Medien: Journalisten recherchieren immer weniger

Eine Studie gibt Aufschluss über Denk- und Arbeitsweise von Innenpolitik-Journalisten in Österreich. Informationen aus persönlichen Quellen, Telefonaten und Interviews seien dem Aufsuchen von Google gewichen.

(c) APA

Die hitzige Diskussion der letzten Wochen über den österreichischen Journalismus und dessen Zukunft, auch am Beispiel des verstorbenen „Krone“-Herausgebers, Hans Dichand geführt, wird jetzt in einer Studie über Innenpolitik-Journalismus aufgegriffen. Im Rahmen der Studie wurden 100 Journalisten aus dem Ressort Innenpolitik zu ihrer Selbsteinschätzung, den Methoden der Informationsbeschaffung und der Beurteilung der Macht der Medien interviewt.

Die Befragten gaben mehrheitlich an, dass der Aufdeckungsjournalismus von früher teilweise in Vergessenheit geraten ist. Hinter dem mittlerweile stark ansteigenden Sensations- und Eventjournalismus stünde zumeist eine Charaktershow, so Andy Kaltenbrunner, Gesellschafter des Medienhauses Wien und einer der Herausgeber der Studie. Politiker oder Prominente rückten in der Berichterstattung an die Stelle der reinen Sachverhalte. Dabei sinke die Anzahl der sorgfältig recherchierten Nachrichten sowie die der ausführlichen Hintergrundberichterstattungen auffallend.

 

Google statt Interview

Die Eventisierung von Meldungen hat demnach in den österreichischen Redaktionen bereits Einzug gehalten. Informationen aus persönlichen Quellen, Telefonaten und Interviews seien mittlerweile dem Aufsuchen von Wikipedia und Google gewichen, sagt die Studie. Der ökonomische Druck bleibe unübersehbar, aufwendige Recherchen bedeuten auch hohe Kosten.

In einem sind sich jedoch alle Politikjournalisten einig: Ihre primäre Aufgabe besteht in der Aufdeckung von Missständen, Aufklärung und in der neutralen Information, wenn auch die Einhaltung nicht immer gelingt. Auch bei der Frage, welche Medien in Österreich den größten Einfluss haben, gab es ein einhelliges Urteil. Von den Journalisten werden die „Kronen Zeitung“ und der ORF als die mächtigsten Medienhäuser beurteilt. Selbst nutzen die Redakteure aber bevorzugt Qualitätsmedien, auf Platz eins landet hier „Die Presse“, gefolgt vom „Standard“ und dem ORF.

Thematisiert wurde bei der Präsentation der Studie auch die Nähe mancher Politikjournalisten zu Pressesprechern. Diese hat zwar den Vorteil, dass man Informationen aus erster Hand erhält, birgt aber die Gefahr der Beeinflussung. Der Journalisten-Report wendet sich überdies der Frage zu, wie weit und worauf man sich als Journalist einlassen kann. Darf man sich von politischen Akteuren zu einem Kaffee einladen lassen? Oder auf Reisen? Ein „Ehrenkodex“ versucht es zu klären und Abhängigkeiten bzw. von ihnen verursachte Blicktrübungen zu verhindern.

 

Persönlich in politischer Mitte

Zu ihren persönlichen Ansichten gefragt sehen sich Journalisten eher im politischen Mittelfeld. Vor allem jüngere Journalistinnen tendieren in eine politisch linke Richtung. Außerdem sind weit mehr als 70 Prozent der Befragten mit der weltanschaulichen Linie des Mediums, für das sie arbeiten, zufrieden.

Philip Meyer, Pulitzerpreisträger und Pionier des Präzisionsjournalismus, kommt im Rahmen der Studie zu dem Schluss, dass er selbst nicht prognostizieren könne, wie sich der Journalismus in den nächsten zehn Jahren entwickeln werde. Immerhin: Die Angst, andere Ressorts könnten den Politikteil verdrängen, besteht unter Österreichs Innenpolitik-Journalisten nicht.
Andy Kaltenbrunner, Matthias Karmasin, Daniela Kraus (Hg.): Der Journalisten-Report III. Politikjournalismus in Österreich, Wien 2010, facultas.wuv.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2010)

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