Die Ex-"New York Times"-Chefredakteurin und ihr zweifelhafter Umgang mit der Wahrheit

Jill Abramson wollte mit ihrem Buch "Merchants of Truth" für Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter eintreten. Nun gerät aber genau dieses Buch, das vom Geschäft mit der Wahrheit handelt, in die Kritik.

New York Times Executive Editor Abramson speaks during an interview in New York
New York Times Executive Editor Abramson speaks during an interview in New York
Jill Abramson war bis 2014 Chefredakteurin der "New York Times". – (c) REUTERS (Kena Betancur)

"Merchants of Truth", Wahrheitshändler also, nannte Jill Abramson ihr gerade erschienenes Buch. Darin thematisiert die frühere Chefredakteurin der "New York Times" die Herausforderungen, die das Internet alteingesessenen Nachrichten-Institutionen - wie eben den "New York Times" oder der "Washington Post" - stellt. Doch der Wahrheitsgehalt eben dieses Buches wurde vergangene Woche auf den Prüfstand gestellt: Es scheint, als ob Abramson selbst einige Teile ihres Werks von anderen Quellen übernommen und dabei entweder nicht richtig oder gar nicht zitiert hat.

Ganz genau schauten der US-Amerikanerin vor allem jene auf die Finger, die in "Merchants of Truth" nicht besonders gut wegkamen. Abramson bezichtigt Medien wie "Buzzfeed", kein besonderes Augenmerk auf journalistische Grundhandwerkszeuge - wie Faktenchecks - zu legen. Das kanadische Medienhaus "Vice" etwa, mittlerweile vom provokanten Streetstyle-Magazin zum globalen Konzern herangereift, gehörte ebenfalls zu dieser Gruppe. Ironischerweise waren es nun aber gerade "Vice"-Journalisten, die Abramsons Fehler aufzeigten.

Die Vorwürfe: Faktische Fehler, falsche Verweise, keine Zitate

Arielle Duhaime-Ross von "Vice" beeinspruchte noch in der Fahne des Buches einen Fehler über sich selbst; Duhaime-Ross sagte zudem, nie von Abramson, ihren Assistenten oder ihrem Faktencheck-Team kontaktiert worden zu sein. Ihr Kollege Thomas Morton sagte indes der "New York Times", er sei zwar von Abramson am Telefon interviewt worden; im Buch seien aber Dinge gestanden, die er ihr nicht erzählt habe und die nicht wahr seien. Zudem habe Abramson eine Recherchereise Mortons beschrieben - diese habe nicht er unternommen, sondern ein anderer Kollege.

Ein anderer "Vice"-Journalist, Michael Moynihan, sah das gedruckte Buch durch - und wies in mehreren Twitter-Beiträgen auf "unerhörte Fehler" Abramsons hin.

"Alle drei Kapitel über 'Vice' waren mit Fehlern durchzogen", schrieb er. Zusätzlich habe er die Plagiate entdeckt. Tatsächlich waren Passagen beinah wortwörtlich von Quellen übernommen, darunter wissenschaftliche Aufsätze, Artikel aus Magazinen oder auch eine Masterarbeit. Eine australische Twitter-Nutzerin schrieb dazu, die 18-Jährigen, die sie unterrichte, wären bessere Plagiatoren als Abramson.

Moynihan hielt außerdem fest, dass einige Quellen Abramsons gar nicht im Quellenverzeichnis vermerkt waren.

Abramson will Buch nun richtig stellen

Abramson verteidigte sich anschließend: "Worüber wir hier sprechen, sind Faktensets, die ich ausgeborgt habe, offensichtlich ist die Sprache in manchen Fällen zu nahe (am Original, Anm.), aber ich klaue keine eigenständigen Gedanken", sagte sie dem US-Medium "Vox". Sie veröffentlichte auch eine eigene Erklärung: Der Anhang zu ihrem Buch sei nicht immer mit den richtigen Seiten verbunden, hieß es da etwa. Bei den betroffenen Stellen handle es sich lediglich um Fehler; sie werde zusammen mit ihrem Verlag Simon & Schuster sofort die fehlenden Zitate und falschen Fußnoten korrigieren. Tags zuvor hatte sie sich auf Twitter noch direkt gegen "Vice" gerichtet: Dort würde man "Attacken" gegen sie fahren, weil man "unglücklich" über ihr Porträt des Medienhauses sei.

"Es beunruhigt mich, dass sie ein Buch über Wahrheit und Journalismus geschrieben und (dabei, Anm.) etwas Unehrliches gemacht hat", zitiert die "New York Times" Nicolle Weeks, eine Autorin, deren Arbeit von Abramson falsch zitiert - beziehungsweise gar plagiiert - wurde.

Die 64 Jahre alte Abramson unterrichtet heute kreatives Schreiben an der Elite-Universität Harvard in der US-amerikanischen Stadt Boston. Davor war die Journalistin bis 2014 Chefredakteurin der "New York Times". Die angesehene Innenpolitikjournalistin wurde nach nur drei Jahren in der Position gefeuert - ihr Führungsstil sei willkürlich gewesen, Journalisten hätten fehlende Kommunikation und schlechte Behandlung durch Abramson beklagt, schrieb das "Wall Street Journal" damals. Dean Banquet folgte ihr als Chefredakteur nach.

"Wahrheitshändler: Das Nachrichtengeschäft und der Kampf um Fakten" - so heißt Jill Abramsons Reise durch Digital-Change-Prozesse großer amerikanischer Medienhäuser. – APA/AFP/GETTY IMAGES/JUSTIN SULL

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