"Saturday Night Fever": Prolo-Formate als TV-Kult

Dokusoaps wie "Saturday Night Fever", "Das Geschäft mit der Liebe" und "Teenager werden Mütter" boomen. Medienexperte Peter Vitouch warnt vor zunehmender Tabulosigkeit im Fernsehen, sieht aber auch positive Effekte.

ProloFormate TVKult Hauptsache auffaellig
ProloFormate TVKult Hauptsache auffaellig
''Saturday Night Fever'': Molti mit Fans

Reality-Trash-Formate sind längst der neue TV-Trend: "Saturday Night Fever - So feiert Österreichs Jugend", "Das Geschäft mit der Liebe" und "Teenager werden Mütter", allesamt ATV-Produktionen, bringen in Österreich Quote und Gesprächsstoff. Während "Big Brother", die Mutter solcher Formate, beim Sendungsstart vor zehn Jahren breit diskutiert wurde, bleiben die heutigen "Prolo-Formate" unreflektiert. Die Skepsis ist gewichen, das Publikum reagiert empfänglich und stilisiert die Protagonisten zu Kultfiguren. Der Kommunikations-Wissenschafter Peter Vitouch warnt nun davor, dass mit derartigen Sendungen die Dosis von Sensationen und Provokationen im TV immer weiter verstärkt werde.

Vitouch sieht in den neuen Formaten eine Antwort der Sender auf den Konkurrenzdruck am Markt. "Eine Strategie ist natürlich, auffällig zu werden." Dies sei etwa schon vor mehr als zehn Jahren bemerkbar gewesen, als "Big Brother" startete und eine große öffentliche Diskussion auslöste - von den Produzenten durchaus gewünscht, wie Vitouch sagt.

Aufklärungseffekt bei "Teenager werden Mütter"

Die Frage, wie problematisch es beispielsweise ist, schwangere Jugendliche dabei zu filmen, wie sie an ihrem Leben zu scheitern drohen, tritt dabei in den Hintergrund und macht stattdessen Platz für Belustigung des Publikums. Ähnlich verhält es sich mit den besoffenen Jugendlichen, die vor laufender Kamera vorschlagen, man könne doch jetzt "ins Puff" gehen, nachdem in der Disco nichts mehr läuft.

Seither "Big Brother" gehe es darum, "Sensationen zu liefern und an Tabus zu kratzen", sagt Vitouch. Die Formate hätten aber durchaus auch positive Effekte: "Teenager werden Mütter" habe etwa "natürlich einen Informations- und Aufklärungseffekt, wenn man Teenager zeigt, die schwanger werden und was in so einer Situation passiert. Das wäre an sich noch nicht zu verurteilen. Problematisch wird es dann, wenn es sehr reißerisch gemacht wird." ATV habe dies "nicht so übel gelöst", findet Vitouch. Bei deutschen Privatsendern gehe es da wesentlich reißerischer zu.

ATV-Programmchef Martin Gastinger sieht an dem Baby-Format ebenfalls keinen Makel: Mittlerweile würden von Schulen und vom Roten Kreuz Folgen angefordert, um diese Teenagern vorzuführen, erzählt er. Außerdem hätten die Protagonistinnen eine ärztliche Betreuung von Fachleuten, die sie ohne die Sendung kaum zur Verfügung hätten. Und es sei damit gelungen, erstmals ein Format nach Deutschland zu exportieren. RTL II hatte ja die Rechte von ATV für "Teenager werden Mütter" gekauft.

"Geschäft mit der Liebe" höchst "bedenklich"

Vitouch sieht ohnehin Sendungen wie "Das Geschäft mit der Liebe" kritischer. Dort können die ATV-Seher am österreichischen Heiratsmarkt eher schwer vermittelbare Männer dabei begleiten, wie diese "im Osten" auf Brautschau gehen - vielfach mit der geäußerten Erwartung, es hier noch mit "anständigen Frauen" zu tun zu haben, die "ihren Platz" - gemeint ist der am Herd - noch kennen würden. "Das sind dann Themenansätze, die höchst bedenklich sind und Normen und Werte aufzulösen drohen, die in unserer Gesellschaft verankert sein sollten", warnt Vitouch.

Was die Protagonisten von "Das Geschäft mit der Liebe" mit den betrunkenen Jugendlichen aus "Saturday Night Fever" gemein haben, ist deren fast kultische Verehrung im Web. Mit der Facebook-Vermarktung habe ATV nicht zu tun, so der Sender. Auch diverse Fantreffen mit den Protagonisten von "Das Geschäft mit der Liebe" seien ohne Zutun des Senders über die Bühne gegangen.

Zwei Millionen Downloads auf ATV

Das Phänomen griff man bei ATV dennoch dankbar auf. Zeitgleich zum Start der neuen Staffel von "Saturday Night Fever", die am Dienstagabend 103.000 Zuschauer verfolgten, brachte der Sender einen Soundtrack auf Doppel-CD heraus. Neben zahlreichen Disco-Hits enthalten: Die "besten" Sprüche der meist in betrunkenem Zustand gefilmten Burschen. Auch die On Demand-Plattform von ATV brummt durch den Kult im Internet: In den ersten drei Monaten 2010 habe man zwei Millionen Downloads bei den drei Sendungen gehabt, sagt Gastinger. "Das ist auch für uns selbst ein Phänomen."

Die feierfreudigen Teenies Molti, Spotzl und Co. haben unterdessen bereits über 21.000 Fans auf Facebook und haben sich mittlerweile sogar Autogrammkarten drucken lassen. Diese halten sie - wiederum vor der ATV-Kamera - der Damenwelt in den Land-Discos unter die Nase.

Gastinger versteht nicht, was an der Sendung auszusetzen sein soll: "Solche Partys hat jeder schon einmal gefeiert." Auch er selbst habe in jüngeren Jahren sicher schon mal so über die Stränge geschlagen. Ob er die eigenen Kinder einmal so im Fernsehen erleben will, will Gastinger nicht mit einem "Ja" beantworten: "Ich weiß es nicht, ob mir das recht wäre oder nicht."

Die Sendungen im Internet

"Saturday Night Fever"

"Das Geschäft mit der Liebe"

"Teenager werden Mütter"

(APA/Red.)

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