Serientipps

Serien für den Herbst: Nuschelnde Pornostars und kultivierte Wikinger

Neue Serien und Staffeln entführen in die New Yorker Sex-Industrie der 1970er, in ein groteskes Wikingerdorf, ein trügerisches Computerspiel oder das Innere des „Islamischen Staats“.

Candy (Maggie Gyllenhaal) steigt in „The Deuce“ zur Porno-Queen auf.
Candy (Maggie Gyllenhaal) steigt in „The Deuce“ zur Porno-Queen auf.
Candy (Maggie Gyllenhaal) steigt in „The Deuce“ zur Porno-Queen auf. – HBO

Pistorius

Die Geschichte hinter dem Fall
Zu sehen auf Amazon

Es sei, heißt es in der vierteiligen Doku-Serie einmal, ein „Drama von Shakespeare'scher Dimension“. Und noch dazu ein öffentliches. Oscar Pistorius, ein von den Medien gehypter Sportler, der „Blade Runner“, der trotz amputierter Unterschenkel an die Weltspitze lief – und am Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp erschoss. Aus Versehen, weil er sie für einen Einbrecher hielt, wie er beschwor. Die Medien stürzten sich auf den Fall und hatten schnell eine andere Theorie: Es habe einen tödlichen Streit gegeben.

War es so? Keiner weiß es, außer Pistorius selbst. Vaughan Sivell legt sich in dieser nur auf Englisch verfügbaren, ausführlichen Doku nicht fest – das macht sie interessant. Er zeigt ein lebendiges Bild dieses jungen Manns, der seine Mutter abgöttisch liebte und seine Freundinnen eifersüchtig bewachte; er zeigt ihn als schüchternen Teenie, als stolzen Promi und später ohne Prothesen gedemütigt vor Gericht. Vaughan lässt alle Seiten zu Wort kommen. Er beleuchtet die sozialen und kriminellen Schattenseiten Südafrikas, die Pistorius veranlassten, nicht ohne Baseballschläger ins Bett zu gehen. Und er zeigt den Tatort, die Leiche der jungen Frau in Nahaufnahme. Alle Facetten eben. Das ist schwer zu ertragen. (i. w.)

 

The Deuce

Halbwelt-Drama, neue 2. Staffel
Zu sehen auf Sky

Mit „The Deuce“ hat David Simon, Schöpfer von „The Wire“, der 42nd Street und all jenen ein Denkmal gesetzt, die dort in den 70er Jahren gearbeitet haben. In der ersten Staffel waren das vor allem Huren und Barkeeper. In der zweiten Staffel hat die Sex-Industrie sich weiter entwickelt: Viele der ehemaligen Prostituieren spielen nun in Pornos mit, allen voran Candy, die immer öfter hinter der Kamera steht. Eine wunderbare Serie über die Halbwelt New Yorks, die ohne Plot auskommt, dafür vom Schicksal vieler erzählt und einen wieder darüber fluchen lässt, dass Sky keine Untertitel anbietet: Die englische Fassung ist über Strecken schwer verständlich, die deutsche nimmt der um Authentizität bemühten Serie – und da gehört Genuschel und Slang eben dazu – viel von ihrem Charme. (best)

 

Norsemen

Wikingerkomödie, neue 2. Staffel
Zu sehen auf Netflix

Und dann steckt er in der Erde, dass nur noch sein Kopf rausschaut: Der römische Schauspieler, der als Sklave ins Wikingerdorf Norheim verschleppt wurde, ist empört – von den archaischen Zuständen hier, den grausamen Opferritualen, den unsäglichen Manieren der bärtigen Krieger, die jeden Konflikt mit Schwert und Knüppel lösen wollen. Aber es gibt hier auch kultivierte Wikinger, die sich in gesitteten Doubledates Poesie vorlesen und von „Angst-basiertem Führungsstil“ nichts halten . . . Die norwegische (aber auf Englisch gedrehte) Serie „Norsemen“ ist eine blutige und bitterböse Sitcom, deren Dialoge glatt von Monty Python stammen könnten. Der absurdkomische Mix von modernen Ideen in barbarischen Zeiten brachte gerade eine zweite Staffel hervor. (kanu)

 

Kiss Me First

Cyberthriller
Zu sehen auf Netflix (bereits seit Ende Juni)

Leila ist 17. Und einsam. Aber im Cyberspace ist sie als „Shadowfax“ eine unerschrockene Kämpferin. Als die faszinierende, aber labile Tess vor ihrer Tür steht, die sie als „Mania“ aus einem Computerspiel kennt, freundet sie sich an – und findet heraus, dass Personen, die aus dem Spiel verschwanden, tatsächlich tot sind . . . Bryan Elsleys Cyber-Thriller ist ein technikverliebtes, gesellschaftlich aktuelles Verwirrspiel um eine Gruppe Jugendlicher, die vor ihren Ängsten in das trügerische Digital-Paradies „Azana“ flüchten und direkt in die Arme sektenähnlicher Feel-Good-Flüsterer laufen. (i. w.)

 

The State

Miniserie über den IS
Zu sehen auf Amazon ab Montag, 1. Oktober

Ushna will eine Löwin werden. Eine Löwin an der Seite eines Löwen im „Islamischen Staat“. Darum macht sie sich mit ihrem rosa Rollköfferchen auf den Weg. Die ernste Shakira ist Ärztin und reist mit ihrem Sohn nach Raqqa, um dort verwundete Jihadisten zusammenzuflicken. Hat sie bedacht, was für eine Rolle Frauen beim Daesh spielen? Was das für den neunjährigen Isaac bedeutet? Und da wären noch Jalal und Ziyad, eher verträumt der eine, draufgängerisch der andere. Nach seinen Fähigkeiten gefragt, erklärt Jalal, er könne den Koran auswendig. Aber das ist keine Kunst, die hier gefragt wäre, in der damaligen Hauptstadt des „Islamischen Staats“.

Peter Kosminsky hat diese packende Miniserie geschrieben und gedreht – vor der Ausstrahlung auf Channel 4 wurden Bedenken laut: Ob sie nicht unfreiwillig Werbung machen werde für den IS? Das Ergebnis überzeugte selbst die größten Kritiker: Ohne je ins Propagandistische zu verfallen, indem er dem Weg dieser vier Figuren folgt, aus ihrem Blickwinkel erzählt, zeichnet Kosminsky ein präzises Bild davon, wie das Innere des „Islamischen Staats“ zu seiner Hochzeit funktionierte. Oder hätten Sie gewusst, wie die „Löwinnen“ zu ihren „Löwen“ kamen? (best)

 

 

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