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Stand-up-comedy: Berserker und Verzweifelte

Der aus der „Daily Show“ bekannte Trevor Noah baut Brücken. Judah Friedländer reißt sie lieber ein. Und Hannah Gadsby stellt die Kunstform Stand-up-Comedy überhaupt infrage. Aktuelle Empfehlungen. Stand-up-Comedy: Berserker und Verzweifelte

Hannah Gadsby
Hannah Gadsby
Hannah Gadsby – (c) Netflix/BEN KING

"Nanette" von Hannah Gadsby

Eine Show darüber, wie Pointen versagen, zu sehen auf Netflix

Zunächst: Es ist zwecklos, nach der tieferen Bedeutung des Titels von Hannah Gadsbys jüngster Show zu suchen: Es gibt nämlich keine. Und es hat auch keinen Sinn, sich in der ersten halben Stunde von „Nanette“ darüber zu wundern, warum man so Fantastisches über diese Show gehört hat, obwohl Gadsby eigentlich nur recht ordentliche Stand-up-Comedy-Ware abliefert. Versprochen: Es wird noch richtig super. Und ja nicht abschalten oder vorspulen! Dieses Gefühl, man werde ein bisschen billig abgespeist, gehört dazu.

Denn nach dieser halben Stunde geht es nicht mehr nur um die Frage, wie man als lesbische Jugendliche auf einer konservativen australischen Insel überlebt, ohne völlig neurotisch zu werden. Wie man auf Männer reagiert, die auf eine schlagfertige Replik mit realen Schlägen antworten. Sondern es geht um die Kunstform Comedy an sich. Was macht es mit einem, wenn man die eigene Biografie, die eigenen Emotionen immer schön zurichtet für eine Pointe? Was erzählt man – und was nicht und warum? Hannah Gadsby erklärt jedenfalls in der Show, sie wolle künftig keine Comedy mehr machen – zu oberflächlich. Schade. Gerade hat sie doch gezeigt, wie es anders geht. (best)

Trevor Noah: "Son of Patricia"

 Ein vielseitiger Brückenbauer, zu sehen auf Netflix

Als Trevor Noah 2015 die Satiresendung „The Daily Show“ von Jon Stewart übernahm, zweifelten viele daran, dass er die Fußstapfen der Comedy-Legende ausfüllen würde. Mittlerweile hat er sie nicht nur ausgefüllt, sondern erfolgreich mit seinen eigenen ersetzt. Fans der Stand-up-Programme Noahs wird das kaum wundern, am 20. November erschien das jüngste auf Netflix. Der gebürtige Südafrikaner stellt darin die Vielseitigkeit seines humoristischen Talents unter Beweis: Er brilliert als Geschichtenerzähler (über Schlangeneskapaden beim Urlaub auf Bali), Körper- und Stimmkomiker (wenn er das Hip-Hop-Genre Trap mit dem Geheul von Kleinkindern vergleicht) und Chronist von Culture-Clash-Momenten (wenn eine Fast-Food-Bestellung daran scheitert, dass er „napkins“ für Windeln hält).

Die gewinnende Nettigkeit seines Gehabes fällt dabei nie auf die Nerven. Trump kommt, nachgerade überraschend, nur ganz kurz vor (wobei Noahs Imitation des US-Präsidenten zu den besten seiner Zunft zählt), das Politische bleibt über weite Strecken subtil. Erst zum Schluss, wenn Noah erklärt, wie er mit N-Wort-Anfeindungen umgeht, wird klar, dass er eine neue Stand-up-Generation vertritt – eine, die Brücken schlägt. (and)

 

Judah Friedländers "America is the Greatest Country in the United States"

Ein Weltverbesserer à la Trump, zu sehen bei Netflix

Zu den Markenzeichen von Judah Friedlander zählen Trucker-Caps, übergroße Brillengläser und T-Shirts, die mit Slogans wie „World Champion“ bedruckt sind. Dass er sich selbst als den Allergrößten anpreist, das hat seine Stand-up-Persona mit Donald Trump gemein, wiewohl sein schludriges Erscheinungsbild und seine Wampen eher an die „MAGA“-Hauben tragenden Hillbilly-Berserker denken lassen, die man zur Kernwählerschaft des Präsidenten zählt. Bloß der trockene Humor und die süffisante Lakoniker-Attitüde passen nicht ins gängige Bild des „angry white male“.

„America is the Greatest Country in the United States“ heißt seine 2017, unmittelbar nach dem Wahlsieg Trumps veranstaltete Show. Auf hochtrabende Kamerafahrten und komplexe Einstellungswechsel wird in dem dazugehörigen Netflix-Special, das sich in Schwarz-Weiß präsentiert, verzichtet. Ein paar Perspektivwechsel. Bühne und Mikro. Mehr braucht Judah Friedlander nicht. Und ein international durchmischtes Publikum, dem er in einer ironischen Umkehr aller Argumente, die das Gegenteil nahelegen, erklärt, warum die USA besser sind als ihre, also des Publikums, Herkunftsländer. Eine bissige, mit aberwitzigen Weltverbesserungsvorschlägen garnierte Satire auf das US-amerikanische Ego- und Überlegenheitsdenken und den daraus hervorgegangenen Trumpismus. (thom)

 

 

"Patriot Act" mit Hasan Minhaj

Amüsant-informative Lektionen, zu sehen auf Netflix

„Do you know how many crazy researchers I need to sound like I know what I am talking about?“, scherzt Hasan Minhaj mit seinem knuffigen breiten Grinsen. Ein paar Recherchegehilfen dürfte er schon haben: In seiner Show „Patriot Act“ mischt er Woche für Woche den satirischen Aufklärungswillen von Late-Night-Shows (er selbst wurde in der von Trevor Noah groß) mit dem Gestus von Stand-up-Comedy. Vor (und auf!) riesigen Bildschirmen stehend referiert er je ca. 25 knackige Minuten lang über Themen von Saudiarabien bis zum Hype um die Luxus-Streetware-Marke Supreme, wirft dabei mit popkulturellen Verweisen um sich und flicht wissenschaftliche Erklärungen so geschickt ein, dass man fast nicht merkt, dass man gerade unterrichtet wurde. Mit ordentlich selbstironischen Anekdoten über sein Aufwachsen als Kind indischer Migranten bringt er dabei eine persönliche Ebene in die Folgen. Das dürfte sogar Menschen mitreißen, die TED-Talks hassen. (kanu)

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