ORF III: Über dem Tellerrand

Am Montag präsentiert der ORF den Kultur- und Infokanal. Er ist Präsentierteller für Kultur, Bühne für Demokratie und Experimentierfeld in einem. Peter Schöber, Senderchef von TW1, stellt den neuen Kanal auf.

(c) Mirjam Reither

Ein Chefbüro sieht anders aus. Peter Schöber, Senderchef von TW1, das demnächst zum Kultur- und Spartenkanal „ORF III Kultur und Information“ mutieren soll, residiert bescheiden in einem der hintersten Winkel des ORF-Zentrums. Für den imposanten Oskar Stocker an der Wand, der Schöbers „Boys“, wie er seine Söhne liebevoll nennt, in Altrosa und Grau verewigt hat, reicht der Platz – und so wird die Arbeit des Papas von zwei lächelnden Jungs überwacht.

Die beobachten in aller Ruhe, wie Schöber mit seiner kleinen Mannschaft einen 24-Stunden-Sender für Kultur und Information aufstellt, dessen Programm morgen, Montag, im Radiokulturhaus präsentiert wird. ORF III versteht sich als „Ergänzung zum Vollprogramm von ORF2 und 3sat“, sagt Schöber. Es stützt sich inhaltlich auf vier Säulen: Kultur und Regionalität, Religion und Wissenschaft, Information – und darauf, eine Bühne für österreichische und europäische Kunst- und Kulturschaffende zu sein.


Wie die Literatur ins Kraftwerk kam.
Einer davon ist Stocker, der von jedem Gast der TW1-Büchersendung „Erlesen“ (sie wird ins Programm von ORF III übernommen) „so einen Riesenschinken“ malt, wie Schöber ihn zum Geburtstag bekam. „Der malt sie alle – von Christine Nöstlinger bis Gert Voss. Und wir zahlen außer der Leinwand nichts.“ Die solcherart geehrten Studiogäste dürfen ihr Porträt zwar nicht behalten – aber es dient als schräge Studiodekoration (Stocker trifft seine Modelle vorab, malt dann nach Foto).

Der Drehort ist ungewöhnlich: „Erlesen“ entsteht in einem Kraftwerk. „Wir haben den Pilot in der Nationalbibliothek gedreht. Das ist zwar ein schöner Rahmen, aber die Studiogäste gehen da drin ein. Das hat eine Wucht, die haut einen um.“ Also fuhr Schöber seine kommunikativen Fühler in Richtung Kooperationspartner Wien Energie aus – und fand in einem Kraftwerk einen faszinierenden Rahmen: Der Bau erinnere ihn an die unterkühlt-technische Ästhetik von Ridley Scotts „Bladerunner“. Moderator Heinz Sichrovsky hat Schöber bei einer Bühnen-Moderation im Konzerthaus entdeckt: „Er hat noch nie Fernsehen gemacht. Aber das ist der Vorteil unseres Senders: Wir stehen nicht unter Quotendruck, können ausprobieren, basteln.“


Der Bundesrat, ein wichtiger Hit. Mit Übertragungen aus dem National- oder Bundesrat live und in voller Länge lockt man nicht enorme Zuschauermassen vor den Bildschirm. „Der Bundesrat, das ist der Hit“, schmunzelt Schöber. Aber wichtig: „Demokratie ist ein mühsamer Prozess. Eine gewisse Politikverdrossenheit ist heute da. Wir wollen vermitteln, wie demokratische Prozesse funktionieren, und uns dabei nicht auf Plattitüden beschränken. Daher sind die Live-Übertragungen aus dem Parlament ein wesentliches Asset unseres Senders.“ „Inside Brüssel“ kommt von ORF-Korrespondent Raimund Löw: „Wir wollen über den Tellerrand blicken und europäische Themen nicht nur aus österreichischer, sondern vor allem aus europäischer Sicht beleuchten“ – mit Studiogästen wie EU-Kommissaren oder Korrespondenten anderer Medien, auch der „Presse“.

Neu sind auch tägliche Kulturnachrichten („Kultur heute“, Mo–Fr, 20–20.15h, mit Ani Gülgün-Mayr und Peter Fässlacher); eine Sendung mit Karl Hohenlohe („Was schätzen Sie?“), in der Sammlerstücke vom Bauernmöbel bis zum Oldtimer geschätzt werden. Mit dem neuen Format „Fernsehen wie damals“ soll laut Schöber „die gesellschaftspolitische Entwicklung anhand des ORF-Archivs nachverfolgt werden“. Da werden alte „Club 2“-Sendungen ausgestrahlt oder Lebenshilfe-Formate aus den 1950ern: „In einer Sendung etwa erklärt ein Schauspieler mit Anzug und Krawatte, der in seinem Leben sicher noch nie gebügelt hat, einer Frau, die das hilflose Hascherl mimt, wie man das macht.“


Mit 3,2 Millionen Euro „goschert“. Schöber muss mit nur 3,2 Millionen Euro im Jahr auskommen. „Wir können leicht goschert sein: Wir sind klein und flexibel. Aber das geht nur, weil wir eine sehr potente Mutter im Hintergrund haben, deren Ressourcen wir nützen können. Mit Dr. Helmut Kaiser habe ich einen erstklassigen Geschäftsführerkollegen, der sich um Finanzen und Technik kümmert.“

Ideen sind gefragt: Für „Kulturwerk“ interviewt Barbara Rett Berühmtheiten von Georges Prêtre bis Rudolf Buchbinder im Stahlwerk der Voestalpine. Schöber: „Manchmal zahlen wir ein Hotel – mehr nicht.“ Der Grund: Schöber lockte der Voestalpine ein tolles Auto und einen Fahrer heraus, „weil ich weiß von Barbara, wie sehr diese Leute das Fliegen nervt“. Mittels motorisierter Voest-Kutsche werden die Gäste nun aus ganz Europa abgeholt. Und kommen gern. Auch ohne Gage.

 

DAS SCHEMA

Montag: Doku-Zeit. Zum Start: sechs Teile „Wir Europäer“.

Dienstag: Kultur. „Kulturmontag“ (WH, 20.15h), „Erlesen“, „Kulturwerk“. Neu: „Was schätzen Sie?“ mit Karl Hohenlohe, „Fernsehen wie damals“.

Mittwoch: Religion/Wissenschaft.
„Kreuz & Quer“ (WH, 20.15h), „Treffpunkt Medizin“.

Donnerstag: Europa/Internationales.
„Inside Brüssel“; „Im Brennpunkt“: Reportagen-Schwerpunkt Afrika; „Im Klartext“, „Im Zeitraum“: Philosophiegespräche mit Johannes Kaup.

Freitag: Österreichischer Film. Dazu „Kultur im Gespräch“ mit Barbara Rett und „Theater- und Fernsehlegenden“.

Samstag: Zeitgeschichte, danach:„Kult reloaded“, z. B. Farkas/Waldbrunn, Herr Karl etc.; Unser Österreich: Volkskultur, Kulinarik, Brauchtum am Vorabend.

Sonntag: Erlebnis Bühne. Oper, Konzerte, präsentiert von B. Rett.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2011)

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