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An Kerns Seite: Mit Lysoform-Spray in den Wahlnahkampf

Markus Huber hat eine lange Reportage über die Kampagne von Christian Kern verfasst. „Die letzte Ausfahrt“ zeigt Schwächen des Bundeskanzlers und der SPÖ in den sechs Wochen vor dem 15. Oktober auf – ungeniert und voller Empathie.

Bundeskanzler Christian Kern und Ministerin Pamela Rendi-Wagner im Tourbus der SPÖ.
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Bundeskanzler Christian Kern und Ministerin Pamela Rendi-Wagner im Tourbus der SPÖ.
Bundeskanzler Christian Kern und Ministerin Pamela Rendi-Wagner im Tourbus der SPÖ. – (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Markus Huber ist im falschen Bus gesessen. Zumindest, was die Erwartung betraf, dass die Wahlkampftour des SPÖ-Chefs Christian Kern zu einer „Jubelfahrt ins Kanzleramt“ werden sollte. Sechs Wochen hat der Herausgeber von Magazinen wie „Fleisch“, „Wald“ et cetera den kurzzeitigen Regierungschef der zerplatzten großen Koalition begleitet – in der Kampagne bis zur Wahl am 15. Oktober. Ergebnis: eine raffiniert simple Abhandlung über eingebetteten Journalismus, den Irrsinn einer Partei und über Kandidat Kern, der bald Ex-Kanzler sein wird, falls der Bundespräsident ein türkisblaues Kabinett nicht doch noch ablehnt. Aufschlussreich sind auch die Fotos von Ingo Pertramer im Buch.


Hier kommt der Aufschwung! Wer also von der Endlosschleife an sinnentleerten TV-Diskussionen matter Spitzenkandidaten schockiert war, vom Wahlergebnis enttäuscht ist und trotzdem wissen will, was die Roten in diesem schwarzen September und der viel zu heißen ersten Oktoberhälfte 2017 so getrieben haben, der kann die geistreiche Mitfahrt im „Hier-kommt-der-Aufschwung“-Bus nachempfinden. Als Trostbüchlein. Fürs nächste Mal kann man aus vielen Fehlern lernen. Die Lektüre von „Die letzte Ausfahrt“ (über redaktion@fleischmagazin.at oder im Buchhandel zu beziehen) dauert nicht so lang wie die „Extended Version“ der Wahlrede des Kanzlers („exakt eine Stunde und 25 Minuten – ohne Applaus“), deren Varianten der Reporter so oft über sich ergehen ließ, dass er sie am Ende offenbar auswendig konnte.

Dieses Opfer dürfte Huber, einst Redakteur für Innenpolitik bei den Wochenblättern „Profil“ und „Format“, trotzdem nicht schwer gefallen sein: „Weil Christian Kern der Typ Mensch ist, von dem wir gerne hätten, dass er in die Politik geht (klug, dynamisch, nachdenklich, nicht auf die Pointe aus), aber wenn diese Typen dann in der Politik sind, dann sind sie für die meisten viel zu kompliziert und deshalb einfach nicht mehrheitsfähig.“ Huber zeigt offen seine Sympathie, aber diese relativiert sich, weil er ein genauer Beobachter ist und das Erlebte ungeniert aufzeichnet. Er weiß auch, dass solch eine lang andauernde Nähe oft die Objektivität verlieren lässt, er hofft und bangt mit Kern, als ob er zu dessen innerstem Kreis gehörte.

Was also ist der Mehrwert an Wissen nach dieser anstrengenden Klassenfahrt? Bevor der Spitzenkandidat aus dem Bus steigt, sprayt er seine Hände mit Lysoform ein – er soll beim Gang aufs Land ein Kanzler zum Angreifen sein, aber wer so viele Hände schüttelt kann sich auch leicht eine Grippe holen. Auf jeden Fall wird er erschöpft sein. Einer der Kritikpunkte Hubers: Der Kanzler wurde geradezu müde gefahren. Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler, der offenbar auf einen Wahlkampfstil wie aus den Neunzigerjahren setzte, habe Kern in den ersten vier Wahlkampfwochen 6000 Kilometer kreuz und quer durch Österreich fahren lassen, „bis er k. o. war, und das hat man dann bei den ersten Fernsehauftritten auch gesehen“, sagt ein Vertrauter des Kanzlers.


Die Abrechnung mit der SPÖ-Zentrale fällt hart aus. Unter Niedermühlbichler, der im letzten Moment vor der Wahl gefeuert wurde, sei „die Partei zu langsam und träge geworden, seine Mitarbeiter, sagen manche, wären eine Vorgabe gewesen: mehrheitlich zu faul, zu schlampig und sozial unverträglich.“ Nach so einem Urteil braucht man das „dirty campaigning“ des Beraters Tal Silberstein gar nicht mehr als Ausrede, es reicht „diese Scheiße“ in der Löwelstraße. Solche Passagen sind im Jammerton eines überzeugten Kern-Fans verfasst, der von der Partei enttäuscht ist. Solcherart wird auch die Rangelei geschildert, die zwischen den Teams Kern und Löwelstraße ausbrach, als die Nerven blank lagen. Da bekämpften einander dann nur noch Verlierer.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2017)

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