Soziale Medien sind oft lästig wie Fußpilz

Mediator Der Skandal um missbräuchlich verwendete Daten von Millionen Nutzern des Netzwerks Facebook legt drastische Maßnahmen der Regulierung nahe. Am besten wäre es wohl, man würde solche Giganten wie die vor 100 Jahren zurechtstutzen.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) imago/Becker&Bredel (BeckerBredel)

Es war schon immer trügerisch, ein Freund von „Facebook“ zu sein. Dieses soziale Medium ist in seiner Neugier aufdringlich und lästig wie Fußpilz. Wer dort je einen Account eröffnet und penetrante, auch sehr persönliche Fragen beantwortet hat, um dann die Mitgliedschaft doch wieder zu beenden, weiß, wie schwer es fällt, solch einen Account zu löschen. Versuchen Sie einen Neueinstieg. Sie werden wahrscheinlich sehen, dass alle Ihre Daten nach Jahren noch abgespeichert sind, wie mir betroffene Kollegen erzählt haben.

Der aktuelle Skandal des Mediengiganten bestätigt schlimmste Befürchtungen. Selbst Blätter divergenter Weltanschauungen scheinen sich in diesem Fall einig zu sein: So ein Netz ist auch antisozial. Facebook hat seine Kunden verraten. Daten von 87 Millionen Nutzern wurden via Cambridge Analytica (CA) mutmaßlich für Wahlkämpfe missbraucht. Die Zahl steigt stetig. Vermutlich werden am Ende sogar alle ausspioniert, die ihre Likes abgeben – zwei Milliarden Informanten einer US-Abart von Staatssicherheit.

Armin Thurnher brachte diesmal im „Falter“ die „dystopischen Überwachungspraktiken“ auf den Punkt: „Was ist die elektronische Fußfessel, verglichen mit dem per Smartphone vernetzten Individuum?“, fragt er. Als Illustration dient ihm solch eine Fessel, neben der eine Apple Watch abgebildet ist – diese Instrumente schauen zum Verwechseln ähnlich aus, sie verdeutlichen, wie wir uns im sozialen Netzwerk verheddern. „Nicht mehr Regierungen und Konzerne, sondern die Social-Media-Giganten beherrschen diesen neuen Zustand“, meint Thurnher.

Sind das vielleicht nur Ängste jener Warner, die einst im Kalten Krieg gegen den gläsernen Menschen, gegen übergriffige Überwachungsstaaten demonstriert haben? Nein. „Big Data is calculating you.“ Die großen fünf aus Kalifornien, die das Netz und seine Technologie dominieren, sind in ihren Methoden der Datensammlung und Auswertung wahrscheinlich mindestens so berechnend wie die Analytiker von CA. Auch „The Economist“ zeigt sich alarmiert von solchen Skandalen. Im Kommentar plädierte das furchtlos-liberale Londoner Blatt diesen Freitag dafür, dass sich die USA die Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union, die Ende Mai in Kraft treten wird, als ein Beispiel nehmen und verbessern. „Copy that“, fordert die Zeitschrift. Das Wesentliche daran: Die Konsumenten sollten über ihre persönlichen Daten verfügen können. Wie schwer das bisher ist, zeigt eine weitere Geschichte im „Economist“: Ein Belgier wollte 2016 von Facebook Auskunft über all die Daten, die es über ihn gesammelt hatte. Das steht ihm als EU-Bürger zu. Die US-Firma bestätigte ihm zwar nach 106 Tagen, dass es diese Daten gebe, weigerte sich aber, das Material zur Verfügung zu stellen. Der Aufwand dafür wäre „unverhältnismäßig“ hoch. Der Bürger bat die Datenschutzkommission um Hilfe. Diese ist noch immer mit der Auswertung beschäftigt.


Da hilft nur Trust Busting. Im deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ meldete sich zuvor der Rechtsprofessor Tim Wu zu Wort, der in seinen Bestsellern „The Master Switch“ und „The Attention Merchants“ solche Entwicklungen früh analysiert hat. Grund allen Übels sei das Geschäftsmodell – man verwerte Daten von Nutzern zu Werbezwecken. Wu rät dazu, solche Datenriesen zu regulieren: „Facebook ist einfach zu groß geworden.“ In den USA gebe es eine Tradition, wie man mit solchen Unternehmen umgehe: „Man zerschlägt sie, sehr aggressiv, so, wie es unter Präsident Theodore Roosevelt Anfang des 20. Jahrhunderts geschehen ist.“ Das nannte man Trust Busting. Von Regulierung spricht inzwischen auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Wu glaubt jedoch nicht, dass er das wirklich will. Er sei „ein Mann mit einem empfindlichen Ego, der groß und mächtig sein will“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2018)

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