Abseits des Rampenlichts: Die Welt von unten

Fünf Autoren. Politiker, Kulturwissenschaftler und Publizisten analysieren Bedeutung und Methode der investigativen Berichterstattung. „Den Großen auf die Finger schauen“, so lautet ihre Analyse.

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Andreas Mailath-Pokorny

Vom Interesse der Politik am Wissen

Wissen ist Macht, lautet ein viel zitiertes und ebenso wahres Wort. Denn Macht und damit politisches Wirken entspringen nicht aus dem Handeln allein, sondern zuvorderst einmal daraus, zu wissen, wo man eingreifen soll. Politik hat also ein großes Interesse an Wissen – mehr noch: Ohne Wissen kann sie gar nicht existieren, sie muss von Missständen wissen, um handlungsfähig zu sein. Für diesen Erkenntnisprozess sind Günter Wallraffs Methoden der verdeckten Beobachtung ein hilfreiches Instrument. Wichtige Erkenntnisse erhalten Politiker zwar auch durch Umfragen, wissenschaftliche Studien und den gesellschaftlichen Diskurs. Doch der Blick hinter den Vorhang einer Gesellschaft, wie Wallraff ihn vornimmt, fördert Einschätzungen zu Zivilcourage und individueller Freiheit zutage, die sonst verborgen blieben. Gerade in der Mediengesellschaft, in der Inszenierung und Image einen Gutteil des öffentlich wahrgenommenen Bildes ausmachen, weist Wallraff darauf hin, dass es Pflicht ist, nachzuschauen, was sich hinter dem Vorhang und abseits des Rampenlichts abspielt.

Andreas Mailath-Pokorny studierte Rechts- und Politikwissenschaften in Wien sowie internationale Beziehungen in Bologna. Seit 2001 ist er Stadtrat für Kultur und Wissenschaft in Wien. [M. Bruckberger]

 

BernadetteKneidinger

Social Media als neue kritische Öffentlichkeit

Entdecken, aufdecken, „den Großen auf die Finger schauen“ und auf diese Weise die Welt „von unten“ darstellen – darin besteht die Hauptaufgabe und auch Faszination von Sozialreportagen. Journalisten und Journalistinnen wagen sich verdeckt in Unternehmen und Organisationen oder mischen sich unter marginalisierte Bevölkerungsgruppen, um oftmals gut verschleierte Zustände auf massenmedialem Wege einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Im Zeitalter der viel zitierten Social Media gibt es nun, abgesehen von diesen mutigen und engagierten Journalisten und Journalistinnen, zusätzliche Möglichkeiten, wie der Schleier des Unbekannten gelüftet werden kann. Mit Blogs, Facebook oder Twitter sind Plattformen entstanden, die eine Vervielfältigung der Meinungslage und vor allem der berichterstatterischen Perspektive bewirken können. Die klassischen Massenmedien stellen nicht mehr die einzigen Vermittler von Informationen dar, sondern die Publikationsmacht wird zu einem Teil auch an die Betroffenen selbst weitergegeben.

So manches Unternehmen, aber auch politische Parteien erleben bei ihren ersten Schritten in Facebook und Co. grobes Stolpern, indem sie feststellen müssen, dass nicht mehr der einseitige Weg der „offiziellen“ Informationsvermittlung von den „Großen“ an die Masse der „Kleinen“ stattfindet, sondern plötzlich auch ein beachtliches Echo von der Schar an Konsumenten und Bürgern zurückschallt.

Aber damit nicht genug. Weitere Brisanz bekommt diese „Aufdeckung von unten“ durch die selbst initiierten und oftmals sehr kritischen öffentlichen Diskussionen über eben genau jene „Großen“. Die soziale Welt wird somit nicht mehr nur von den mutigen „Aufdecker“-Journalisten und Journalistinnen „von unten“ dargestellt, sondern tatsächlich von jenen Menschen, die diesen Gruppierungen angehören, und tagtäglich erleben, welche Probleme, Missstände, aber auch ungenützte Potenziale in unterschiedlichsten sozialen Bereichen gegeben sind.

Verfehlungen werden erbarmungslos an den (virtuellen) Pranger gestellt, widersprüchliche Verhaltensweisen von der Online-Gemeinschaft bis ins kleinste Detail zerpflückt. In der Masse dieser veröffentlichten, oftmals sehr privaten Wissensbestände kann durchaus eine neue Form der kritischen Öffentlichkeit gesehen werden, vor der sich Politik und Wirtschaft im Allgemeinen in Acht nehmen müssen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass klassische Sozialreportagen im Zeitalter der Netzwerkgesellschaft Bedeutung und Faszination einbüßen werden, im Gegenteil. Sie stellen gerade in der Kombination mit den neuen Möglichkeiten kritischer Öffentlichkeiten im Social Web wichtige soziale Kontrollgrößen dar, die den „kleinen Leuten“ einen Blick hinter oftmals undurchschaubare Praktiken politischer, wirtschaftlicher und sozialer Größen ermöglichen können.

