Anderson Cooper: Narziss mit exzentrischer Mutter

Die schillernde Welt des Anchorman: CNN-Krisenreporter Anderson Cooper zeigt als Moderator der Talkshow "Anderson" und Spross der Vanderbilt-Dynastie sein zweites Gesicht.

Anderson Cooper Narziss exzentrischer
Anderson Cooper Narziss exzentrischer
Anderson Cooper – (c) REUTERS (LUCAS JACKSON)

Halb war es ihm peinlich, halb kokettierte Anderson Cooper mit der Sequenz, die auf der Internetplattform YouTube zur Instant-Sensation wurde. Wie ein High-School-Teenie hatte sich der vermeintlich toughe Nachrichtenmoderator vor Kichern nicht mehr halten können, als er in seiner CNN-Sendung „Anderson Cooper 360°“ über die Pinkelposse Gérard Depardieus berichtete. In seiner neuen Personality-Talkshow „Anderson“ war der barocke französische Star prompt aus Dublin zugeschaltet, um den Vorfall in der Air-France-Maschine launig Revue passieren zu lassen. „Ich bin ein Elefant“, dröhnte er und hielt zum Gaudium des gar nicht so prüden US-Studiopublikums eine Magnumflasche in die Kamera – einen riesigen leeren Wasserbehälter.

Es war zweifellos einer der Coups zum Auftakt der nachmittäglichen Talk-Reihe, die Anderson Cooper als potenziellen Erben der Talkshow-Queen Oprah Winfrey positionieren soll. Der 44-Jährige mit der Messerschnittfrisur und der silbernen Tolle hatte sich als Krisenreporter bei CNN einen Namen gemacht. Wo immer es brannte und bebte, wo immer die Dämme brachen und Aufruhr drohte – Cooper war zur Stelle, als Berichterstatter und Kritiker, die Missstände anprangernd: beim Tsunami in Indonesien, bei Hurrikan Katrina in New Orleans, bei der Ölkatastrophe am Golf von Mexiko, bei den Erdbeben in Haiti und Japan, beim Volksaufstand in Kairo. In seinem knappen grauen T-Shirt, die durch regelmäßiges Work-out trainierten Muskeln kaum verhüllend, lieferte er TV-Satirikern wie Jon Stewart indes die Vorlage für beißenden Spott.


In seiner Talkshow „Anderson“ – der Titel ist nicht zuletzt Beleg dafür – tritt die Eitelkeit des News-Junkies und Workaholics, der vorgibt, nicht länger als eine Woche ohne seinen Job auszukommen, vollends zutage. Mal posiert der Narziss neben seinem wächsernen Abbild für Madame Tussauds Kabinett, mal albert er in seinem Strandhaus in den Hamptons in Bett, Pool und Fitnessstudio – stets mit nacktem Oberkörper – mit der Komikerin Kathy Griffin herum; mal lässt er sich mit Bräunungsspray einsprühen, mal mit Vulkanschlamm einreiben. Mit Lust an Spiel, Spaß und Klatsch zeigt der Starjournalist sein zweites Gesicht, seine VIP-Gäste verkümmern daneben zur Staffage.

Tatsächlich verblassen manche der Reality-TV-Promis gegen den Celebrity-Glamour ihres Gastgebers, den er bisher sorgsam verborgen hielt. Als Sohn der New Yorker Society-Lady Gloria Vanderbilt, als Nachfahre des Eisenbahnbarons Cornelius Vanderbilt, zählt er zum Ostküstengeldadel. Mit zehn Jahren warb er bereits als Model für Calvin Klein und Ralph Lauren, mit elf begleitete er seine Mutter und Michael Jackson ins „Studio 54“, New Yorks legendäre Disco der 1970er- und 1980er-Jahre.

Später wollte er von der schillernden Welt seiner Mutter nichts mehr wissen. In ihrer Autobiografie breitete die Exzentrikerin, verheiratet unter anderem mit dem Dirigenten Leopold Stokowski und dem Regisseur Sidney Lumet, ihre Affären mit Howard Hughes, Frank Sinatra oder Marlon Brando aus. Cooper zog es stattdessen nach Ruanda oder Vietnam. Der Selbstmord seines zwei Jahre älteren Bruders Carter, der 23-jährig aus dem mütterlichen Apartment sprang, war zugleich Zäsur und Antrieb für seine journalistische Karriere, die ihn oft genug die Gefahr suchen ließ. Nie, so schwor er, wollte er sich so der Öffentlichkeit aussetzen wie seine Mutter.

Mit dem Credo ist es vorbei. Jüngst lud er gar seine 87-jährige Mutter – gestrafft und geglättet, als wäre sie halb so alt – zur Therapiestunde und tränenseligen Beichte coram publico ins Studio. Wer sich so exhibitioniert, sich indes ziert, das letzte Zipfelchen an Intimsphäre zu lüften, muss sich nicht wundern über Anspielungen seriöser Blätter wie der „Washington Post“: „Ist er oder ist er nicht?“ Ein „Outing“ des Anchorman würde niemanden überraschen, seine Homosexualität gilt in der Branche als offenes Geheimnis.

Auf einen Blick

Anderson Cooper. Der 44-Jährige hat sich als Krisenreporter und Moderator einen Namen gemacht. Wo es in den vergangenen Jahr brenzlig war, war er zur Stelle. In New Orleans und auf Haiti prangerte er die Unfähigkeit der Behörden an. Jetzt erscheint er täglich zweimal auf dem Fernsehschirm. Der Moderator der CNN-Show „Anderson Cooper 360°“ wechselte als Gastgeber des Nachmittags-Talks „Anderson“ im Lokalfernsehen das Metier. Der Spross der Vanderbilt-Dynastie eifert darin der Talkshow-Queen Oprah Winfrey nach.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2011)

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