Held der Pressefreiheit: "Einzelhaft, das ist wie im Grab"

Der iranische Journalist Akbar Ganji bezahlte für seinen Mut einen hohen Preis. Das International Press Institute in Wien zeichnete ihn als "World Press Freedom Hero aus". Zum IPI Weltkongress kam Ganji nach Wien.

Akbar Ganji  Foto: Clemens Fabry
Akbar Ganji  Foto: Clemens Fabry
(c) (Clemens Fabry)

Wenn Akbar Ganji spricht, dann lässt sein ruhiger Tonfall kaum den kämpferischen Mann vermuten, der er auch im Exil geblieben ist. Als junger Mann unterstützte Ganji noch die Islamische Revolution 1979, wandte sich aber bald enttäuscht vom theokratischen Regime ab. 2006 floh der Journalist nach sechs Jahren Haft und Folter aus dem Iran in die USA. Diese Woche war der 50-Jährige auf Einladung des International Press Institute in Wien, das ihn als „World Press Freedom Hero“ auszeichnete.
 
Die Presse: Sie haben zu Beginn die Islamische Revolution 1979 unterstützt. Wann und wodurch wurden Sie desillusioniert?
Akbar Ganji: Zum Zeitpunkt der Revolution war ich 19. Ich habe relativ schnell damit gebrochen. Erstens durch das, was man tatsächlich erlebt hat, und durch zwei Bücher von Hannah Arendt. Sie hat sehr schön beschrieben, was in einem Land passiert, wo eine Revolution stattfindet. Und ich konnte täglich beobachten, dass das, was sie voraussagte, passiert.


Die US-Regierung verhielt sich damals sehr vorsichtig. Hat sich die Opposition da nicht verlassen gefühlt?

Man kann nicht klar sagen, ob eine Unterstützung durch die US-Regierung nützt. Das hat mit den US-iranischen Beziehungen der Vergangenheit zu tun. Das Regime versucht ja auch immer, die Oppositionsbewegung in die Nähe der US-Politik zu bringen. Ich glaube, wenn es keine Unterstützung der USA gibt, nützt das sogar der Bewegung. Und rein verbale Unterstützung bringt ohnehin nichts. Die Bewegung baut auf die Kräfte innerhalb der iranischen Bevölkerung.

Journalist zu sein ist im Iran einer der gefährlichsten Berufe. Was waren Ihre Motive, es trotzdem zu tun?
Menschenrechte und Demokratie waren für mich immer sehr wichtig. Um diese Gedanken zu verbreiten, ist Journalismus, also Zeitungen herausgeben, Artikel und Bücher schreiben, der beste Weg.

Aber der Gefahren waren Sie sich von Anfang an bewusst, oder?
Ja. In einem Land wie unserem, in einem diktatorischen Regime, ist das ganz klar. Dass ich irgendwann einmal verhaftet werde, war mir bewusst. Jeder, der sich solche Tätigkeiten antut, muss immer darauf vorbereitet sein. Ich habe sogar mit noch Schlimmerem gerechnet, damals, als es diese gezielten Tötungen gab. Dieser Terror, das Ermorden Oppositioneller, war ja nicht an einem Tag, sondern das geschah über Jahre. Und alle wussten, dass das von der Regierung ausgeht.

Wie hat das Regime versucht, im Gefängnis Ihren Willen zu brechen?
Das fing an mit der Einzelhaft. Das ist, als ob man im Grab läge. Sie sehen nichts, sie hören niemanden, sie sind völlig abgeschnitten. Im Islam sagen wir, wenn man im Grab liegt, kommen zwei Engel und befragen einen über das Leben. Im Gefängnis war es genauso. Es kamen dauernd die Verhörspezialisten, und man musste über sein ganzes Leben Rechenschaft ablegen. Schlafentzug, Schläge, sie nutzen alle Methoden um einen dazu zu bringen, das zu sagen, was sie hören wollen. Man darf oft lange nicht Duschen oder aufs WC gehen, es wird das Trinkwasser zurückgehalten und so weiter.

Wie sehen Sie ein Jahr nach den Massenprotesten den Zustand der Opposition?
Die Anzahl der Menschen, die gegen das Regime sind, hat eher zugenommen. Die Demonstrationen waren nur ein Aspekt des Widerstandes. Wenn Sie heute keine Demos mehr sehen, heißt das ja nicht, dass der Widerstand vorbei ist. Er wird sich wieder zeigen. Auch die Führer der Bewegung haben keinen Deut nachgegeben. Das Regime war sehr brutal in der Unterdrückung der Demos, also konnte man diesen Weg nicht fortsetzen. Aber das Regime hat es nicht geschafft, die Bewegung zu zerstören. Der Kampf geht weiter, aber der Weg ist keine flache Straße, er hat Höhen und Tiefen.

