Aus dem "Presse"-Archiv

Fragen an den "Presse"-Chef: So jung und schon Chefredakteur!

Mit dem Twitter-Hashtag #dichterdran kontern Frauen derzeit sexistischen Literaturkritiken. Schriftstellerin Vea Kaiser stellte „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak schon vor einigen Jahren endlich all jene deplatzierten Fragen, die sie so oft zu hören bekam. Ein Auszug aus dem damaligen Gespräch.

Vea Kaiser interviewt den "Presse"-Chefredakteur im Sommer 2015. Wir holten das Interview aus unserem Archiv.
Vea Kaiser interviewt den "Presse"-Chefredakteur im Sommer 2015. Wir holten das Interview aus unserem Archiv.
Vea Kaiser interviewt den "Presse"-Chefredakteur im Sommer 2015. Wir holten das Interview aus unserem Archiv. – Christine Pichler

Seit Anfang August schreiben Frauen unter dem Hasthag #dichterdran so über Autoren, wie sonst vor allem Männer über Schriftstellerinnen: auf ihr Äußeres reduzierend, die literarische Leistung schmälernd oder belächelnd. Die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser wehrte und wehrt sich immer wieder gegen Geschlechterdiskriminierung im Literaturbetrieb. Unlängst kritisierte sie, dass die Frauenzeitschrift „Woman“ sie in der Einleitung einer von ihr für das Magazin verfassten Kurzgeschichte als „literarisches Fräuleinwunder“ bezeichnete. Schon vor vier Jahren stellte sie deshalb „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak in einem Interview für eine Sonderedition all die deplatzierten Fragen, die sie als Jungschriftstellerin so oft zu hören bekam.

Wir bringen (aktualisierte) Auszüge aus dem damaligen Gespräch der beiden:

Vea Kaiser: Was mich in den vergangenen Jahren am meisten nervte am Medienbetrieb, war das ständige Hinterfragen von Journalisten, ob ich wirklich die bin, die ich bin. Eine hübsche Endzwanzigjährige, die zwei sehr erfolgreiche Bücher geschrieben hat. Niemand schien das glauben zu wollen. Als wäre das ein Kuriosum, und dass natürlich irgendjemand mitgeholfen haben musste, dass ich mich unlauterer Mittel bedient hätte. Ich nahm mir also vor, diese Frage andersrum zu stellen. Einmal den Chefredakteur zu hinterfragen. Ihm genau die Fragen zu stellen, die mir gestellt werden. Wir treffen uns am Donaukanal in der Sommer-Dependancedes Pub Klemo.

Vea Kaiser: Erzähl mal, Herr Nowak, so jung – und schon Chefredakteur!

Rainer Nowak: Das ist jetzt eine Frage, die Du bekommen hast, oder`?

„Sie sind so jung und . . “ „Sie sind doch prominent, wie fühlt sich das an?“ – die hab ich auch oft bekommen.

Und was hast Du geantwortet?

Ich hab auch versucht, dem auszuweichen, so wie Du das gerade gemacht hast. Warst Du schon einmal in der Situation, dass jemand nicht wusste, wer Du bist, und Dich hat’s richtig geärgert? Bin ich auch schon gefragt worden.

Als ich im Café Landtmann den kleinsten Tisch bekommen habe, weil alle anderen prominenter waren.

Wieso gehst Du ins Landtmann?

Weil die halbe Wiener Politik- und Medienszene dort frühstückt, das ist praktisch.

Um wieder zurückzukommen zu meiner Frage: Du bist ja so jung und schon Chefredakteur – wie hast Du das gemacht?

Glück, Zufall, am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Mein Vorgänger ist über Nacht gegangen, man brauchte relativ dringend einen Nachfolger.

Du hast nicht irgendwas dafür getan, Chefredakteur zu werden?

Doch, ich habe etwas dafür getan, Innenpolitik-Ressortleiter und Sonntagschef zu werden. Ein guter Journalist zu werden, ein gutes Blatt zu machen.

