Studie über „Bild“: Guter Wulff, böser Wulff

Eine deutsche Studie untersuchte die Berichte der „Bild“-Zeitung über Ex-Bundespräsident Christian Wulff aus sechs Jahren: vom Jubel über die kritische Distanz bis zur regelrechten Jagd auf den Politiker.

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(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)

2700-mal hat die deutsche „Bild“-Zeitung innerhalb der vergangenen sechs Jahre über den Politiker Christian Wulff berichtet. Genug Material für die beiden Studienautoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz und ihre Analyse der Beziehung des Boulevardblattes zu dem im Februar zurückgetretenen deutschen Bundespräsidenten.

Im Kern kommt die heute, Montag, veröffentlichte Studie zu dem Schluss, dass Wulff zu Recht davon ausgegangen ist, zwischen ihm und „Bild“ habe keine klassische Beziehung zwischen Politiker und Journalisten, sondern eine seit Jahren erprobte Geschäftsbeziehung bestanden. Eine Rolle spielen dabei auch die durchaus engen Beziehungen zwischen Mitarbeitern des Blattes und Wulff. All das macht Wulffs wütenden Anruf bei „Bild“-Chef Kai Diekmann eine Spur nachvollziehbarer.

Die Studie unterscheidet drei Phasen in der Beziehung von „Bild“ und Wulff: Es begann mit der „Jubelphase“, die ihren Höhepunkt bei seinem Antritt zum deutschen Bundespräsidenten erreicht hatte. Das Präsidentenpaar wurde abwechselnd glänzend („Bettina Wulff – schön wie eine Prinzessin“) oder besonders normal („Hier steht Wulff bei Karstadt an“) dargestellt. Schon als Wulff Ministerpräsident von Niedersachsen gewesen war, hatte „Bild“ ihn stets als fleißigen, ehrlichen Mann skizziert und sogar die Trennung von seiner Familie für seine zweite Frau Bettina wohlwollend begleitet. Ab Dezember 2011 änderte sich die Ausrichtung des Blattes mit den zunehmenden Vorwürfen gegen Wulff, nun begann die „Wirbelphase“. Die Studie lobt „Bild“ immerhin dafür, dass sie Wulff, den sie als Helden aufgebaut hatte, nicht innerhalb weniger Tage „direkt aus dem Himmel in die Hölle“ geschickt habe.

 

Gespielte Distanz in der „Wirbelphase“

Stattdessen agierte das Blatt „scheinbar journalistisch“ mit gespielter Distanz und dem Fokus auf den Wirbel um Wulff („Die Debatte hört nicht auf“), den sie selbst ins Rollen gebracht hatte, und sorgte im Hintergrund dafür, das andere Medien über die Mailboxnachricht berichteten. Das ist generell eine beliebte Taktik von „Bild“: andere einzusetzen, um die eigene Botschaft zu transportieren. Die Studienautoren haben das schon in ihrer Analyse der „Bild“-Darstellung der Griechenland- und Eurokrise 2011 festgestellt. Auch bei Wulff funktionierte das hervorragend, etwa indem auffallend oft SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel zur Sache zitiert wurde („Gabriel giftet erneut gegen Wulff“).

Erst mit dem Rücktritt, in der dritten, der „Jagdphase“, schwenkte „Bild“ „voll auf Volkszorn“, wie es in der Studie heißt, und machte aus dem „guten Wulff“ den „bösen Wulff“, attackierte den Expräsidenten, während seine Frau Bettina weiterhin glorifziert wurde („Was für eine Frau“).

Zwei Aspekte aus der Studie sind interessant: Gerade als Wulff sich möglicherweise Urlaub erschnorrt und das Parlament getäuscht hatte, pries „Bild“ ihn als wunderbaren Menschen. Als seine Verfehlungen bekannt wurden, bestand die Strategie des Blattes darin, „höchstmögliche Aufmerksamkeit zu erregen und selbst dabei am besten und prominentesten wegzukommen“.

Fazit der Studie: Wer „Bild“ im Fall Wulff für guten Journalismus lobt, müsse auch „Stalker für ihre Treue und Schwarzfahrer für ihr umweltfreundliches Verkehrsverhalten auszeichnen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2012)

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