„Spiegel“-Redakteur: „Wenn gesungen wurde, war das ausgedacht“

Ein Redakteur des „Spiegel“ hat jahrelang seine eigenen Geschichten zum Teil erfunden, wie das Magazin nun öffentlich gemacht hat. Eine verheerende Nachricht – für das Wochenmagazin und für die gesamte Medienbranche.

Der Spiegel Verlag in Hamburg publishing house in Hamburg *** The Spiegel publishing house in Ham
Der Spiegel Verlag in Hamburg publishing house in Hamburg *** The Spiegel publishing house in Ham
Die Affäre fühle sich an „wie ein Trauerfall in der Familie“, sagt ein Kollege, der eng mit „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius zusammenarbeitete. – imago/CHROMORANGE

Einen reinen Tisch machen. So kann man nennen, was das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am Mittwoch in seiner Onlineausgabe getan hat. In vier sehr ausführlichen Texten machte es öffentlich, dass ein Redakteur jahrelang Geschichten manipuliert, Fakten frisiert und Protagonisten erfunden hat. Claas Relotius, 33, seit 2014 dabei, seit eineinhalb Jahren Redakteur im Gesellschaftsressort, gilt als einer der auffälligsten Schreiber des Magazins, vielfach preisgekrönt und trotzdem bescheiden, „anders als seine Altersgenossen“. Sogar Anfang Dezember war er noch mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet worden, für einen Text über einen syrischen Jungen.

Zeitgleich waren erste Zweifel zu einigen seiner Geschichten aufgetaucht, unter anderem zu einer Reportage über eine Bürgerwehr in Arizona. Zuerst wehrte sich Relotius gegen die Vorwürfe, letzte Woche gab er seine Fälschungen teilweise zu und begründete sie mit „der großen Angst vorm Scheitern“. 55 Texte hat er seit 2014 als Autor und Koautor geschrieben.

„Der Spiegel“ beschreibt nun peinlich genau die Arbeit mit Relotius, der nicht nur „hervorragende Geschichten schrieb, die wenig Arbeit und viel Freude machten“. Nein, er habe seine Hingabe an den Beruf „Woche für Woche“ auch anders gezeigt. Bei Redaktionsdiensten, mit Tempo, mit sprachlichem Witz. „Immer wieder arbeitet Relotius in seinen Texten mit Musik und Musikzitaten, das zieht sich durch, und die zugehörigen Szenen sind oft mit faszinierender Perfektion gestaltet.“ Auf gezielte Nachfrage habe der frisch Ertappte zugegeben: Ja, wenn gesungen werde in seinen Geschichten, dann habe er sich das meistens ausgedacht.

„Tiefpunkt“ in 70 Jahren „Spiegel“

Ullrich Fichtner, einer der Chefredakteure, schrieb am Mittwoch: „Diese Enthüllung ist für den ,Spiegel‘ ein Schock.“ Der Fall Relotius markiere „einen Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte des ,Spiegel‘“. Und er kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: genau während eines Chefwechsels. Ende Oktober ging Klaus Brinkbäumer nach dreieinhalb Jahren, mit dem neuen Jahr übernimmt Steffen Klusmann, der bisher das „Manager Magazin“ leitete.

Klusmann sollte eigentlich mit seinen neuen Chefredakteurskollegen Ullrich Fichtner und Barbara Hans die Print- und die Digitalredaktion zusammenführen. Aber jetzt muss er erst einmal den Relotius-Scherbenhaufen wegräumen, intern die Stimmung verbessern, extern das Image reparieren. Dass just dem „Spiegel“ so ein Betrug passiert, ist besonders bitter. Das Magazin rühmt sich gern mit seiner Dokumentationsabteilung, angeblich die weltweit größte mit gut 60 Vollzeitangestellten. Nun soll eine unabhängige Untersuchungskommission mit internen und externen Mitgliedern ermitteln, wie die Fälschungen so lang unentdeckt bleiben konnten. Claas Relotius hat am Montag gekündigt. Er hatte auch für andere Medien, darunter das österreichische „Datum“, geschrieben.

Auch für die Medienbranche kommt der Fall Relotius zur Unzeit, bestärkt er doch die vielen Fake-News- und Lügenpresse-Rufer. Obwohl es Fälschungen in diesem Umfang auch schon früher gab. Der „Stern“ musste 1983 nach Untersuchungen des Bundeskriminalamts zugeben, dass seine veröffentlichten Auszüge aus „Hitlers Tagebüchern“ eine Fälschung waren. Die „New York Times“ wiederum gestand im Mai 2003, dass der Reporter Jayson Blair mehrere seiner Geschichten gefälscht und vor allem behauptet hatte, er habe vor Ort recherchiert, was nicht der Fall war. Die Zeitung nahm diese und die kurz darauf öffentlich gewordenen Fälschungen von Reporterin Judith Miller zum Anlass, eine Ombudsstelle („Public Editor“) einzuführen, die sich proaktiv mit Fehlern in und Kritik an der Zeitung auseinandersetzt.

Spektakulär war auch die Affäre Tom Kummer. Der Schweizer hatte Ende der Neunzigerjahre Interviews mit Superstars aus Hollywood an die „Weltwoche“ und das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ verkauft und ganz fantastische Gespräche – etwa mit Pamela Anderson über Philosophie – geliefert. Irgendwann flog auf, dass die Gespräche teilweise bis komplett gefälscht waren. Die Chefs des „SZ Magazin“ mussten gehen, Kummer verlor seine Aufträge, prägte aber den Begriff „Borderlinejournalismus“. Er wurde Tennislehrer, schrieb später ein Buch und seither immer wieder Texte. Ob Relotius' Karriere zu Ende ist, wie Ullrich Fichtner schrieb, lässt sich also heute noch nicht mit Sicherheit sagen.

Im Fall Relotius steckt auch eine kleine Heldengeschichte; die von Juan Moreno, bereits seit 2007 Reporter beim „Spiegel“. Er brachte die Aufdeckung des Falls ins Rollen, nachdem er mit Relotius an einem Text gearbeitet hatte, begann er ihm vier Wochen hinterherzurecherchieren und wurde eine Zeit lang selbst verdächtigt, der Böse zu sein. Ihm dankt „Der Spiegel“ nun explizit. Bei den Lesern und allen, die von den Fälschungen betroffen sind, entschuldigt er sich.

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