Würde Dich ein junger Mensch fragen, wie man denn Chefredakteur wird. Was würdest Du ihm antworten?

Ich würde ihm sagen, er muss viel arbeiten, ein guter Journalist sein. Er muss die erste Reihe mögen. Und er muss gern Zirkuspferd spielen.

Erzähl mal was über den Zirkuspferd-Charakter Deines Berufes.

Es ist ganz einfach: In einer Kleinstadt gibt es den Bürgermeister, den Apotheker, den Arzt und den Notar. Und in Wien und Graz eben noch den Chefredakteur. Sie alle bilden den Zirkus, ich als Zirkuspferd darf moderieren, begrüßen und von dir interviewt werden. Also ziemlich gut, oder?

Hast Du das Gefühl, dass Dir das Aussehen in Deinem Beruf hilft?

Das ist charmant, dass Du diese Frage, die bei Dir logisch und bei mir absurd ist, stellst. Du weißt, dass da Fotos neben dem Interview stehen.

Du gehörst nicht zu der Generation und zum Typ Mann: verwahrlostes Haar, Zigarette im Mund, riechend auf drei Tage hinweg. Also, Du bist sehr gepflegt.

Das klingt apart bei einer Frau. Also ich bemühe mich, allen Schwiegermüttern zu gefallen, die uns dann hoffentlich lesen. Und ja, vermutlich ist es immer ein oft ungerechter Vorteil, wenn man nicht 140 Kilo hat.

Machst Du Dir Gedanken über Deinen Bauch?

Schau da nicht hin.

Und jetzt die klassische Frage an eine erfolgreiche Frau: Du bist ein Tausendsassa. Du bist nicht nur Chefredakteur, der selbst Artikel schreibt, du hast ja auch Kolumnen, Diskussionen, zwei Kinder – wie bringst Du denn das alles unter einen Hut?

Indem mir alle in meinem beruflichen und privaten Umfeld ständig helfen und mein Leben mitorganisieren. Und indem man – jetzt sind wir wieder beim Bauch –, Tätigkeiten weglässt. Kein Sport, keine Runden mit alten Freunden.

Hilft Dir jemand beim Schreiben?

Das haben Sie Dich gefragt?? Zu mir meinte Alt-Chefredakteur Andreas Unterberger einmal, Nowak brauche immer jemanden, der mit dem Besen hinterherkehrt. Also redigiert und Fehler ausbessert. Er hat vermutlich recht.

Hast Du das Gefühl, das wird Dir zum Vorwurf gemacht?

Wenn es die Wahrheit ist, kann es kein Vorwurf sein, meine Kollegen sind sehr tolerant.

Wie geht’s Dir mit Kritik?

Wenn man mir vorwirft, schlampig zu sein, stimmt das leider. Wenn man mir vorwirft, eitel zu sein, stimmt das leider. Wenn man mir aber vorwirft, faul zu sein, würde ich mich ärgern. Wenn man mir vorwirft, politisch naiv zu sein, würde ich mich sehr ärgern.

Was ich ganz lustig finde: Du kriegst häufig den Vorwurf, du hättest ein Kleiner-Mann-Syndrom.

Du hast Dich wirklich vorbereitet. Du hast die anonymen Postings gelesen. Wow. Haben das nicht alle kleinen Männer? Kleine Männer haben tatsächlich oft dieses federnde Auftreten wie Werner Faymann. Habe ich das auch? Syndrom geht aber schon in Richtung Krankheit. . .

Der Mann, der seine Größe dadurch kompensieren muss, dass er einen überbordenden Gestaltungsdrang hat.

Sagen wir so: Dass ich schon jemand bin, der anderen Leuten auf die Nerven gehen kann, kann ich mir gut vorstellen.

Wie sieht denn ein Tag im Leben von Rainer Nowak aus?