Bernadette Kneidinger ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.

 

Lutz Musner

Kulturwissenschaft und Gesellschaft

Der britische Kulturtheoretiker Raymond Williams hat Kultur einmal als eine Gesamtheit gesellschaftlicher Lebensvollzüge und menschlicher Lebenswelten beschrieben. Davon ist in der zeitgenössischen Kulturwissenschaft kaum mehr die Rede. Nach vielen „Turns“, nach der Rezeption von Poststrukturalismus und Medientheorie, nach universeller Dekonstruktion und dem Aufweis des medialen Apriori aller kulturellen Erscheinungen verbleibt ihr ein zirkuläres Reich der Texte, der semantischen Kodierungen und Differenzsetzungen. Kultur erscheint nicht mehr als die andere, unablösbare Seite des Sozialen, sondern als ein von der Gesellschaft abgehobenes Zeichen- und Bilderuniversum, als Summe performativer Praktiken und als systemische Metaebene der Selbstbeobachtung. Kultur wird als ein Phänomen aufgefasst, das auf sich selbst verweist, sich selbst zitiert, sich selbst zum Objekt macht, sich selbst hervorbringt, ohne sich wesenhaft auf eine „Wirklichkeit“ außerhalb zu beziehen.

Wie sollen sich nun die Kulturwissenschaften zu einer Situation verhalten, in der gesellschaftliche Umbrüche nicht mehr nur Zäsuren in Medien und symbolischen Konstruktionen sind? Wie können die Kulturwissenschaften „Gesellschaft“ wieder zum Thema machen, ohne in einen kruden Weltanschauungsmarxismus zu verfallen, und wie können sie das Wissen jener Zeit aktualisieren, als noch offensichtlich war, dass das Kulturelle mit dem Ökonomisch-Sozialen untrennbar verbunden ist?

Zum einen scheint eine Hinwendung zu den historischen Wissenschaften notwendig zu sein, denn diese erinnern nachdrücklich daran, wie fragil Gesellschaften gegenüber wirtschaftlichen Katastrophen sind und wie schnell demokratische Gemeinwesen unter der Last tief greifender Krisen von Konsum, Politik und Kultur ihre Legitimation einbüßen können. Zum anderen scheint es an der Zeit, die Klassiker der Kulturwissenschaften in ihren zeitkritischen und zeitdiagnostischen Beiträgen als Ideenfundus für aktuelle Analysen wiederzuentdecken.

Max Weber, Georg Simmel, Walter Benjamin und Siegfried Kracauer – sie alle trugen nicht nur zu den Fundamenten moderner Kulturtheorien bei, sondern beschrieben auch die krisenhaften Transformationen ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft: Weber als Herrschaftsanalytiker, Simmel als Geldtheoretiker, Benjamin als Religionswissenschaftler des Kapitals und Kracauer als präziser Beobachter der entstehenden Massenkultur.

Nicht durchgängig, aber von zentraler Bedeutung war bei allen Denkern die Ökonomie ein wichtiger Faktor ihrer Überlegungen – also die endlose Konfliktgeschichte von konkreter menschlicher Arbeit und abstrakten Kapitalkräften. Diese Klassiker wiederzuentdecken heißt deshalb auch, die politische Ökonomie als analytisches Instrument der Kulturwissenschaften wiederzuentdecken. Eine Wiederannäherung von Geschichte als oft krisenhaft erlebter Vergangenheit, von Ökonomie als spannungsreichem Verhältnis der Menschen zu ihren materiellen Lebensbedingungen und von Kultur als einem bedeutungsvollen Sich-Verhalten der Menschen zu ihrer Umwelt im Horizont der Kulturwissenschaften tut not.

Sollten sich die Kulturwissenschaften dieser heuristischen Trias von Geschichte, Ökonomie und konkreten Lebensvollzügen entziehen, könnten sie schnell in die Gefahr geraten, als gesellschaftlich ephem und erkenntnislogisch esoterisch wahrgenommen zu werden.

Lutz Musner studierte Philosophie/Psychologie/Soziologie (Uni Innsbruck) und habilitierte sich 2002 an der Humboldt-Universität Berlin. Er ist stv. Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien. [IFK]

 

Gabriela Stockmann

Von der Freiheit in die Abhängigkeit

Welchen Sinn hat meine Arbeit? Diese Frage stellen sich heute viele Menschen – als Antwort auf eine zunehmend überwachte und automatisierte Arbeit. Auf der Suche nach mehr Freiräumen und Selbstbestimmung finden sich viele im Prekariat wieder.

Sie arbeiten dann als freie DienstnehmerInnen, zeitlich befristet, als Ein-Personen-Unternehmen oder in Teilzeit. Alle diese atypischen Beschäftigungsformen haben seit 2004 stärker zugenommen als die unselbstständige Erwerbstätigkeit insgesamt. Soziale Rechte, wie man sie noch vor 20 Jahren kannte, werden damit abgebaut, Tariflöhne umgangen. Wie viel Geld im nächsten Monat aufs Konto kommt, ist ungewiss. Krank zu werden wird zum persönlichen Risiko. Die Folge: Ohne Unterstützung von PartnerInnen oder Staat geht sich für viele das Leben nicht mehr aus. Der subjektive Traum von Selbstbestimmtheit endet in der prekären Realität: Da dominieren dann Abhängigkeit (von PartnerInnen), Zukunftsangst (Rente), Ausbeutbarkeit (aus Angst vor Jobverlust) und Stress (Multi-Jobbing).