Sind Kommunikationsmittel und -kanäle wie Handys und Twitter für die Opposition eher ein Nutzen oder ein Schaden, weil sie ja auch das Aufspüren von Regimegegnern ermöglichen?
Diese Mittel unterstützen gesellschaftliche Bewegungen. Sie führen dazu, dass ein richtig totalitäres Regime gar nicht mehr funktionieren kann. Aber auch das Regime setzt dieselben Technologien ein. Wir wissen, dass das Regime von Nokia und Siemens auch Abhöreinrichtungen kaufte. Auf diesem Weg haben sie sehr viele Leute ausfindig gemacht und verhaftet. Wir haben gegenüber den westlichen Firmen protestiert, aber die sehen nur ihren wirtschaftlichen Vorteil.

Angesichts der vielen Toten, Verletzten und Verhafteten: War es das wert?

Man konnte das ja nicht voraussehen. Keiner wusste, wie die Bevölkerung auf eine Wahlfälschung reagieren wird. Eigentlich war es ja nicht so, dass die Führer der Bewegung die Leute auf die Straße brachten, es war umgekehrt: Die Menschen sind auf die Straße gegangen und haben die Führer mitgezogen. Meine persönliche Meinung: Ja, das war es wert. Es hatte viele positive Effekte und war eine große Erfahrung für Irans Demokratiebewegung.

Die extrem harte Reaktion der Führung offenbarte große Nervosität. War das Regime zu irgendeinem Zeitpunkt in Gefahr?
Die Bewegung hat das Regime überrascht. Sie waren nicht vorbereitet, haben aber mit der Zeit wieder die Oberhand gewonnen. Aber das Regime hat sehr wohl mehrere Risse genommen und ist mit zahlreichen Krisen konfrontiert, die den gesellschaftlichen Protest immer am Köcheln halten werden.

Die Opposition hofft, auf evolutionärem Weg, auch über Wahlen, Veränderungen herbeizuführen. Das hat nicht funktioniert. Braucht der Iran eine weitere Revolution?

Die Veränderung wird nicht unbedingt über die Wahlurnen laufen. Aber auch eine Revolution wird nicht die Antwort sein, sie kann weder unser Ziel noch unser Instrument sein. Wir brauchen eine gesellschaftliche Bewegung, die vor allem mit zivilem Ungehorsam arbeitet. Sie haben das in Südafrika, Chile, Polen gesehen. Die Methoden sind gewaltlos, aber das Ergebnis ist ein Regimewechsel.

Sie haben die Unterdrückung der Shah-Zeit und des derzeitigen Regimes erlebt. Wann herrschte schlimmere Repression?
In der islamischen Republik ist die Repression stärker. Andererseits ist die Bevölkerung auch viel stärker politisiert. Die Revolution hat die Bevölkerung dazu gebracht, sich aktiv in ihre Geschichte einzumischen.

Der Iran ist vor allem durch den Atomstreit in den Medien. Kann das Regime diesen Streit nützen, um Leute hinter sich zu scharen, die sonst gegen die Führung wären?
Der Schwerpunkt auf dem Atomstreit ist sicher zum Nachteil der Opposition. Das Regime stellt es als wichtigstes Thema dar und behauptet, dass der Westen den Iran von moderner Technologie fernhalten will. Je mehr Druck aus dem Westen kommt, desto mehr entwickelt sich eine militärische Atmosphäre. In so einer Atmosphäre kann das Regime mit der Ausrede auf eine Kriegsdrohung sehr leicht die Opposition unterdrücken. Sogar die Oppositionsgruppen nehmen ihren Druck auf das Regime zurück sobald sie sehen, dass durch einen militärischen Angriff die Einheit des Iran in Gefahr geraten könnte.

Was für Folgen hätte ein Angriff der USA oder Israels auf Irans Atomanlagen für die Opposition?
Sehr negative Folgen. Sie werden nicht mehr als ein, zwei Punkte angreifen können. Aber das Regime wird den Druck erhöhen, und wann immer jemand etwas gegen das Regime sagt, wird er als Agent der Israelis oder der Amerikaner dargestellt werden. Daher ist auch die Opposition gegen jede Art von militärischem Angriff.

Wie oft denken Sie daran, in den Iran zurückzukehren?
Dauernd. Es ist meine Heimat. Alles was ich habe, ist dort.

(Die Presse, Printausgabe, 12.09.2010)

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