Sexschule: Was die Junge Industrie erreichen wollte

Das Ziel war mehr Debattenkultur. Experten zufolge wurde es knapp verfehlt. Die Teilorganisation der Industriellenvereinigung steckt hinter der Gruppe „The BirdBase“.

(c) Frei

Wien/Uw. Hätte man wetten müssen, wer der Kopf hinter der fiktiven Austrian International School of Sex ist – die Junge Industrie wäre wahrscheinlich nicht der allererste Tipp gewesen. Doch gestern, Donnerstag, bestätigte Martin Amor, Sprecher der Jungen Industrie, was „Die Presse“ schon berichtet hatte: Die Teilorganisation der Industriellenvereinigung steckt hinter der Gruppe „The BirdBase“. Diese hatte in den vergangenen Wochen mit der falschen Sexschule und zuvor mit einem vor Fehlern strotzenden Kafka-Schulbuch viele, auch internationale Medien an der Nase herumgeführt.

Die Idee, sagt Amor, sei vor einem Jahr „im inneren Kreis der Jungen Industrie“ entstanden. Man wollte die heimische Debattenkultur in Gang bringen – „aber nicht als Junge Industrie, weil alles, was wir machen, sofort in ein bestimmtes parteipolitisches Eck gestellt wird, und das stört uns“. Das Konzept für eine fiktive aktionistische Gruppe, die mit Hoax-Aktionen für ihre Anliegen wirbt, wurde dann gemeinsam mit schwedischen und Wiener Kommunikationsexperten umgesetzt. Die Kosten will Amor nicht nennen, nur so viel: „Sie waren eher gering.“

Mit dem Kafka-Buch wollte man auf die Bildungsproblematik aufmerksam machen, mit der Sexschule auf die Finanzierung des Pensionssystems. „Eine Sexschule für mehr Kinder und damit für die Sicherung der Pensionen war natürlich ein blöder Scherz“, sagt Amor. Der „sachliche Spin“ – das Scheitern der Pensionsreform –, den man dem Thema verpassen wollte, sei durch die vorzeitige Enttarnung aber verhindert worden. Genauso wie eine weitere Aktion, die man heute, Freitag, bei einer Pressekonferenz vorstellen will. Wie es nun weitergeht, ist offen. „Wir waren vom Medienecho überrascht und auch davon, dass das so ernst genommen wurde“, sagt Amor. Insgesamt seien die Reaktionen positiv gewesen. Zumindest als Diskussionsplattform auf Facebook soll „BirdBase“ weiterbestehen.

Was die Aktion bisher gebracht hat, beurteilen Branchenexperten differenziert: „Eine witzige Idee“, sagt Saskia Wallner, Geschäftsführerin von Ketchum Publico, „aber die Junge Industrie ist sich selbst in die Falle gegangen. Sex bringt viel Aufmerksamkeit, doch das Anliegen dahinter bleibt auf der Strecke. Sex kannibalisiert jedes andere Thema, und man landet schnell im Boulevard.“ Das Kafka-Buch habe die Idee besser umgesetzt.

 

Zu oft um die Ecke gedacht

Ähnlich sieht es Niko Alm, Geschäftsführer der Werbeagentur Super-Fi: „Es ist gelungen, Irritation zu erzeugen, aber das eigentliche Thema wurde zu wenig kommuniziert.“ Vielleicht auch weil der Hoax zu verschachtelt war: „Es wurde wohl einmal zu viel um die Ecke gedacht.“ Zu bedenken sei auch, dass eine Sexschule nicht wirklich zum Image der Jungen Industrie passe: „Das hinterlässt bei manchen vielleicht einen seltsamen Beigeschmack.“ Dieses Problem sieht auch Wallner: „Am Ende wird wieder nicht über das Thema dahinter diskutiert, sondern nur darüber, ob die Aktion zur Jungen Industrie passt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2011)

Kommentar zu Artikel:

Sexschule: Was die Junge Industrie erreichen wollte

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen