Kann Software Journalisten überflüssig machen?

Was Computer im Bereich des Journalismus können und wo ihre Grenzen sind, schreibt Stefan Weber in seinem neuen Buch.

IFA Berlin Deu Deutschland Germany Berlin 05 09 2018 Alpha 1E roboter tanzen am Stand von Ubtec
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Stefan Weber „Roboterjournalismus, Chatbots & Co.“ Heise, 137 Seiten, 17,95 Euro. – imago/IPON

"Dieses Buch ist komplett von einem Menschen geschrieben“, stellt Stefan Weber im Vorwort zu „Roboterjournalismus, Chatbots & Co.“ fest. Auch in der „Presse“ könnte es irgendwann so sein, dass eine solche Anmerkung klarstellen muss, dass Journalisten am Werk sind – und keine künstliche Intelligenz (KI). Zwar steckt das Verfassen von kreativen Texten durch KI noch „in den Kinderschuhen“, wie Weber sagt. „Es gibt aber schon Angebote im Netz, die einem einen Aufsatz zum Thema Konstruktivismus in der Philosophie schreiben.“ Das ist die Weiterentwicklung dessen, mit dem er sich als Medienwissenschaftler und Plagiatsgutachter schon länger beschäftigt – z. B. in „Das Google-Copy-Paste-Syndrom“ (erschienen bei Heise). „Dieses Interview wäre automatisierbar – mit einer Speech-to-Text-Software.“ Da könnte man sich das fade Abtippen sparen.

Ein Vorteil von Roboterjournalismus wäre es, dass Computer Texte schreiben, „die nicht einmal eines Praktikanten würdig sind“ – Wetterberichte oder Sportergebnisse zum Beispiel. Aber werden sogenannte Chatbots (textbasierte Dialogsysteme) journalistische Interviews führen können? In der Kundenkommunikation kommen sie bereits zum Einsatz. „Chatbots werden bald in den Hotlines mit uns reden, Fragen stellen und beantworten“, ist Weber überzeugt. Er hat im Zuge seiner Recherchen Mitsuku getestet, den „derzeit menschenähnlichsten Chatbot“, der mit ihm eine Diskussion über die Existenz Gottes führte: „Der Chatbot erweckte hier den Anschein, als würde er erst im Gespräch zu seiner Auffassung gelangen – das ist schon sehr tricky programmiert.“

Sorge um Bildung und Sprache

Doch vieles, was Menschen – und Journalisten – können, kann eine Software nicht: Kann sie zwischen wahr und unwahr unterscheiden? „Wenn es darum geht, ob es draußen regnet, schon – aber bei komplexeren Fragen, bei allem, was das menschliche Bewertungssystem angeht, ist es schwierig: Was weiß denn der beste Computer von Glück, Liebe oder Tod? Und: Kann ein Computer entscheiden, ob die ,Presse‘ heute spannend ist oder nicht?“ Genau das müsste er aber tun, wenn er z. B. die journalistische Entscheidung treffen müsste, was ins Blatt kommt und was nicht. Das geht nicht nur nach quantitativen Kriterien – die Entscheidung kann auch zugunsten einer Geschichte fallen, die nicht massentauglich, aber bedeutsam ist: „So etwas kann die Software im Moment noch gar nicht entscheiden.“

Der US-Wissenschaftler Philip Parker lässt seine Software Bücher erstellen, sogar ein Gedicht hat sie geschrieben – und Parker ist überzeugt, dass man bald seine Philosophie-Dissertation vom Computer schreiben lassen kann. Weber befürchtet negative Auswirkungen auf das Bildungsniveau und unsere „jetzt schon problematische“ Sprachkompetenz: „Viele Studenten im Bachelorseminar scheitern an der Forschungsfrage, denn die fragt nach Neuem, Unerforschtem.“ Und das findet man eben nicht im Internet.

Vieles kann die Software heute schon. Aber es gibt Grenzen. „Eine starke künstliche Intelligenz, die genuin Neues schaffen könnte, haben wir noch nicht. Das kann nur der Mensch.“ Aber spricht nicht dagegen, dass das Auktionshaus Christie's unlängst erstmals ein von einer KI erschaffenes Bild versteigert hat – für 380.000 Euro? Weber hat seine Zweifel: „Diese Programme werden anhand von bestehenden Bildern trainiert – inwieweit ist so ein Kunstwerk dann im genuinen Sinn neu? Auch eine Software, die Texte über die Fußballliga schreibt, greift auf Berichte zurück, die irgendwann von einem Menschen geschrieben wurden.“

Auf die Idee für sein neues Buch brachte ihn ein Hotelier, der sich über eine falsche Beschreibung auf Google Maps geärgert hatte, die er nicht hatte ändern können. Alle Versuche, bei Google auf die Fehler aufmerksam zu machen, waren erfolglos geblieben. „Man darf ein Feedback schreiben – aber das ändert nichts. Wollen wir das?“, fragt Weber. Auch Facebook sei „nicht kooperativ“. Der Social-Media-Gigant produziert jede Menge automatisierten Content – z. B. Diashows mit Facebook-Erinnerungen. Weber kritisiert „diese Zwangsbeglückung“: „Wir werden es zunehmend mit automatisch generierten Inhalten zu tun haben.“

Stefan Weber zum Buch
Stefan Weber zum Buch
Stefan Weber „Roboterjournalismus, Chatbots & Co.“ Heise, 137 Seiten, 17,95 Euro. – (C) Heise

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2018)

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