Klischee-Vorwurf: Kritik an „Spiegel“-Heft über Juden

Titelfoto und Titeltext des „Spiegel Geschichte“-Magazins erzürnen deutsche Juden: „Wir sind keine ‚unbekannte Welt nebenan‘, sondern Teil der Gesellschaft“, kritisiert der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.

So sieht das kritisierte Heft aus
So sieht das kritisierte Heft aus
So sieht das kritisierte Heft aus – (c) Screenshot

Der neue „Spiegel Geschichte“-Magazin widmet sich dem Thema Juden. Auf dem Titel wurde ein historisches Schwarz-Weiß-Foto abgedruckt, auf dem zwei alte jüdische Männer mit Vollbart und Hüten zu sehen sind. Dahinter wurde ein Davidstern montiert. „Jüdisches Leben in Deutschland. Die unbekannte Welt nebenan“, lautet der Titeltext dazu. Die Aufmachung des Hefts erzürnt deutsche Juden. Sie werfen dem „Spiegel“ vor, Stereotype zu verbreiten.

Der deutsche Journalist und Autor Richard C. Schneider schrieb am Donnerstag auf Twitter: „Für alle, die meinen, das Foto auf ,Spiegel Geschichte' sei in Ordnung: Juden in Deutschland sahen in den letzten 200 Jahren so nicht aus. Lediglich Juden im Scheunenviertel in den 20er Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, die aus dem Osten kamen. Also selbst ,historisch' nicht repräsentativ.“ Im Scheunenviertel in Berlin Mitte, das einst außerhalb der Stadtmauern lag, lebten vor dem Holocaust viele Juden.

„Wir sind Teil der Gesellschaft“

„Weder meine Vorfahren noch meine Familie und ich sehen so aus“, kritisiert Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Berlin den „Spiegel. „Wir sind keine 'unbekannte Welt nebenan' sondern Teil der Gesellschaft.“ Laut Deutschlandfunk.de fügte er noch hinzu: „Unter 1000 Jahren jüdischer Geschichte hätten Sie Nathan der Weise, Mendelssohn, Bertha Pappenheim, Buber oder Rosa Luxemburg abbilden können. Aber Sie haben sich für das Bild von Ostjuden aus dem Armenviertel in Berlin entschieden, bekannt aus der NS-Propaganda. Reiner Zufall?“

„Es gibt so viele Bilder, historisch und aktuell, die deutsches Judentum symbolisieren könnten ... aber nun ja ... man kann ja auch weiter Stereotype verbreiten“, kritisiert die jüdische Bloggerin Juna Grossmann.

„Wir wollten kein antisemitisches Klischee bedienen“

Die „Spiegel“-Zeitgeschichte-Redaktion „einestages“ äußerte sich am Donnerstagabend mit einem Statement auf Twitter. Das Foto sei im Scheunenviertel in Berlin 1928 aufgenommen worden, erklärt sie. „Wir haben das Bild ausgesucht, weil es eine authentische Szene aus dem Berliner Scheunenviertel ist; das Bild zeigt öffentliches, sichtbares jüdisches Leben, wie es in Deutschland vor dem Holocaust existierte.“

Im Scheunenviertel hätten damals viele Juden gelebt, die vor Verfolgung aus dem Osten nach Deutschland geflohen waren. Hier habe sich eine jüdische Alltagskultur entwickelt, die europaweit einzigartig gewesen sei und dazu beigetragen habe, aus Berlin die „Roaring City der 20er Jahre zu machen.“ Man habe einen Aspekt der Geschichte gezeigt, im Heft würden weitere Facetten abgebildet. „Wir wollten damit kein antisemitisches Klischee bedienen“, schreibt „einestages“. „Sollte der Eindruck entstanden sein, tut uns das sehr leid. Das war nicht unsere Absicht.“ Auf den kritisierten Titeltext geht die Redaktion nicht ein.

(Red.)

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