Aufstehen, Espresso trinken, ab 8 Uhr intern oder extern einen Termin haben, 10.30 Uhr Redaktionskonferenz, dann daran arbeiten, dass die gemeinsamen Beschlüssen auch die Basis erreichen. Manchmal darf ich mittagessen, manchmal hab ich den ganzen Tag Termine. Dazwischen versuch ich zu schreiben, zu recherchieren und im Newsroom mit den Chefs vom Dienst digital und print die richtigen Entscheidungen zu fällen. Viel passiert per Mobiltelefon. Ressortleiter, Chefs vom Dienst, stellvertretender Chefredakteur, Sonntagschefs rufen mich auch in der „Presse“ am Handy an, weil ich ständig im Haus unterwegs bin.

Warst Du davor schon mal in so einer Führungsposition?

Ich hab Ressorts geführt: die Innenpolitik, den Wien-Teil, zum Teil war ich ein ganz guter Ressortleiter, zum Teil ein grauenhafter Chef. Mein Problem: Ich mag keine Sitzungen.

Glaubst Du, wenn Du heute in die Schule gehen würdest, würde man bei Dir ADHS diagnostizieren?

Gemein. Wenn ich mich entspanne, bin ich ein relativ ruhiger, unkommunikativer Mensch.

Was hasst Du an Deinem Beruf am meisten?

Wahrscheinlich ist es – hochtrabendes Wort – die Vergänglichkeit; also dass alles sofort wieder weg ist. Die Texte bleiben zwar im Archiv, digital wie print, sind aber irrelevant.

Stichwort Vergänglichkeit: Viele Kollegen von Dir – zum Beispiel deinen Vorgänger Michael Fleischhacker auch – zieht es dann zum Bücherschreiben. Unter den klassischen Schriftstellern witzelt man ja immer: „Ja, die Journalisten wollten ja eigentlich alle auch so ein Buch schreiben.“ Hast Du den Wunsch auch?

Ich wollte immer schon unbedingt Krimis schreiben, weil ich selbst so viele Krimis lese. Aber ganz ehrlich: Die Vorstellung, ich schreibe ein Buch und müsste mich damit drei Monate beschäftigen oder ein Jahr oder zwei Jahre, würde mich depressiv werden lassen. Da fehlt mir die Selbstdisziplin. Ich mag lieber den Druck, innerhalb einer halben Stunde eine Wahl zu kommentieren.

Apropos, eine meiner Lieblingsfragen: Kannst Du denn schon davon leben?

Ja, kann ich. Zu Beginn meiner Karriere war ich sehr lang Teil der Generation Praktikum. Mit 300 Euro pro Monat als Freier.

Da schwingt eine dezente Kritik an der Art und Weise mit, wie die meisten Journalisten, und vor allem die jungen, heutzutage beschäftigt werden. Das habt ihr ja auch bei der „Presse“.

Haben wir bei der „Presse“ jetzt nicht mehr, weil wir einen neuen Kollektivvertrag haben, den wir einhalten.

Was war der schlimmste Fehler, der Dir in deiner Chefredakteurszeit unterlaufen ist?

Fehleinschätzungen politischer Entwicklungen oder falsche Aufmacher- und Prioritätenwahl. Der schlimmste Fehler meiner Laufbahn war, als ich über NS-Entschädigungsdiskussionen geschrieben und einem Historiker geglaubt habe, dass Österreich dem Staat Israel einen bestimmten Milliardenbetrag gezahlt haben soll. War aber nicht so. Und begonnen hat meine Karriere in der „Presse“ damit, dass ich eine TV-Kritik geschrieben habe über „Raumschiff Enterprise“ und dort fünf wirklich schwere Fehler eingebaut hab. Der „Kurier“ hat darauf eine wirklich lustige, böse Glosse über die TV-Kompetenz der „Presse“ abgedruckt. Die liegt bis heute in meinem Personalakt.

Auch eine Frage, die ich immer so gern höre, die ich süß finde: Herr Nowak, Chefredakteur ist doch ein wackeliger Posten. Denken Sie manchmal daran, was Sie machen würden, wenn’s nicht mehr klappt?

