Sohn von verstorbenem Ex-ORF-Chef nennt Beileidsbekundung von ÖVP und FPÖ „ekelerregende Heuchelei“

Der Sohn von Gerhard Weis, der von der schwarzblauen Koalition abmontiert worden war, schrieb einen offenen Brief auf Facebook an FPÖ und ÖVP: „Wenn ich von Euch noch eine einzige Kondolenz zum Ableben meines Vaters lese, muss ich mich übergeben.“

ORF trauert um ehemaligen Generalintendant Gerhard Weis
ORF trauert um ehemaligen Generalintendant Gerhard Weis
Von 1998 bis 2001 war Gerhard Weis Generalintendant des ORF – (c) ORF (Thomas Ramstorfer)

Der ehemalige ORF-Generalintendant Gerhard Weis ist am Freitag nach kurzer schwerer Krankheit im Kreis seiner Familie im Alter von 80 Jahren verstorben. Der Tod löste Betroffenheit über alle Parteigrenzen hinweg aus – so auch bei Vertretern von ÖVP und FPÖ. Dabei war Weis 2001 unter der schwarz-blauen Regierung durch die niederösterreichische Landesintendantin Monika Lindner ersetzt worden, die bei der Regierung wohlgelittener war als Weis. Der Sohn des Ex-ORF-Chefs, Florian Weis, kritisiert nun die Beileidsbekundungen der damaligen Koalitionspartner.

Am Sonntag hat er sich in einem offenen Brief auf Facebook an die beiden Parteien gewandt: „Wenn ich von Euch noch eine einzige Kondolenz zum Ableben meines Vaters lese, muss ich mich übergeben. Den angeblichen ,großen Medienmanager' (Zitat: Norbert Hofer) und die ,starke Stimme des öffentlichen Rundfunks' (Zitat: Gernot Blümel) habt ihr gemeinsam eiskalt abmontiert. Ihr habt extra ein neues Gesetz beschlossen um die Amtszeit meines Vaters frühzeitig zu beenden und ihn durch Monika Lindner ersetzen zu können. Weil mein Vater für etwas stand, das ihr nicht wolltet."

„Bitte nicht falsch verstehen: ich weiß wie Politik und Medienarbeit funktionieren“, schreibt Florian Weis, der Pressesprecher der Gruppe Sofortmaßnahmen und Stadtservice Wien ist. „Aber Eure tiefe Betroffenheit, weil er ja angeblich so ein toller ORF Chef war, ist nicht nur ekelerregende Heuchelei, sondern pietätslos meiner gesamten Familie gegenüber. Manchmal wäre es vielleicht besser einfach zu schweigen. Danke.“

Aus ÖVP und FPÖ gibt der bisher keine Reaktionen auf Florian Weis' Schreiben.

Unter Weis entstand die "Alpensaga" 

Gerhard Weis wurde am 1. Oktober 1938 in Wien-Brigittenau geboren. Seine journalistische Karriere startete er 1958 als Zeitungsjournalist. 1967 kam er zum ORF - zunächst als innenpolitischer Redakteur, später als Ressortleiter Innenpolitik. Ab 1973 leitete Weis die ORF-Hauptabteilung Öffentlichkeitsarbeit, von 1974 bis 1978 war er Intendant für das erste Fernsehprogramm. Es entstanden Serien wie die "Alpensaga" sowie die Magazine "Schilling" und "Land der Berge". 1979 folgte die Leitung der Abteilung "Öffentlichkeitsarbeit, Koordination und Unternehmensplanung" in der ORF-Generalintendanz.

Weis war während dieser Zeit auch Chefredakteur in der Generalintendanz. Die Verwirklichung des Gemeinschaftsprojekts "3sat", die Gründung des "Teletext", der Minderheitenredaktion und die Einführung der Föderalismusschiene "Bundesland heute" fielen in diese Periode. Im März 1992 wurde Weis zum Intendanten des Landesstudios Wien bestellt. Ab Oktober 1994 war Weis als Hörfunkintendant tätig, ab Februar 1997 darüber hinaus als Generalsekretär.

Von 1998 bis 2001 Generalintendant

1998 wurde er zum ORF-Generalintendant gewählt. In seiner Amtszeit (bis 2001) hat Weis das öffentlich-rechtliche Profil des ORF gestärkt: Information, Wissenschaft und Kultur wurden im Fernsehen ausgebaut. Im Radio wurde mit FM4 ein neues vorwiegend fremdsprachiges Jugendkulturradio aus der Taufe gehoben. "Report international", "Euro Austria", "Bundesland heute" am Wochenende, aber auch "Die Barbara Karlich Show", "Die Millionenshow" oder "Taxi Orange" waren einige der Fernsehformate, die unter Weis auf Sendung gingen.

Dass dem Bildungsbürger Gerhard Weis Kunst und Kultur ein besonderes Anliegen waren, spiegelt sich auch in seinem Aufsichtsratsvorsitz bei den Vereinigten Bühnen Wien wieder. Bis zuletzt war er auch Vorsitzender des Kulturbeirats von ORF III.

(Red./APA)

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