"Im Zentrum": Das Du-Wort macht die Runde

TV-Notiz Hochkarätige Diskussionsgäste analysierten bei "Im Zentrum" ein Jahr Türkis-Blau - und zeigten, was sich innenpolitisch im letzten Jahr verändert hat. Es gibt neue Köpfe, neue Rollen, eine neue Sprache.

Screenshot der "Im Zentrum"-Sendung, v. l.: Gernot Blümel, Heinz-Christian Strache, Claudia Reiterer, Pamela Rendi-Wagner, Beate Meinl-Reisinger und Maria Stern
Screenshot der "Im Zentrum"-Sendung, v. l.: Gernot Blümel, Heinz-Christian Strache, Claudia Reiterer, Pamela Rendi-Wagner, Beate Meinl-Reisinger und Maria Stern
Screenshot der "Im Zentrum"-Sendung, v. l.: Gernot Blümel, Heinz-Christian Strache, Claudia Reiterer, Pamela Rendi-Wagner, Beate Meinl-Reisinger und Maria Stern – tvthek.orf.at

Der ORF lud am Sonntagabend zur großen Diskussionsrunde, um bei "Im Zentrum" über ein Jahr ÖVP-FPÖ-Regierung debattieren zu lassen. Es kamen die Parteichefinnen der Opposition - Pamela Rendi-Wagner (SPÖ), Beate Meinl-Reisinger (Neos), Maria Stern (Jetzt) - und Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Der ORF hatte Kanzler Sebastian Kurz eingeladen, der schickte Kanzleramtsminister Gernot Blümel als ÖVP-Vertreter vorbei. (Mit durchschnittlich 555.000 Zusehern bei 22 Prozent Marktanteil erreichte diese Ausgabe übrigens den Reichweiten-Topwert im Jahr 2018.)

Inhaltlich versuchte Moderatorin Claudia Reiterer, den Abend in zwei Fragen zu unterteilen, nämlich, ob Österreich nun sozial gerechter und sicherer sei. Es gebe "viele Kontroversen", über sie alle zu sprechen "wäre nicht zielführend", begründete Reiterer ihr Vorhaben - das sie aber nicht zur Gänze umsetzen konnte. Zu unterschiedlich waren die Themen, die ihre Gäste besprechen wollten. Als Beispiel: Zum Thema "sozialer Frieden" fiel Blümel zunächst einmal die (friedliche) Zusammenarbeit der Koalitionspartner ein; Stern wollte über Alleinerzieherinnen sprechen, Meinl-Reisinger über Bildungspolitik, Strache über Schuldenfreiheit, Rendi-Wagner über den angeblichen Selbstverrat der FPÖ. Zumindest wurde so ziemlich hitzig diskutiert.

Wirklich interessant waren aber die Einblicke in eine neue innenpolitische Landschaft, die sich über ein Jahr hinweg herausgebildet hat. So haben ja alle Oppositionsparteien Führungswechsel hinter sich, alle Parteien müssen sich in teils neuen Rollen wiederfinden. Die großen Erkenntnisse aus der Diskussion bei Claudia Reiterer:

1. Heinz-Christian Strache profitierte von der Abwesenheit des Kanzlers. Während eigentlich Gernot Blümel am Sonntagabend Sebastian Kurz' türkiser Vertreter gewesen wäre, gerierte sich Vizekanzler Strache als Regierungschef. Was ihn nicht davon abhielt, einen zweieinhalb Minuten dauernden Monolog über die Verfehlungen "sozialistischer" Politik zu halten. Beate Meinl-Reisinger nannte das ein "therapeutisches Abarbeiten an der Sozialdemokratie des Herrn Vizekanzlers". (Sowohl Strache als auch Blümel sprachen stets von "Sozialisten" anstelle von "Sozialdemokraten", meinten sie die SPÖ.)

2. "Du" oder "Sie"? Wer von Gernot Blümels plötzlichem Du-Wort in Richtung Pamela Rendi-Wagner überrascht war: Dabei dürfte es sich wohl um eine Retourkutsche der Türkisen an die SPÖ-Chefin gehandelt haben. Rendi-Wagner hatte in ihrer Parteitagsrede im November nämlich vom "lieben Sebastian" gesprochen ("Lieber Sebastian, was hast du in all diesen Jahren eigentlich gemacht?"). Die ÖVP-Führung dürfte das nicht vergessen haben. In weiterer Folge beschloss auch der Rest der Runde, einander zu duzen. Provokanter als das "Du" war Blümels paternalistischer Tonfall, den er dem Du-Wort anschloss: "Du warst noch nicht in der Politik, aber die letzten Jahrzehnte war's de facto so, dass die SPÖ-ÖVP-Koalition sehr viel gestritten hat", meinte Blümel zu Rendi-Wagner. (Blümel selber ist seit etwas über einem Jahrzehnt in der Politik.)

3. Beate Meinl-Reisinger gab die neue Oppositionschefin. Die Neos-Vorsitzende trat ruhig und sachlich auf - auf Staatschefinnenart beinahe. Disruptive Manöver wie beispielsweise Unterbrechungsversuche von Gernot Blümel vermochte sie ganz einfach abzustellen: "Darf ich ausreden?" (Ein Jahr türkis-blaue Regierung subsumierte Meinl-Reisinger übrigens unter "Rasen, Rauchen und Rassismus".)

4. Pamela Rendi-Wagner suchte ihre Rolle. Die neue Chefin der Sozialdemokraten verbrachte am Sonntagabend einige Zeit damit, die Politik der letzten rot-schwarzen Regierung zu verteidigen. In die Offensive ging sie kaum. Auf Heinz-Christian Straches Vorwurf, sie würde Unwahrheiten verbreiten, hatte Rendi-Wagner lediglich ein "Da redet der Richtige" parat. (Strache zog übrigens schon in der ersten Viertelstunde der Diskussion die "Fake News"-Keule.)

5. Es gab viel Augenverdrehen und Kopfschütteln. Sowohl bei den Oppositionschefinnen - als auch bei den Regierungsvertretern. Heinz-Christian Strache schlug etwa die Hände zusammen, verdrehte die Augen und gab den Genervten, als Claudia Reiterer eine konkretere Antwort einforderte: "Bitte, nein, Frau Reiterer, ich muss schon die Gelegenheit haben, zu antworten, und zwar so, wie ich will und nicht, wie Sie wollen", meinte er zu Reiterer, die ihm antwortete: "Ja, und ich darf fragen, was ich möchte." Maria Stern entgegnete Strache an anderer Stelle per Hand - mit einer Blabla-Geste. Das sieht man auch eher selten bei Polit-Diskussionen im Fernsehen.

 

Bei Claudia Reiterer diskutierten:

Gernot Blümel, ÖVP, Kanzleramtsminister
Beate Meinl-Reisinger, Neos-Vorsitzende
Pamela Rendi-Wagner, SPÖ-Vorsitzende
Maria Stern, "Jetzt"-Chefin (vormals Liste Pilz, Anm.)
Heinz-Christian Strache, FPÖ-Chef, Vizekanzler

>> Sendung auf TVThek.ORF.at

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