Das ist aber eine ernste und wichtige Frage. Als 46-jähriger Chefredakteur werde ich wohl nach europäischer Chefredakteursstatistik irgendwann einen Plan B brauchen. Michael Fleischhacker hat mir das bei der Amtsübergabe gesagt: „Und überleg Dir jetzt schon einen Plan B.“ Ich hab noch immer keinen. Den überlege ich mir, wenn es so weit ist. Ich kann gut gärtnern.

Die Medienbranche hat seit Jahren eine wahnsinnige Glaubwürdigkeitskrise. In den meisten Tageszeitungen werden die Texte, unter denen DPA, APA, Reuters steht, immer mehr.

Das stimmt so nicht. Wenn du dir die „Presse“ von vor 30, 40 Jahren nimmst, wirst du merken, die Zeitung ist tendenziell besser geworden. Das gilt für nicht wenige Titel.

Was denkst Du über so Sachen wie zum Beispiel Udo Ulfkotte, der den Bestseller „Gekaufte Journalisten“, der seit einem dreiviertel Jahr in den Top Ten der „Spiegel“-Sachbuchlisten ist, geschrieben hat?

Ich hab nur das erste Drittel gelesen, wie bei so vielen Büchern in meinem Leben. Ich weiß, was er meint – aber er hat nicht recht.

Aber macht Dir das nicht Sorgen? Dass so jemand einen dermaßen großen Zulauf erhält?

Nein, weil es eine totale Vertrauenskrise vieler Menschen da draußen den Journalisten und den Medien gegenüber gibt. Das ist jetzt aber prinzipiell kein ganz schlechtes Zeichen; weil ich glaube, viel zu lang hatten Journalisten eine Deutungshoheit, die ihnen so auch nicht zugestanden ist. Und jetzt schwingt dieses Pendel gerade massiv in die andere Richtung. Ich hab vor Kurzem mit einem Politiker ein Gespräch gehabt, der mir allen Ernstes vorgeworfen hat, dass wir Medien fast alle von sinistren Mächten gekauft seien, gegen Russland schreiben würden und Teil einer mittleren Weltverschwörung seien. Und in diese Kerbe schlägt der Ulfkotte.

Was ist Deine Assoziation zu dem Wort konservativ?

Keine negative. Wenn man es rein politisch sieht, heißt es eigentlich: das Bewahrende. Dann ist die SPÖ zum Beispiel eine konservative Partei. Gesellschaftspolitisch ist sie es natürlich nicht. Du willst wissen, wo ich stehe – in der liberalen Mitte. Rechter Fuß Wirtschaftsliberalismus, linker Fuß gesellschaftlicher Liberalismus. Der Staat soll mir nicht sagen, wie ich leben soll und mich nicht behindern. Mein Lieblingsbeispiel: Wer 2015 ein Problem mit homosexuellen Paaren hat, ist nicht 2015 angekommen. Aber: Es gibt eben auch noch andere, wichtigere Themen da draußen. Über die reden wir zu wenig, über Ampelpärchen zu viel. 

Wie viel Weltverbesserer steckt in Dir?

Sehr wenig. Guter Journalismus macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten. Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, die Welt zu verbessern. Dafür gibt es NGOs und die UNO. Ich wollte viel mehr über Dich reden.

Wieso? Ich mach ja ein Interview mit Dir. Aber ich kenne das. Wenn mir Journalisten auf die Nerven gehen, versuch ich, mehr über die zu reden.

Ertappt.

Die guten Journalisten checken das und weichen aus und finden andere Fragen und packen wieder zu. Ich wollte Dir noch schöne Fragen stellen. Was macht Dich stolz?

Meine Töchter.

Was war so ein Moment?

Als meine damals neunjährige Tochter drei Bücher am Tag gelesen hat. Wenn die andere tanzt. Und überhaupt jeder Tag.

Welche Frage wolltest du immer schon beantworten?

Glaubst du an Gott?

 

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