Auszeit für Amerikas TV-Demagogen

Starmoderator Glenn Beck überschritt mit seinen schrillen Verschwörungstheorien selbst die Toleranzgrenze des erzkonservativen Murdoch-Senders Fox News. Bei jeder neuen Volte Becks stöhnten die Journalisten auf.

(c) REUTERS (CHRIS KEANE)

Der Zynismus, mit dem Donald Trump derzeit auf Einladung der quotengeilen TV-Sender von Talkshow zu Talkshow tingelt, und die Chuzpe, mit der der Immobilien-Tycoon die Rechtmäßigkeit der Geburtsurkunde Barack Obamas und damit die Legitimität seiner Präsidentschaft in Zweifel zieht, sind selbst einem Verschwörungsapologeten wie Glenn Beck zu extrem. Als „Birther“ hat sich der TV- und Radiomoderator nie geriert.

Als folgte er einer Eingebung, zieh er den Präsidenten einen Rassisten und Kommunisten, um sich hinterher halbherzig zu entschuldigen. Ja, das schon. Doch über Trump mochte auch Beck nur noch den Kopf schütteln. Seine Distanzierung von dem New Yorker Selbstdarsteller kam jetzt allerdings zu spät – es war so etwas wie ein Versuch Becks, seinen Kopf zu retten. Den Bossen des konservativen Nachrichtensenders Fox News, Besitzer Rupert Murdoch und dessen Statthalter Roger Ailes, waren der Kurs und der Ton ihres Starmoderators unheimlich geworden. Ob sie ihn gefeuert haben oder ob er aus freien Stücken gekündigt hat, ließ Ailes vorige Woche zwar offen. Die demonstrative Zufriedenheit, die er über die Entscheidung bekundete, deutete auf Ersteres hin.

 

Sinkende Quoten

Bei jeder neuen Volte Becks stöhnten die Journalisten bei Fox News auf. Zuletzt spekulierte er über die Bebenkatastrophe in Japan als mögliche Strafe Gottes. Becks immer bizarrere Theorien über ein islamisches Kalifat und dessen Geheimbündnis mit der Linken in den USA, über ein neues Babylon oder seine Kampagne gegen den Milliardär George Soros diskreditierten auch den journalistischen Ruf des Senders. Im letzten Halbjahr sanken die Quoten um ein Drittel, die Werbeindustrie wandte sich ab – der Aufruf zum Boykott der Show zeigte Wirkung.

Freilich versammelte Beck werktags um fünf Uhr nachmittags – nicht eben die beste Sendezeit – ein Stammpublikum von zwei Millionen Zusehern, was ihn neben den Primetime-Moderatoren Bill O'Reilly und Sean Hannity zu einer Galionsfigur des reichweitenstärksten Kabelsenders machte. Neben Becks politischem Weltbild verblasste sogar ein erzkonservativer Demagoge wie O'Reilly, der sich dagegen wie ein Gemäßigter ausnahm. Auf Schautafeln, mit einem Wirrwarr aus Kreisen und Pfeilen, spielte sich der 47-Jährige als Oberlehrer der Nation auf. Er inszenierte sich als Hüter der Verfassung mit Affinität zu Untergangsszenarien, mal als Apokalyptiker, mal als Erweckungsprediger.

Als Zeitgeistphänomen brachte er es auf das Cover von „Time“ und des „New York Times“-Magazins. Seinen Zenit erreichte der zum Mormonentum konvertierte Populist im Spätsommer 2010, als er zehntausende Anhänger unter dem Motto einer neuen Moral zu einer Kundgebung vor das Lincoln Memorial in Washington rief. Er befeuerte die Tea-Party-Bewegung und ihre Anführerin Sarah Palin.

Den einen gilt er als moderne Version des Priesters Charles Coughlin, eines rechten Radiopredigers zu Zeiten der Depression. Er selbst vergleicht sich mit Paul Revere, einem Helden des Unabhängigkeitskrieges, der einst die Nachricht vom Vorstoß der britischen Truppen überbrachte.

Mit dem Sendeplatz auf Fox News verliert Glenn Beck eine Plattform, die ihm nationale Bedeutung verschafft hat. Als Sprachrohr bleiben ihm eine wochentägliche Radioshow, seine Bücher und die Website „The Blaze“ – mithin ein kleines Medienimperium. Gerüchten zufolge könnte er mit Hilfe finanzkräftiger Sponsoren einen eigenen Kabelsender aufbauen.

Um seinen Widerpart Keith Olbermann ist es nach dessen Kündigung bei MSNBC, dem liberalen Gegenstück zu Fox News, indessen recht still geworden. Das Aus für das MSNBC-Aushängeschild war über Nacht gekommen. Wegen unzulässiger Spenden für demokratische Abgeordnete war Olbermann kurz zuvor bereits kurzfristig suspendiert worden. Jetzt hat er bei einem weithin unbekannten Nischensender angeheuert.

 

Katie Couric auf dem Absprung

Dass sich mit dem Weggang der Krakeeler ein zivilerer, sachlicher Ton im Kabelfernsehen breitmachen könnte, ist unwahrscheinlich. Im heraufziehenden Präsidentschaftswahlkampf sind Kontroverse, Instant-Analyse und Parteinahme die Garanten für Einschaltquoten. Die jüngste Budgetschlacht in Washington gab davon einen Vorgeschmack. Der Höhenflug von CNN im Zuge der Krisenberichterstattung aus dem Nahen Osten ist schon wieder vorüber.

Bei den Networks sorgt eine andere Personalie für Unruhe. Katie Couric, die bei CBS als erste „Anchor-Lady“ in den USA die Abendnachrichten moderierte, ist auf dem Sprung zu einer eigenen Talkshow à la Oprah Winfrey. Trotz Auszeichnungen, trotz eines Salärs von 15 Millionen Dollar und eines Wahlkampfinterviews mit Sarah Palin, das Furore machte, gelang es Couric nicht, die „CBS News“ nach vorne zu katapultieren. Hinter NBC und ABC steckt CBS abgeschlagen auf dem dritten Platz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2011)

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