Scharfe Rüge des Presserats für die "Kronen Zeitung"

Die "Krone" zeigte bei einem Bericht über einen Mordfall unverpixelte Familienfotos und zitierte die Witwe. Diese wandte sich an den Presserat.

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Symbolbild – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Presserat hat die "Kronen Zeitung" für einen Artikel vom Oktober 2018 scharf gerügt. Die Zeitung habe suggeriert, ein Interview mit einer Witwe geführt zu haben, Familienfotos unverpixelt abgedruckt und einen Tathergang nicht korrekt dargestellt: Alles in allem ein "schwerwiegender Verstoß gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse", erklärte der Senat 2.

Im Artikel wurde berichtet, dass ein auf einem Luxus-Kreuzfahrtschiff tätiger Kärntner Top-Gastronom auf den Philippinen bei einem Raubüberfall erstochen worden sei, erläuterte der Presserat am Freitag in einer Aussendung. Die Witwe des Verstorbenen wurde mit der Aussage "Wir lieben dich immer, werden dich irgendwann wiedersehen" zitiert, es wurde beschrieben, dass sie "[...] in sich zusammengesackt und mutlos [...] in einer Kapelle unweit von Manila" gesessen sei, sich immer wieder geschnäuzt und sich die Tränen weggewischt habe.

Im Anschluss daran sei die Witwe im Artikel indirekt zitiert worden: "Er sei ein toller Vater und Mann gewesen - niemand könne fassen, dass er nicht mehr nach Hause kommt." Die Passage vermittelt den Eindruck, dass die Witwe ein Gespräch mit der "Kronen Zeitung" führte, konstatierte der Senat. Bebildert war der Text mit einem Foto des Verstorbenen mit seiner Frau und der minderjährigen Tochter, die beiden letzteren wurden im Bildtext mit Vornamen genannt.

Witwe beschwerte sich beim Presserat

Die Witwe wandte sich daraufhin an den Presserat. Sie habe der Verwendung des Fotos nicht zugestimmt, die Zeitung erwecke den falschen Eindruck, dass sie ein Interview gegeben habe, und es sei auch nicht korrekt, dass ihr Ehemann Opfer einer Messerattacke geworden sei. Das könne sie selbst als Augenzeugin versichern. Die "Kronen Zeitung" nutzte die Möglichkeit, im Verfahren dazu Stellung zu nehmen, nicht. Der Senat ging daher von den Angaben der Witwe des Verstorbenen aus.

Er hielt fest, dass Berichte über Mordfälle für die Öffentlichkeit zwar grundsätzlich von Interesse seien, das ein Medium aber nicht dazu berechtige, den Persönlichkeitsschutz eines Opfers oder der Angehörigen zu missachten oder Vorgänge (z.B. der Tathergang) falsch darzustellen.

Bewusste Täuschung des Lesers

Die Veröffentlichung eines nicht geführten Interviews stelle einen schwerwiegenden Verstoß gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex dar, wonach Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in der Wiedergabe von Nachrichten oberste Verpflichtung von Journalisten sind. "Ein erfundenes Interview steht in einem diametralen Widerspruch zu den Vorgaben dieses Punktes", erklärte der Senat. Die beiden Autoren des Artikels würden die Leser damit "bewusst täuschen". Außerdem sei dies "auch eine Persönlichkeitsverletzung": "Ob und wenn ja in welchem Umfang ein Interview gegeben wird, bestimmt allein die betroffene Person."

Die Behauptung einer Messerattacke entbehre "jeder Grundlage", somit liege ebenfalls ein Verstoß gegen Punkt 2.1 vor. Und unverpixelte Fotos eines Mordopfers seien "grundsätzlich geeignet, in die Persönlichkeitssphäre der ermordeten Person einzugreifen". Die Hinterbliebenen hätten ebenso "prinzipiell Anspruch auf Schutz vor Veröffentlichung ihrer Bildnisse". Die Personen seien nicht allgemein bekannt, daher "hätte das Medium auf die Anonymitätsinteressen der Abgebildeten Rücksicht nehmen müssen". Somit konstatierte der Senat eine Persönlichkeitsverletzung (Punkt 5 im Ehrenkodex). Da die Tochter minderjährig war, verwies er überdies auf den im Ehrenkodex verankerten besonderen Schutz von Kindern. Privatfotos dürften zudem nur mit Zustimmung der Betroffenen veröffentlicht werden (Punkt 8.4).

"Krone“ soll Entscheidung freiwillig veröffentlichen

Der Presserat forderte die "Kronen Zeitung" auf, die Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen. Bisher erkennt die Zeitung die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats freilich nicht an. Ob sich das ändern könnte, bleibt abzuwarten. Chefredakteur Klaus Herrmann hatte im Mai dem "Standard" gesagt, Überlegungen zur Teilnahme am Presserat seien "sicher ein Thema". Es komme aber auch auf dessen Zusammensetzung an.

(APA)

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