Der Frauenanteil ist im Prekariat besonders hoch. Frauen landen (oft wegen der Kinder) in der Teilzeitfalle und sind zum Überleben auf ihre (noch) verdienenden Männer angewiesen. Frauen lassen sich eher auf niedrige Löhne ein, arbeiten Teilzeit, in Verkauf, Pflege oder Bildungswesen. Gerade im Bildungswesen, einer Branche, in der Topausbildung erwünscht ist, wird seit einigen Jahren massiv lohngedumpt. „Niemand kann erklären, warum eine Arbeit, die vor zehn Jahren noch 30 Euro brutto pro Stunde wert war, bald mit 18 Euro entlohnt werden soll“, sagt etwa die selbstständige Bildungsarbeiterin Betty Kopp.

Auch die Hochschullehrerin Teresa M. ist mit diesen Verhältnissen unzufrieden. Sie sagt: „Eine kleine Hoffnung, dass sich in Zukunft noch etwas verbessert, habe ich, weil im privaten Bildungswesen auch immer mehr Männer tätig sind. Die schlagen alle die Hände über dem Kopf zusammen über die sehr prekären Arbeitsverhältnisse.“ Ob sich ihre Hoffnung je erfüllen wird, sei dahingestellt.

Gabriela Stockmann ist freiberufliche Journalistin und Buchautorin. Website: gast.adaxas.net [Schneeberger]

 

Werner MichaelSchwarz

Elendskleidung fürdie Bilder?

Mit Kamera und Magnesiumblitzlicht ausgerüstet stiegen der Journalist Emil Kläger und der Amateurfotograf Hermann Drawe 1904 in die Wiener Kanäle und förderten spektakuläre Bilder großstädtischen Elends zu Tage. Obwohl das Phänomen der Polizei lange bekannt war, konnte das Duo die „Entdeckung“ nachhaltig für sich beanspruchen. Denn sie lieferten Bilder, die die Problematik im grellsten Licht zeigten.

Was Kläger und Drawe in den Kanälen tatsächlich suchten, ist allerdings wenig eindeutig. Von beiden existieren Fotografien, die sie in „Elendskleidung“ zeigen, in der sie sich unter die „Kanalbewohner“ mischten, um unerkannt zu bleiben. Allein die vom Magnesium verursachte Stichflamme dürfte ihre wahre Identität bald preisgegeben haben. Überzeugender erscheint, dass die Verkleidung für das Publikum ihrer populären Lichtbildvorträge in der Wiener Urania bestimmt war. Der Gang in die Kanäle spekulierte mit dem Schock der räumlichen Nähe zu dieser unterirdischen Welt und der Einsicht in die Brüchigkeit der eigenen (bürgerlichen) Existenz.

Kläger und Drawe präsentierten ihrem Publikum die Lebensbedingungen der Obdachlosen als schauriges Schauspiel, das sie durch den Einsatz der Fotografie authentifizierten und mit attraktiven Erzählungen und Assoziationen unterlegten. Bereits zeitgenössisch stießen sie damit nicht nur auf ungeteilte Zustimmung. Die Arbeiter-Zeitung polemisierte gegen den Einsatz der Bilder und Geschichten als (Medien-)Spektakel.

Aber auch der Sozialdemokrat Max Winter repräsentiert nach jüngerer Lesart nicht nur den Typus eines engagierten (Sozial-)Reporters. Auch er trug „Elendskleider“, genoss es sichtlich, im Milieu, einschließlich der Polizei, bekannt zu sein, und beschrieb seine Unternehmungen mit dem geläufigen Vokabular des (kolonialen) Entdecker- und Abenteurertums.

Die Bilder und Beschreibungen der Elendsquartiere, von Obdachlosigkeit, Ausbeutung oder Gewalt erweisen sich bis in die Gegenwart als widerspruchsvoll und mehrdeutig. Anteilnahme, Empörung, Anklage, Agitation oder schlichtweg Unterhaltung beschreiben die Bandbreite der verschiedenen Zugänge. Die Medien, die sie verbreiten, folgen wiederum ihren eigenen, oft am Markt orientierten Gesetzen. Zusammen setzen sie der Darstellung des Elends jeweils ihre spezifischen Grenzen. Schließlich bleibt immer die Frage nach dem Respekt vor den Betroffenen und dem eigentlichen Nutzen für sie.

Werner Michael Schwarz, Historiker, Kurator im Wien Museum, u.a. Mitarbeit bei der Ausstellung „Ganz unten. Die Entdeckung des Elends“, Wien 2007. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)

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