt.

 

„Die Presse“: Sie kommen Donnerstag nach Wien zu einem Kongress über die Zukunft des Journalismus. Was wird Ihre Kernaussage sein?

Alan Rusbridger: Es geht darum, mehr über den Journalismus nachzudenken als über Geschäftsmodelle. Ich denke, die einzige Hoffnung für den Journalismus ist es, sich nicht hinter Bezahlmauern („Pay Walls“) einzuschließen. Dies zerstört genau jenes neue Potenzial, das der Journalismus heute hat. Wir müssen lernen, daraus Vorteil zu ziehen, wie Information in der Zukunft geteilt wird.

 

Sie haben zuletzt in dem Sinne in einem Vortrag ein Plädoyer für freie Inhalte gehalten...

Rusbridger: Ja, und nun möchte ich darüber hinausgehen und untersuchen, welche Auswirkungen dieses Verständnis für die Zukunft des Journalismus hat. Wir stehen nämlich vor fundamentalen Veränderungen.


Ihrem Vortrag gaben Sie den Titel: „Existiert Journalismus?“ Meine Frage lautet: Was ist eigentlich noch Journalismus im Zeitalter von Internet, Weblogs und Twitter?

Rusbridger: Wir müssen uns eingestehen, dass es heute eine Vielzahl von Informationsquellen gibt – der Journalismus hat dieses Monopol für immer verloren. Wenn man diesen Wandel anerkennt und Respekt für seine Leser hat, muss man seine Zeitung ändern, um dem Wandel gerecht zu werden. Und zwar fundamental, aber das Resultat ist ein besseres Produkt, näher am Leser. Das führt zu größerem Vertrauen und mehr Interesse und damit am Ende zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell. Wenn wir uns davon abschneiden und glauben, dass die Menschen für unser Produkt nur deshalb bezahlen, weil wir glauben, die einzige Autorität zu sein, werden wir große Probleme bekommen.

 

Sie sprechen von Respekt. Aber hat Journalismus nicht auch Verantwortung? Erlauben die neuen Kommunikationsformen nicht, jedes beliebige Gerücht augenblicklich und weltweit ohne journalistische Sorgfalt, Recherche und Kontrolle zu verbreiten?

Rusbridger: Ich stimme dem zu. Das ist eine der großen Herausforderungen. Man muss das abwägen und Personen finden, denen man vertrauen kann. Journalismus ist zu einem Gutteil das Zusammentragen von Information. So wie Sie mich jetzt interviewen, gibt es eben heute auch andere Wege, die Meinungen anderer zu erfahren und zu schätzen. Ein Beispiel: Nach einer Premiere könnten wir nicht nur die Beurteilung unseres Theaterkritikers veröffentlichen – im Publikum sind vielleicht Dutzende kenntnisreiche Zuseher, deren Ansichten für unsere Leser genauso interessant sind.

 

Aber vielleicht kaufen sich Ihre Leser den „Guardian“ genau deshalb, weil sie wissen wollen, welche Meinung Ihre Zeitung hat?

Rusbridger: Hoffentlich. Aber das eine steht nicht unbedingt im Widerspruch zum anderen. Der Kritiker kann ja auch von den Ansichten dieser Leute lernen, die vielleicht etwas sehen, was er nicht sieht. Diese Offenheit kann den Journalismus unheimlich anregen.

 

Führt das am Ende zu einem Journalismus ohne Journalisten?

Rusbridger: Wir müssen uns der Realität stellen. Die Wahrheit ist, dass dies längst passiert. Wenn man damit nicht einverstanden ist, kann man sich davon abschließen und sagen: „Unser Journalismus ist so gut, dass wir auch so unsere Leser finden werden.“ Wenn man aber denkt, dass das alte Zeitungsmodell in Schwierigkeiten steckt, dann muss man die Realität des Internets anerkennen und daraus Schlüsse ziehen.

 

Kann die Zeitung „Guardian“ den Internetableger Guardian Unlimited überleben?

Rusbridger: Darüber bin ich weniger besorgt als über die Frage, wie wir ein Geschäftsmodell aufstellen, das uns für neue Entwicklungen offen macht und den Bestand unserer Zeitung sichert. Wichtiger ist die journalistische Idee des „Guardian“, nicht, ob er als Website oder auf Zeitungspapier erscheint.

 

Nun macht Ihre Zeitung hohe Verluste. Wie soll das dauerhaft funktionieren?

Rusbridger: Es ist unmöglich. Das hat mit den Verzerrungen am britischen Markt zu tun, wo manch Eigentümer bereit ist, seine Zeitung mit Verlusten zu führen. Wir machen nicht Verluste, weil unsere Ideen schlecht sind.

Was bedeutete es für den „Guardian“, würde der Konkurrent „Independent“ gratis?

Rusbridger: Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Aber ich glaube, es wäre schlecht für alle Zeitungen. Es würde die Wertschätzung für Zeitungen weiter unterminieren.


Es ist Ihnen gelungen, Guardian Unlimited als eine führende Seite im Web zu etablieren. Wie viel haben Sie ins Internet investiert?

Rusbridger: Das Verhältnis Kosten zu Nettoeinnahmen in den letzten zehn Jahren war ein Minus von etwa je zwei Millionen Pfund. Das heißt, wir haben 20 Millionen Pfund verloren.

 

Und in der Zeitung?

Rusbridger: Über einen Zehnjahreszeitraum haben wir einen bescheidenen Gewinn gemacht. Aber in den letzten beiden Jahren hatten wir hohe Verluste.

 

Sie haben auf die Krise unter anderem mit einem sehr harten Sparprogramm reagiert.

Rusbridger: Zeigen Sie mir ein Medienunternehmen auf der Welt, das nicht zu ähnlichen Schritten gezwungen war. Niemand mag das.

 

Ist es mit dem Stellenabbau vorbei?

Rusbridger: Momentan ja.

 

Sie haben sehr erfolgreiche iPhone-Applikationen (Apps) entwickelt. Haben Sie auch schon Pläne für das iPad in der Schublade?

Rusbridger: Noch weiß ja niemand, wie das funktionieren wird. Aber das iPad wird sicher ein Erfolg, und wir sind begierig darauf, auch damit etwas zu machen.


Microsoft-CEO Steve Balmer sagt, die Zukunft ist eine Plattform, die TV, Radio und Web zusammenbringt. Auf der Guardian-Website finde ich Artikel, Video, Audio, Blogs etc. Muss eigentlich jeder alles selbst machen?

Rusbridger: Ich glaube, wir sind durch eine Experimentalphase gegangen, während der wir alles gemacht haben, weil wir alles machen konnten. In Zukunft werden wir selektiv sein müssen. Und besser machen, was wir schon gut können.

Zu Person und Konferenz

Alan Rusbridger (56), seit 1995 Chefredakteur der linksliberalen Tageszeitung „The Guardian“. Der Vater zweier Töchter und Hobbypianist baute deren Website zu einem der meistbesuchten Info-Dienste der Welt aus.

Die Konferenz „Journalism 2020“ ist Anlass für Rusbridgers Wien-Besuch. Auf Einladung des Medienhauses Wien kommen u.a. US-Medienguru Phil Meyer, Romanus Otte („Welt Online“), Stephan Ruß-Mohl (Uni Lugano). Zum Auftakt diskutieren Donnerstag Rusbridger und „Zeit Online“-Chef Wolfgang Blau (18h, Kongresssaal, Bundeskanzleramt). Infos unter www.journalism2020.net. [Guardian]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2010)

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