Presse: "Druck auf türkische Journalisten gestiegen"

Die renommierte Journalistin Ece Temelkuran kritisiert fragwürdige Inhaftierungen kritischer Medienschaffender in ihrem Heimatland. Das neue türkische Selbstbewusstsein als Regionalmacht sieht sie mit Sorge.

(c) privat

Wien. Ece Temelkuran blickt derzeit aus der Ferne auf ihr Land. Die 1700 Kilometer Luftlinie, die zwischen Tunis und Istanbul liegen, lassen ihre Einschätzung jedoch nicht milder ausfallen: „In der Türkei ist der Druck auf Journalisten massiv gestiegen“, sagt sie.

104 Journalisten saßen laut einem internationalen Bericht bis Mitte März im Gefängnis, die meisten wegen eines umstrittenen Antiterror-Paragrafen, der ihnen Komplizenschaft mit der kurdischen Untergrundorganisation PKK vorwirft. „Die Beweise sind oft fragwürdig oder fehlen überhaupt.“ Im aktuellen „Press Freedom Index“ von Reporter ohne Grenzen ist die Türkei auf Platz 148 von insgesamt 179 abgerutscht. Lange Untersuchungshaft werde in vielen Fällen als alternative „Form der Bestrafung“ angewendet, sagt die 38-jährige Journalistin, die in Tunis an ihrem zweiten Roman schreibt und auf Einladung des Wiener Instituts für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) gestern in Wien war.

Temelkuran sieht sich selbst als Opfer dieses Drucks: Die Journalistin, die zehn Jahr lang für die liberale Zeitung „Milliyet“ tätig war und bisweilen für den britischen „Guardian“ schreibt, wurde im Jänner von ihrem Arbeitgeber „Habertürk“ gekündigt. Offizielle Begründung: Sie habe zu extensiv soziale Medien genutzt. „Ich habe intensiv über inhaftierte Journalisten geschrieben und getwittert“, sagt sie. Das habe offenbar gestört.

 

„Verführerische“ Machtgefühle

Temelkuran sieht die Verfolgung kritischer Journalisten im größeren Zusammenhang. „Die Regierung will eine moderat islamische, neoliberale Gesellschaft schaffen, ein Vorbild für den gesamten Nahen Osten. Was aktuell passiert, ist die ,Dubaiisierung' der Türkei.“ Kritik von Minderheiten oder Opponenten soll – wie im Golfemirat – zum Verstummen gebracht werden.

Den Aufstieg ihres Landes zu einer selbstbewussten Regionalmacht betrachtet Temelkuran daher auch mit Sorge. „Macht ist verführerisch.“ Ein Effekt dieses Selbstbewusstseins ist, dass die EU-Annäherung als Zukunftsperspektive für das Land an Relevanz verloren hat. Daran litten vor allem Minderheiten. „Kurden und Armenier fühlen sich im Stich gelassen. Der Druck von außen auf die Regierung hat leider nachgelassen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2012)

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